Es ist ein Donnerstag und es ist 18.57 Uhr, als im Ostberliner Internationalen Pressezentrum in der Mohrenstraße nahe dem Gendarmenmarkt Geschichte gemacht wird. Einer der maßgeblich Beteiligten ist das SED-Politbüromitglied Günter Schabowski. Ein anderer ist Riccardo Ehrmann, Korrespondent der italienischen Nachrichtenagentur Ansa. Die Pressekonferenz, in der über den Verlauf der Politbürositzung vom gleichen Tag berichtet wird, nähert sich dem Ende. Da hat Ehrmann noch eine Frage. Nämlich zum Gesetzentwurf einer Reiseverordnung von vor drei Tagen.

Schabowski kramt in seiner Tasche und holt einen Beschlussvorschlag des Ministerrates hervor. Der ist neu und korrigiert den "alten" Entwurf: Schabowski nuschelt die Informationen herunter, die zunächst kaum einer der Journalisten im Saal als Sensation einzuordnen vermag: Privatreisen ins Ausland können von DDR-Bürgern ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden und werden kurzfristig erteilt. Kurze Zeit ist atemlose Stille. Ehrmann, Auslandsjournalist mit 20-jähriger Erfahrung im DDR-Propaganda- und Nachrichtenverhinderungsbetrieb, will es genau wissen und fragt nach: "Ab wann?", andere Journalisten sekundieren: "Wann tritt das in Kraft?" Schabowski, etwas irritiert: "Sofort, unverzüglich." In diesem Augenblick ist die Mauer gefallen. Es ist der 9. November 1989 .

Nahezu 20 Jahre später offenbart der heute 79-jährige Ehrmann erstmals, dass seine Frage nach dem Reisegesetz durchaus nicht seinem spontanen Interesse entsprang. Vielmehr sei er etwa eine Stunde vor der Pressekonferenz "von einem hohen SED-Funktionär, einem Mitglied des Zentralkomitees" angerufen worden. Der Anruf sei aus dem "Unterseeboot", dem fensterlosen Büro des Chefs der amtlichen DDR-Nachrichtenagentur ADN gekommen. Der SED-Mann – Ehrmann bezeichnet ihn als einen Freund aus seiner langjährigen Korrespondentenzeit in der DDR – habe ihn dringend gebeten, bei der Pressekonferenz nach dem Reisegesetz zu fragen, sagte Ehrmann, der heute in Madrid lebt, jetzt dem Berliner Tagesspiegel und in einem Fernsehinterview des MDR .

Eine Art Putschversuch etwa? Davon will Ehrmann nicht sprechen: Es habe eben auch in der Führungsspitze der SED genügend Leute gegeben, die rasche Veränderungen in der DDR gewollt hätten. Ob ADN-Chef Günter Pötschke, seit 1986 Mitglied des Zentralkomitees, selbst dieser Tippgeber war, will Ehrmann mit Rücksicht auf den Informanten und dessen Familie nicht verraten. Pötschke kann darüber nicht mehr Auskunft geben, er ist 77-jährig im September 2006 gestorben.

Günter Schabowski, der seit Jahren fast freundschaftlichen Kontakt zu Ehrmann hat, hält es zumindest für möglich, dass Pötschke den italienischen Journalisten angerufen haben könnte. Der ADN-Chef habe schließlich in der ZK-Sitzung gesessen, die von Egon Krenz am 9. November kurz über die neue Reiseregelung informiert worden sei, wird Schabowski zitiert. "Die Partei war doch zerrüttet." Auch er, Schabowski, habe durchaus kalkuliert, dass die Neuigkeit über die Reisefreiheit aus dem engsten Führungszirkel der Partei hinausdringen könnte. Absurd sei allerdings die Spekulation, Ehrmann sei in Absprache mit ihm selbst zum Stichwortgeber gemacht worden. Er habe die Unterlagen ja in der Tasche gehabt, um auf der Pressekonferenz offiziell darüber zu informieren.

Die meisten in der Partei hätten die Grenzöffnung ohnehin nicht verstanden: "Honecker war von den drei, vier Figuren nur aus diesem Grund gestürzt worden – um Reiseerleichterungen durchsetzen zu können, die die Generalentlastung für Partei und Regierung bringen sollten", sagte Schabowski. Damit, dachte man, würde der Druck herausgenommen, um in Ruhe Veränderungen einleiten zu können. Das Konzept ging bekanntlich nicht auf.

Ehrmann ist der Platz in der Geschichte schon zugewiesen worden: Er hat vor einem halben Jahr das Bundesverdienstkreuz am Bande bekommen.