Neurologie Wie Computer das Gehirn beeinflussen

Der Umgang mit dem Rechner lässt Botenstoffe sprühen und verändert sogar die Gehirnzellen. Das jedenfalls sagt der amerikanische Hirnforscher Gary Small

Gary SmallGigi VorganiBrain – Wie die neue Medienwelt Gehirn und Seele unserer Kinder verändert. HirnforschungSachbuchAmerikanischMaren KlostermannKreuzStuttgart200920019,95

Es ist wie ein Moment der Erlösung. Ein Knopfdruck, das vertraute summende Geräusch, ein Blick auf den Bildschirm und das Gefühl: Ich bin verbunden, ich bin nicht allein, mein Körper, meine Probleme sind nicht mehr wichtig, wichtig ist jetzt nur noch mein Gehirn – und das der Maschine. Da haben sich zwei gefunden, die füreinander wie gemacht sind, die miteinander kommunizieren, beinahe verschmelzen, stundenlang, tagelang. Nur manchmal löst sich das menschliche Gehirn aus dem Sog und fragt: Was macht diese Maschine mit mir?

Glaubt man dem amerikanischen Neurowissenschaftler Gary Small, so macht die Maschine sehr viel mit dem menschlichen Gehirn. "Der tägliche Umgang mit Hightech-Erfindungen führt dazu, dass Hirnzellen sich verändern und Neurotransmitter freigesetzt werden, wodurch allmählich neue neuronale Bahnen in unserem Gehirn gestärkt und alte geschwächt werden", schreibt er. Er sieht sogar einen "Evolutionsprozess" am Werk, der mit nie da gewesener Geschwindigkeit voranschreite.

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Small leitet das Memory and Aging Research Center an der Universität Los Angeles und hat zusammen mit seiner Frau, der Wissenschaftsjournalistin Gigi Vorgan, ein Buch mit dem ins Auge springenden Titel iBrain geschrieben. Darin fragen sie vor allem, wie die neue Medienwelt Gehirn und Seele unserer Kinder verändert. Denn keine Generation vor ihnen ist der Stimulation durch Medien in solchem Umfang ausgesetzt gewesen.

Kinder und Jugendliche seien die "digital natives", die Eingeborenen im Lande Digitalia, denn sie sind mit Computer und Handy aufgewachsen und haben ihr Gehirn in einer besonders sensiblen Phase auf diese Medien eingestellt.

Ihnen gegenüber stehen die "digital immigrants", die Einwanderer, die erst im Erwachsenen-Alter den Umgang mit dem Computer erlernt haben, also alle über 35, 40 Jahren, Babyboomer und Senioren. Diese älteren Semester könnten sich, wie Small und Vorgan sehr amerikanisch formulieren, "sogar noch daran erinnern, dass man nur einen einzigen Fernseher zu Hause hatte – vielleicht nicht einmal einen Farbfernseher".

Viele Erwachsene mittleren Alters und Senioren gehen inzwischen routiniert mit dem Computer um. Dennoch trennt sie von den digitalen Einheimischen eine Kluft, die Small/Vorgan "brain gap" nennen. Denn das menschliche Gehirn hat seine größte Plastizität, die größte Formbarkeit in den Kindheitsjahren; in diesen Jahren wird eine Vielzahl von neuronalen Verschaltungen gebildet, die später "zurückgestutzt" werden. In der Sprache der Neurowissenschaften heißt das "pruning": Verbindungen, die das Gehirn für unnötig erachtet, die selten abgefragt werden, werden wieder gekappt. Um 60 Prozent reduziert sich die Anzahl der Synapsen in der Adoleszenz.

Die Zeit, die Kinder und Jugendliche heute mit Smartphones, Nintendos und Computern verbringen, können sie nicht nutzen, um etwa zu lesen, zu musizieren, miteinander Sport zu treiben oder Gespräche zu führen. Small sieht daher eine "Schwächung der neuronalen Schaltkreise, die für den zwischenmenschlichen Kontakt zuständig sind" – digitale Eingeborene seien etwa schlechter in der Lage, körpersprachliche Signale ihres Gegenübers zu deuten.

