InternetzensurMissbrauchsopfer gegen Netzsperren

Christian Bahls ist missbraucht worden. Er sagt: "Ursula von der Leyens Kampagne gegen Kinderpornografie nutzt nichts und macht mich erneut zum Opfer." Ein Interview von 

Familienministerin Ursula von der Leyen

Ursula von der Leyen instrumentalisiert Opfer für ihre Kampagne, sagt einer, der selbst als Kind missbraucht wurde  |  ©Ralph Orlowski/Getty Images

ZEIT ONLINE: Sind Sie ein Opfer von Kindesmissbrauch?

Christian Bahls: Ja. Und das war der Grund, Mogis zu gründen, den Verein Missbrauchsopfer gegen Internetsperren. Am 27. März, als die Kinderhilfe so publikumswirksam im Familienministerium aufgetreten ist, ist mir das Essen hochgekommen.

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ZEIT ONLINE: Warum?

Bahls: Wegen der Instrumentalisierung dieser lächelnden Kinder und Ursula von der Leyens Aussagen. Nach dem Motto: Mensch, die Kinderhilfe teilt dasselbe Anliegen wie ich, da stelle ich mich doch einmal publikumswirksam neben das Poster. Zu DDR-Zeiten wurde man als Kind auch missbraucht für Propagandazwecke. Daran hat es mich erinnert.

ZEIT ONLINE: Warum sind Sie gegen Frau von der Leyens Plan der Netzsperren?

Bahls: Weil er Kinderpornografie nicht bekämpft. Da ist irgendwo im Internet ein Missbrauch dokumentiert und die Bundesregierung schaut weg. Und sagt uns Bürgern, wir sollen auch wegschauen. Was noch viel krasser ist: Es werden zwischen den Staaten nur die Sperrlisten für die Filter ausgetauscht. Doch niemand bekämpft in seinem eigenen Land die Server, auf denen die Inhalte lagern. Wenn die zu den 1500 Adressen gehörenden Server in den USA, Holland, Kanada und Deutschland dicht gemacht würden, die derzeit existieren, wären 90 Prozent der weltweit mit einem Browser erreichbaren Kinderpornografie nicht mehr verfügbar.

Familienministerin Ursula von der Leyen

Ursula von der Leyen instrumentalisiert Opfer für ihre Kampagne, sagt einer, der selbst als Kind missbraucht wurde  |  ©Ralph Orlowski/Getty Images

Auf der norwegischen Sperrliste, die das Bundeskriminalamt unter anderem verwenden will, sind beispielsweise auch 25 deutsche Server verzeichnet, mit 70 genuinen Domainnamen. Insgesamt gibt es hierzulande sogar über 200 Domainnamen. Von denen ist ein großer Teil geparkt bei einer Firma, auf deren Seite Domains verkauft werden können. Damit hat diese Firma wahrscheinlich echte Kontaktdaten. Wie sollen sonst die Verkäufe abgewickelt werden? Das Bundeskriminalamt müsste nur zu dieser Firma gehen und die Inhaber dieser Domains ermitteln.

ZEIT ONLINE: Woher wissen Sie, dass nicht genau das bereits getan wird?

Bahls: Diese Liste ist vom März 2009. Es gibt auch Listen aus dem vergangenen Jahr. Zwar sind eine Menge Domains inzwischen ungültig, aber viele der Domains sind immer wieder dabei und noch aktiv.

ZEIT ONLINE: Meinen Sie, Frau von der Leyen weiß das?

Bahls: Ich habe Ihr eine Email geschrieben, dass es laut der norwegischen Liste einen aktiven Server gibt, der mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,5 Prozent in Deutschland steht, höchstwahrscheinlich in Kiel. Das BKA behauptet, dass es nicht weiß, wo die Server sind. Möglicherweise benutzen die nur Windows und haben keine Ahnung, wie man solche Sperrlisten sachgerecht auswertet.

ZEIT ONLINE: Aber können die Sperrlisten nicht ein Instrument von mehreren sein im Kampf gegen diese Kriminalität?

