SPD-Wahlprogramm Mit Steinmeier und Müntefering nach links

Zwischen Wahlgeschenken und Umverteilung: Am Sonntag präsentiert die SPD den Entwurf ihres Bundestagswahlprogramms. Die Partei rückt nach links und setzt auf Reichensteuer und einen populistischen Wahlkampf

Noch wird in der Parteizentrale an den letzten Details gearbeitet, noch wird an den genauen Formulierungen gefeilt. Doch am Sonntag wird es für die SPD ernst. Dann wollen die Sozialdemokraten im Berliner Tempodrom mit viel Tamtam und vielleicht auch mit Konfetti ihr Bundestagswahlprogramm der Öffentlichkeit präsentieren.

Die programmatische Richtung, die Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier sowie Parteichef Müntefering einschlagen wollen, ist schon jetzt klar. Reichensteuer, Lohnsteuerbonus und Mindestlohn heißen die Schlagworte. Angesichts der Krise wollen die Strategen der Partei mit einem akzentuiert linken Wahlprogramm in den Bundestagswahlkampf ziehen und so ihre Partei einerseits mit den Gewerkschaften versöhnen. Andererseits sollen jene Wähler zurückgewonnen werden, die die SPD in den letzten Jahren an die Linkspartei verloren hat.

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Die schöne neue SPD-Welt ist eine alte. Die Agenda 2010, die die SPD unter ihrem Kanzler Gerhard Schröder modernisieren und für neue Wähler in der Mitte der Gesellschaft attraktiv machen sollte, ist endgültig Geschichte. Der Streit darüber, der die Partei beinahe zerrissen hätte, hat sich damit erledigt. Die Idee des vorsorgenden  Sozialstaates, an der die Parteireformer die SPD für die Zukunft ausrichten wollten, wurde beerdigt. Die Idee, vor allem auf Chancengerechtigkeit, Bildungsinvestitionen und Arbeitsförderung zu setzen, ist in den Hintergrund gerückt. Stattdessen bläst die SPD zum klassischen Umverteilungswahlkampf.

300 Euro soll beispielsweise jeder Lohnsteuerzahler erhalten, der auf die Abgabe einer Steuererklärung verzichtet, ist in SPD-Kreisen zu hören. Davon würden vor allem die Bezieher niedriger und mittlerer Einkommen profitieren. Zugleich soll dem Vernehmen nach auch der Eingangssteuersatz von bislang 14 Prozent auf zehn Prozent gesenkt werden. Damit würden nach Angaben der SPD alle Steuerzahler, die nicht mehr als etwa 50.000 Euro im Jahr verdienen, von Steuererleichterungen profitieren. Auf der anderen Seite will die SPD die Reichensteuer von 45 auf 47 Prozent erhöhen, sie soll schon ab einem Einkommen von 125.000 Euro gezahlt werden müssen.

Die SPD setzt angesichts der Wirtschaftskrise auf einen Steuerwahlkampf und wähnt sich dabei im Vorteil gegenüber der Union. Die bürgerliche Konkurrenz will schließlich mit der Forderung nach Steuersenkungen in den Wahlkampf ziehen und hat dabei vor allem die Entlastung der mittleren Einkommen im Blick, jene Steuerzahler also, die besonders von der so genannten kalten Progression betroffen sind. Steuersenkungen gegen Steuererhöhungen, Geringverdiener gegen Mittelstand, arm gegen reich, heißt die politische Aufstellung. Mit populistischen Steuerversprechen versuchen letztendlich also beide Parteien ihre Stammklientel bei Laune zu halten.

Dabei spekulieren die Sozialdemokraten auch auf den Neidfaktor. Zusätzliche Steuerbelastung glaubt SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier den Reichen im Lande zumuten zu können. „Die Topverdiener haben in den letzten Jahren vom Aufschwung mehr profitiert als andere“, sagt er, deshalb könnten "dies sehr starken Schultern mehr tragen als die Schwachen“. Allerdings ist die Reichensteuer vor allem Symbolik. Nach Berechnungen von Wirtschaftsforschern bringt diese den öffentlichen Kassen lediglich etwa 1 Milliarde Euro Mehreinnahmen im Jahr.

Leser-Kommentare
  1. Wirklich Reiche trifft diese Steuer nicht. Wirklich Reiche sind daran zu erkennen, dass sie vom Staat zunehmend steuerlich entlastet werden.

    Wer derzeit steuerlich rasiert wird, gehört zur Mittelschicht.

    Diese wenigen simplen Sätze entlarven das Geplänkel der strammen Schröderianer als Farce.

    Könnte es anders sein?

    Sanktion für das peinliche Täuschungsmanöver: Keine Stimme.

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    Aber das die Sozen in Krisenzeiten wieder in die Fußstapfen ihrer Ahnen treten ist durchaus nachzuvollziehen. Womit lässt sich momentan besser die Wähler erreichen?

    Ich frage mich wie das bürgerliche Lager den Wahlkampf gestalten will, die werden sich von einer (ex-)Arbeiterpartei bestimmt einiges anhören dürfen. "Wachstum durch Freiheit" ist genau wie das "Guido-Mobil" für die nächste Zeit eine schrottreife Idee.

    Aber das die Sozen in Krisenzeiten wieder in die Fußstapfen ihrer Ahnen treten ist durchaus nachzuvollziehen. Womit lässt sich momentan besser die Wähler erreichen?

    Ich frage mich wie das bürgerliche Lager den Wahlkampf gestalten will, die werden sich von einer (ex-)Arbeiterpartei bestimmt einiges anhören dürfen. "Wachstum durch Freiheit" ist genau wie das "Guido-Mobil" für die nächste Zeit eine schrottreife Idee.