Gewöhnt an eine rasche Abfolge von visuellen und auditiven Reizen finden sie es schwer, ihre volle Aufmerksamkeit auf eine Sache zu richten oder über längere Zeit zuzuhören. Sie neigen dazu, mehrere Medien parallel zu nutzen und zeigen vermehrt Symptome einer Aufmerksamkeitsdefizitsstörung (ADHS).

Leser-Kommentare
  1. 1. iQuark

    Kinder und Jugendliche seien die "digital natives", die Eingeborenen im Lande Digitalia, denn sie sind mit Computer und Handy aufgewachsen...

    Wer nicht einmal den Unterschied zwischen Bit und Byte kennt, ist kein Eingeborener von Digitalia, sondern ein Asylant aus Analphabetistan -- egal, wie oft er YouTube ansurft und wie viele Punkte er bei Computerspielen macht.

  2. Nur weil wir alle Autos fahren heisst das noch lange nicht dass wir auch sofort alle Maschinenbauer sind.

    Eigentlich ist es doch offensichtlich: Neue Technologie -> neue Abhaengigkeit -> zusaetzlicher Hebel zur Machtausuebung.

    Gruesschen,
    pu

  3. Ich weiß wirklich nicht, wo die Leute immer diese digitale Euphorie hernehmen. Wir sehen doch gerade im Moment am Beispiel "Web 2.0", dass wir eine Menge können, aber nicht so richtig wissen, was wir damit anfangen sollen. Und genau in diesem Entwicklungs-Gap hängen wir.

    Halte ich auch nicht weiter für schlimm oder ungewöhnlich. Von der Erfindung der Buchpresse bis zu den ersten großen Auflagen vergingen rund 100 Jahre, von der Dampfmaschine bis zur ersten mobilen Anwendung (Dampfwagen): 100 Jahre. Vom T-Modell bis zu dem was wir heute haben: nochmal 100 Jahre.

    Jetzt kann man sagen "klar, aber die Entwicklung beschleunigt sich exponentiell". Ich würde zwar sagen, dass dann ja die Abstände früherer Erfindungen schneller in Anwendungen hätten münden müssen, denn auch damals beschleunigte sich ja der Entwicklungspfad, aber das alles ist relativ. Es waren immer mehr oder weniger 100 Jahre bisher. Computer haben wir seit den 60ern, also gerade mal 50 Jahre. Internet seit 1990, also mit Wohlwollen 20 Jahre.

    Was wir heute sehen, benutzen etc. sind rudimentäre Funktionen dessen, was wir in 50 Jahren im Alltag haben werden. Wir sind mehrere "in between" Generationen, die eigentlich nur konsumieren, was ihnen vorgesetzt wird und "Web 2.0" ist der erste Ansatz, bei dem der User überhaupt in den Informations-Erstellungsprozess einbezogen wird. Programmieren ist heutzutage noch immer eine Kunst für hochgradig kompetente Spezialisten, die den Maschinen die Ideen beibringen, die ihnen meist nicht-Programmierer vorgeben; andere können das nicht, weil man noch immer die Maschine in ihrem Grundwesen verstehen muss, um mit ihr etwas anzufangen.

    Diese Hardware-Meister werden auch immer eine mächtige Kaste bleiben, aber auf einer Art Meta-Ebene. Sie werden in Zukunft Plattformen schaffen, die es Nutzern ermöglichen, ohne Kenntnisse der Hardware ihre eigenen Ideen in Programme umzusetzen. Erst dann haben wir etwas, das man mit einem A6 vergleichen kann, was wir heute haben, ist bestenfalls eine gute Dampflok - sie befördert uns, aber individuell reisen, das ging erst mit dem Auto - 100 Jahre später.