Bahls: Wir sind für die effiziente Bekämpfung von Straftaten nach Paragraf 184 b. Dazu gehört aber, dass man die Inhalte aus dem Internet entfernt und die Inhaber der Server bestraft. Und über die Inhaber kommt man vielleicht auch an Leute, die so etwas herstellen und kann so verhindern, dass weitere Kinder missbraucht werden. Der Missbrauch muss unterbunden werden. Das aber geschieht nicht dadurch, dass die Bundesregierung ihren Bürgern Scheuklappen aufsetzt.

Leserkommentare
    • zetti
    • 16. April 2009 14:33 Uhr

    Aktuelle Politiker halt. Alle Fähigkeiten das Amt zu erlangen. Da ist kein Platz mehr für die nötigen Fähigkeiten, das Amt zu erfüllen.

    Das Ergebnis ist Parteipolitik.

    Ich lebe aber nicht in einer Partei.

    Zetti

  1. www.bombenbauplaene.de

    Wo kömen wir denn hin, wenn jetzt jeder seine Bomben baute?

    Grussaugust

    • yato
    • 16. April 2009 15:18 Uhr

    Um eine Diktatur einzuführen wurde schon immer das schlimmste Feindbild als Begründung benutzt das in jeweiligen Zeiten das absolut Böse in der öffentlichen Meinung präsentiert.

    "Terrorismus" ist momentan dazu etwas abgenutzt. Kinderpornografie ist aber optimal! Der Teufel hat also wieder einen Namen den man gut instrumentalisieren kann.

    Ein freies Internet ist für eine offene Gesellschaft und eine Demokratie, deren Zentrum die Meinungsfreiheit und Pressefreiheit ist, so extrem wichtig, dass diese Freiheit unter keinen Umständen geopfert werden sollte.

    Prinzessin Ursula und (...)Schäuble sind meiner Meinung nach hier gewaltig auf dem Holzweg und eine Gefahr für die Demokratie und eine zukunftsfähige offene Gesellschafft.

    Sexuelle Verbrechen an Kindern können auch durch das üblich Strafrecht bekämpft werden. Dazu sollte man keinesfalls die Mittel von Diktaturen wie China verwenden.

    Finger weg vom offenen Internet!
    (...entfernt. Bitte verzichten Sie auf unnötige Verunglimpfungen. Die Redaktion/jk)

  2. Sehr richtig diese Aussagen. Ich will nicht, dass wir wegschauen. Diese Seiten gehören entferrnt, inklusive der Server. Wir dürfen nicht erlauben, dass durch eine kleine Änderung am Rechner diese Perversen immer noch an ihre Bilder kommen. Zudem hat ja schon unter anderem der Chaos Computer Club nachgewiesen, dass diese Sperren sich extrem leicht aushebeln lassen. Und wer glaubt denn wirklich, dass solche Leute nicht alle Mittel kennen, mit denen sie Sperren umgehen können. Aber das ist wieder mal typischer Aktionismus von Politikern ohne Sachverstand.

    Wieder mal wird nicht dort angesetzt, wo der Sumpf ist, sondern einfach weggesehen.
    Warum geht man gegen die Freiheit im Internet vor und richtet gesetzlich noch gar nicht ganz geregelte Zensur ein, anstelle diese Webserver da stillzulegen, wo sie stehen. Wer es mit der Jagd auf diese Verbrecher ernst meint, der schafft das auch international.

    • gquell
    • 16. April 2009 16:16 Uhr

    Es geht doch nicht um die Kinder, Gott bewahre. Dann müßte man ja wirklich etwas tun und die gezielt unterfinanzierte Polizei mit Ermittlungen beauftragen.

    Es geht darum, dem BKA die Möglichkeit zu geben, Internetsperrlisten zu erstellen, mit denen die normalen Internetbenutzer zensiert werden können. Genau wie ihr Pendant W. Schäuble denkt Frau v. d. Leyen auch langfristig. Sie will die Möglichkeiten schaffen, Gefährdern des Staates und seiner Werte von der notwendigen Kommunikation abzuschneiden, bzw. deren Kommunikation auf genehme Seiten umzuleiten. Das ist ist Zensur in Reinkultur!

