Kurz vor Büsum holt das Wasser die Familie ein. Das bekannte Seeheilbad ist schon in der Ferne zu sehen, da fallen die ersten Tropfen. Zwei Minuten später schüttet es wie aus Kübeln. Als Eltern und Söhne am Stadtrand endlich ein paar Bäume zum Unterstellen finden, sind alle bis aufs Unterhemd nass. "So ein Mist", flucht der Jüngste, "nie wieder fahre ich Rad." Doch kaum fünf Minuten später sieht er das anders. Die Sonne strahlt wieder – und der Sechsjährige auch. "Aufsteigen", kommandiert er und die anderen müssen sich anstrengen, um mithalten zu können.

Wenn es ums Radfahren geht, kann Kinder offensichtlich nichts erschüttern – schon gar nicht auf dem schleswig-holsteinischen Teil des Nordseeküsten-Radweges, der eine einzigartige Möglichkeit bietet, das Leben am Meer buchstäblich zu erfahren. Die Landschaft ist flach, das Klima angenehm und die jod- und salzhaltige Lift sogar bei Regen gesund.

Zunächst war die 2001 eröffnete, fast 6000 Kilometer lange Strecke, die von Norwegen über England bis Belgien durch insgesamt acht Länder führt, eher für Tourenradler gedacht. Doch inzwischen sind viele Teilstrecken so ausgebaut, dass sie sich auch für Familien eignen. So auch die Tour von Burg über Meldorf, Büsum, St. Peter-Ording und Bredstedt bis nach Klanxbüll an die dänische Grenze. Vorbei an Attraktionen wie dem gigantischen Eidersperrweg, dem Fahrhafen Dagebüll oder der Hamburger Hallig, die einzige der zahlreichen Inseln vor der Küste, die über einen festen Landsteg zu erreichen ist.

Wer mag, kann sich einer Gruppenfahrt anschließen. Mindestens ebenso schön ist es aber, die Tour individuell zu fahren. Eine kleine Strecke, knappe 60 Kilometer, führt durch die Halbinsel Eiderstedt mit ihren Haubargen, den größten Bauernhäusern der Welt.

Ansonsten geht es meist direkt am Wasser lang. Und immer haben die Radler die Wahl: Wenn der Wind braust, was ja häufig vorkommt im Norden, weichen sie einfach auf die Innenseite des Deiches, den sogenannten Bewirtschaftungsweg, aus. Von dort geht der Blick weit ins Land, wo sich grüne Wälder mit violetten Heidelandschaften und gelben Getreidefeldern abwechseln, auf denen sich riesige Windräder drehen.

Bei Windstille dagegen wählen die Radler die Strecke außen am Deich und teilen sich den Weg mit den Schafen. Als natürliche Rasenmäher sorgen sie dafür, dass die Grasnarbe fest bleibt. Hier ändert sich die Aussicht mit den Gezeiten, vor allem das Watt fasziniert, dessen glitzernde Fläche bei Ebbe bis zum Horizont reicht. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht: Hier wimmelt es von Leben. Auf einem Quadratmeter Wattboden leben neben Muscheln, Schnecken und Würmern tausende winzige Krebse und Millionen von Kieselalgen. Die sogenannte Biomasse – das ist die Masse aller Lebewesen inklusive der abgestorbenen Organismen und der organischen Stoffwechselprodukte – erreicht im Wattenmeer auf einer Fläche von 100 Mal 100 Metern drei bis zwölf Tonnen Nassgewicht.

Das und vieles mehr über das Leben am Wasser erfahren die Radler in den zahlreichen Museen, Naturschutzreservaten und Tierstationen wie dem Robbarium bei Garding oder dem Multimar Wattforum in Tönning, die am Weg liegen. Fast jeder Stopp wird so zum Abenteuer. Wobei sich das größte davon im Sturmflutmuseum in Büsum erleben lässt, mit einer interaktiven Reise durch das Wetter und die Gezeiten – so spannend und abwechslungsreich wie der Radurlaub an der Nordsee selbst.