    Was ich damit sagen will: der Unterschied zwischen Bit und Byte wird und sollte für die Masse egal sein und wird es in naher Zukunft auch sein. Wer kann denn heute noch seinen Golf selbst reparieren? Genau, ein paar Berufsmechatroniker und eine Handvoll Enthusiasten. Fahren kann ihn aber fast jeder.

    Und dass das Gehirn sich schneller als in 100 Jahren weiterentwickelt, glaube ich dann auch nicht so richtig. Aber es kann nur gut sein, wenn es sich darauf einstellt, in immer kürzerer Zeit immer mehr Informationen zu verarbeiten. Die Vielfalt wird schon nicht aussterben, es wird auch immer Menschen geben, die Informationen nicht sehr schnell, aber dafür wenige Informationen sehr umfassend behandeln können und auch deren Gehirne entwickeln sich weiter :)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ob ich in einer Klasse von 12 Teilnehmern den Umgang mit Lotus Notes erläutere oder in einem Seminar mit 2 Teilnehmern den Aufbau und Betrieb eines Mailservers erläutere. Schliesslich kann ich eine Bedienungsanleitung für einen Telekom-Schaltknoten schreiben, ohne einmal das Wort "Telefon" zu erwähnen. User und Ingenieure haben selten eine gemeinsame Sprache, ein gemeinsames Erleben von Technik.
    Was aber die "Kaste" der Software/HardwareAnyWhere - Entwickler angeht: Sind wir nicht. Wir sind in der Branche, weil wir eine mathematisch-logische Begabung in der Gen-Lotterie gezogen haben, alle die, die versuchen in der gutbezahlten IT-Industrie Fuss zu fassen wegen des Geldes und ohne mathematische Begabung, ist blitzschnell wieder weg oder verbringt sein Leben als Subalterner in irgendeinem Serverkeller. Daran wird sich nichts ändern, weil sich ohne ein systematisches "Menschenzuchtprogramm" nichts an der Genlotterie ändert. Und dort, wo, nur durch Agglomeration, im Silikon Valley, ein unsystematisches Zuchtprogramm statthatte, beobachten wir heute das höchst Vorkommen von autistischen Kindern im US-pro-Kopf-Durchschnitt. Gefährliche Sache.
    Übrigens sind Computer schon ca 75-80 Jahre alt. Konrad Zuse lässt grüssen...

    _________________________________________________
    In diesem Wahljahr werde ich mich für keine Partei
    aussprechen und zu keinem Parteiprogramm. Aber ich
    werde nicht aufhören, zu sagen, dass diese Krise eine
    ideologische Heimat hat: die FDP.…
    ______

    ob ich in einer Klasse von 12 Teilnehmern den Umgang mit Lotus Notes erläutere oder in einem Seminar mit 2 Teilnehmern den Aufbau und Betrieb eines Mailservers erläutere. Schliesslich kann ich eine Bedienungsanleitung für einen Telekom-Schaltknoten schreiben, ohne einmal das Wort "Telefon" zu erwähnen. User und Ingenieure haben selten eine gemeinsame Sprache, ein gemeinsames Erleben von Technik.
    Was aber die "Kaste" der Software/HardwareAnyWhere - Entwickler angeht: Sind wir nicht. Wir sind in der Branche, weil wir eine mathematisch-logische Begabung in der Gen-Lotterie gezogen haben, alle die, die versuchen in der gutbezahlten IT-Industrie Fuss zu fassen wegen des Geldes und ohne mathematische Begabung, ist blitzschnell wieder weg oder verbringt sein Leben als Subalterner in irgendeinem Serverkeller. Daran wird sich nichts ändern, weil sich ohne ein systematisches "Menschenzuchtprogramm" nichts an der Genlotterie ändert. Und dort, wo, nur durch Agglomeration, im Silikon Valley, ein unsystematisches Zuchtprogramm statthatte, beobachten wir heute das höchst Vorkommen von autistischen Kindern im US-pro-Kopf-Durchschnitt. Gefährliche Sache.
    Übrigens sind Computer schon ca 75-80 Jahre alt. Konrad Zuse lässt grüssen...