    Warum wohl dürfen die Listen nicht veröffentlicht und von der Öffentlichkeit gegenkontrollierte werden? Warum wird darüber der Mantel des Geheimnisses gestülpt? Warum werden diese Listen jeder parlamentarischen Kontrolle entzogen?

    Außerdem arbeiten Frau v.d.L. vorsätzlich mit falschen Daten. Die von ihr angeführte Höhe der Straftaten beinhaltet alle Strafverfahren aus den diversen Rasterfahndungen (Operation Himmel, Mikado), von denen fast alle inzwischen kommentarlos eingestellt wurden. Trotzdem werden diese eingestellten Strafverfahren zu den Kipo-Fällen zugeschlagen.

    Dann ist die Frau absolut beratungs- und lernresistent. Sogar der wissenschaftliche Dienst den Bundestages hat die Sinnlosigkeit der Internetsperren bestätigt, neben den meisten Forschern auf diesem Gebiet. Ihre Argumente wurde als unterirdisch diffamiert und weitestgehend ignoriert.

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    Und was mich auch ärgert, die Internet Provider, die diese unsinnige Selbstverpflichtung nicht unterschreiben wollten, wohl auch, weil ihnen die Sinnlosigkeit dieses blinden Aktionismus bewusst ist, werden ebenfalls von unserer Politikerkaste verunglimpft. Kann man da nicht auch ein Strafverfahren anstrengen, wegen Verleumdung ?

    "Sogar der wissenschaftliche Dienst den Bundestages hat die Sinnlosigkeit der Internetsperren bestätigt ..." Das mag ja richtig sein. Dafür brauche ich aber keinen wissenschaftlichen Dienst; ein ganz klein wenig seriöse Recherche zeigt, dass es hinreichend und mehrere Anonymisierungstools gibt, um den wahren Interessenten an den widerlichen Machwerken zu verschleiern.

    Also muss man so weit wie möglich an die Wurzeln! Und nicht nur zur Wahlkampfzeit oder wenn eine Gelegenheit nötig oder günstig ist, um mal wieder gute Presse zu machen.

  3. Und was mich auch ärgert, die Internet Provider, die diese unsinnige Selbstverpflichtung nicht unterschreiben wollten, wohl auch, weil ihnen die Sinnlosigkeit dieses blinden Aktionismus bewusst ist, werden ebenfalls von unserer Politikerkaste verunglimpft. Kann man da nicht auch ein Strafverfahren anstrengen, wegen Verleumdung ?

  4. Herr Bahls hat es auf den Punkt gebracht: Da will sich jemand selbst darstellen, jemand, dem die Opfer, d. h. die Kinder so egal sind dass man nur noch entsetzt darüber sein kann. Dieser, oder besser diese "Jemand" ist darüberhinaus extrem unfähig ihre Aufgabe zu erfüllen.
    Deshalb gehört sie als erste aus dem Amt gejagt und zwar besser noch heute als morgen. Wofür zahlen wir solche Subjekte?!?
    Wie Herr Bahls zudem anmerkt, müssen die Server abgeschaltet werden und deren Betreiber und Informationsbeschaffer ihrer gerechten Strafe zugeführt werden. So dass den Opfern, unseren Kindern, endlich Gerechtigkeit wiederfährt.
    Dazu ist eine Intensivierung der internationalen Polizei Zusammenarbeit notwendig. Unsere Polizei muss Fachpersonal erhalten, das die Funktionsweise des Internet versteht. Schäuble und Konsorten hätten also genug zu tun diese unabdingbaren Schritte einzuleiten, anstatt die Zeit mit einer Schnapsidee nach der anderen totzuschlagen, die nicht einmal helfen, Symptome wirkungsvoll zu bekämpfen, geschweige denn Ursachen.

    • cure
    • 16. April 2009 16:58 Uhr

    sind keine Sperren im internet, sondern Kriminalbeamte, die sich mit dem medium Internet und der dazugehörigen Technik auskennen.

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  • Quelle © ZEIT ONLINE 16.4.2009 - 15:20 Uhr
  • Schlagworte Bundesregierung | Bundeskriminalamt | Browser | Bundeskriminalamt | DNS-Server | Internet
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