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    In diesem Wahljahr werde ich mich für keine Partei
    aussprechen und zu keinem Parteiprogramm. Aber ich
    werde nicht aufhören, zu sagen, dass diese Krise eine
    ideologische Heimat hat: die FDP.…
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  4. ob ich in einer Klasse von 12 Teilnehmern den Umgang mit Lotus Notes erläutere oder in einem Seminar mit 2 Teilnehmern den Aufbau und Betrieb eines Mailservers erläutere. Schliesslich kann ich eine Bedienungsanleitung für einen Telekom-Schaltknoten schreiben, ohne einmal das Wort "Telefon" zu erwähnen. User und Ingenieure haben selten eine gemeinsame Sprache, ein gemeinsames Erleben von Technik.
    Was aber die "Kaste" der Software/HardwareAnyWhere - Entwickler angeht: Sind wir nicht. Wir sind in der Branche, weil wir eine mathematisch-logische Begabung in der Gen-Lotterie gezogen haben, alle die, die versuchen in der gutbezahlten IT-Industrie Fuss zu fassen wegen des Geldes und ohne mathematische Begabung, ist blitzschnell wieder weg oder verbringt sein Leben als Subalterner in irgendeinem Serverkeller. Daran wird sich nichts ändern, weil sich ohne ein systematisches "Menschenzuchtprogramm" nichts an der Genlotterie ändert. Und dort, wo, nur durch Agglomeration, im Silikon Valley, ein unsystematisches Zuchtprogramm statthatte, beobachten wir heute das höchst Vorkommen von autistischen Kindern im US-pro-Kopf-Durchschnitt. Gefährliche Sache.
    Übrigens sind Computer schon ca 75-80 Jahre alt. Konrad Zuse lässt grüssen...

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    In diesem Wahljahr werde ich mich für keine Partei
    aussprechen und zu keinem Parteiprogramm. Aber ich
    werde nicht aufhören, zu sagen, dass diese Krise eine
    ideologische Heimat hat: die FDP.…
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  5. Um Computer zu verstehen ist weniger ein mathematisches, als mehr als ein logisch/abstraktes Denkmuster von Nöten (auch wenn es stimmt, dass mathematisches Denken oft mit diesem Denkmuster kommt, so ist das nicht zwangsläufig der Fall). Aber egal. Das wollte ich nur mal am Rande los werden.

    Der Gesamtaussage meiner Vorredner, dass die meisten am Computer nur konsumieren, anstatt zu studieren, dem stimme ich zu.
    Das ist genauso wie Menschen, die ein gutes Buch lesen ... Es ist keine Kunst dieses Buch zu lesen und die Gedanken, die darin veröffentlich wurden, wieder zu kauen und anderen Leuten zu erzählen, als wären es die eigenen.
    Die wahre Kunst besteht darin, die eigenen Gedanken zu verschriftlichen, Leute sie lesen zu lassen und dann zu sehen, wie diese sie Verbreiten.
    Das uralte Spiel von Marionette und Marionettenspieler ... De fakto haben die meisten Leute, die ich kenne, von der Materie der Systeme an sich 0 Ahnung.
    Sie wissen gerade mal, wie man formatiert... Und Alternativen zu Windows kämen garnicht in Frage.
    Genau wie vor 20 Jahren gibt es auch heute noch in Freundeskreisen die Spezialisten, die die Computer einrichten sollen... nur, dass heute mehr Leute Computer nutzen, als früher, aber trotzdem nicht viel mehr Ahnung haben.

  6. wie es sich die hirnforscher so zuversichtlich wünschen, ist nur möglich wenn der eine wie der andere in der lage ist, abstrakt und vorausschauend planend zu denken. eingenschaften, die sie den sogenannten stimulus-junkies jedoch aufgrund ihrer hirnpysiologischen beschaffenheit absprechen. erstaunlich, dass den hirnforschern die widersprüchlichkeit ihrer aussagen nicht auffällt - mmmh, zuviel oder zu wenig computereinfluss auf´s hirn?

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