    • politz
    • 16.04.2009 um 16:49 Uhr

    Es ist nicht die erste Linkswende der SPD, die Christoph Seils feststellt und somit erneut auf die Sozialdemokraten hereinfällt. Hinter dieser Wende verbirgt sich keine ernsthafte programmatische Umgestaltung, sondern reine Inszenierung. Populismus kann man der SPD nicht vorwerfen, weil sie öffentlich eine Reichen- und Börsenumsatzsteuer einfordert, sondern weil sie diese Vorschläge nicht ernst meint. Das Führungsduo Steinmeier/Müntefering inszeniert den Kursschwenk bewusst, um Wähler von der Linkspartei abzuwerben. Das Image der Partei ist ausschlaggebend, nicht der Inhalt.

    Mit der leichten Erhöhung der Einkommensteuer für Besserverdiener auf 47,5 % sollen 2,5 Mrd. Euro in die öffentlichen Kassen gespült werden. Nicht, um der Maßgabe eines "handlungsfähigen Staates" (wie ihn das SPD-Grundsatzprogramm fordert) zu entsprechen, sondern um innerhalb des bestehenden Steuersystems umzuverteilen. Im Gegenzug plant man nämlich die Senkung des Eingangssteuersatze auf 10 % – und diese Absenkung kommt anders als vermutet den Besserverdienern mehr zugute als Geringverdienern. Von einer Senkung der Sozialbeiträge, wie sie noch unter Kurt Beck auf der Tagesordnung stand, hätten dagegen alle und besonders die Geringverdiener profitiert. Das könnte man auch als "Rechtswende" interpretieren.

    Die Börsenumsatzsteuer hingegen belastet nicht nur Reiche, sondern auch die Mittelschicht, die keineswegs weniger mit Aktien spekuliert als die obere Einkommensschicht. Hintenrum soll ihr wieder gegeben werden, was ihr an anderer Stelle genommen wird. Die öffentlichen Zinsausgaben, die in Folge der Bankenrettungen anfallen, sind viel höher als die sozialdemokratische Umverteilungsmasse. Und so wird wieder die Allgemeinheit zur Finanzierung der Spekulationsverluste weniger herangezogen.

    Seils hat unrecht, wenn er die Agenda 2010 für Geschichte erklärt. Enthält das Wahlprogramm die Abschaffung von Hartz I-IV, der Gesundheits- und Rentenreformen? Das alles ist nicht Geschichte: das Zieldatum der Agenda 2010 ist erst nächstes Jahr.

  2. Wer kann ihnen noch trauen? Dabei sind nicht nur die Sozialdemokraten, sondern auch die C-Parteien gemeint. Alleine am Thema "Mehrwertsteuer" vor und nach den Wahlen vor 4 Jahren lässt sich darstellen, wie konsequent die Dame und Herren an ihren Versprechen vorbei gehandelt haben.
    Und nun der angebliche Linksruck in der SPD. Die Linke hat den Takt geschlagen, die SPD tanzt nach deren Musik, damit den WählerInnen das zurückliegende gegensätzliche Handeln aus dem Gedächtnis schwindet.
    Es gäbe bei der Linken ja auch noch ein paar Prozentpunkte zu entführen, wenn es denn die Stimmbürger zuließen und dass Einkassieren der Wahlversprechen vergessen wird.

    Der Hochwälder

  3. Mit Herrn Würth wurde es vorgemacht.
    Wir in Deutschland wollen wohl keine Reichen mehr.
    In dem Punkt sind sich sogar die großen Parteien einig.

    Die Frage welche man sich stellen sollte ist,
    ob es wirklich Schlau ist die Reichen durch hohe Steuern ins Ausland zu drücken...

    Ich meine klar Innovationen von Studenten sollen eh nicht in Deutschland genutzt werden und sie sollen aufgeben oder Ihr geistiges Eigentum direkt bei Off Shore Gesellschaften anmelden...
    Die werden wohl kaum damit nach Deutschland zurückkommen.
    Auch hier sind sich unsere Volkparteien einig.

    Aber kann es wirklich schlau sein das Kapital ins Ausland zu schicken.
    Ist es wirklich gut Exportweltmeister zu sein?
    Und die überschüsse dann in Auslandskonten zu lagern.

    Wäre es nicht evtl. Sinnvoller es zu ermöglichen Sinnvoll in Deutschland zu investieren.
    Dann bräuchten auch unsere Landesbanken keine Offshore Gesellschaften mehr.

  4. Ich bin schon erstaunt, in welche Schublade Zeit-Online (Flagschiff des Linksliberalismus?) die SPD steckt.

    Dazu zum Nachdenken: Populismus bezeichnet bestimmte Maßnahmen der SPD als politische Anbiederung an die herrschende Meinung im Volk. Müntefering wird wohl auch rhetorische Demagogie vorgeworfen. Die Partei 'Die Linke' wird auch als populistisch eingestuft. SPD und Die Linke = Populisten ?

    Was soll dieser Angriff? Soll die SPD nach Rechts geschubst werden, um der Partei Die Linke Raum zu verschaffen? Ich kann mir gar nicht vorstellen, das die Zeitung 'Die Zeit' das will.

    ___________________________________________________________
    Die Aufklärung darf kein leerer Wahn werden in einer Zeit der Anmaßungen.

  5. ... deshalb fasse ich mich kurz. Der Wähler kann sich auf zwei Alternative einstellen:

    Entweder, die SPD setzt von dem nun Angekündigten nichts um, weil sie eine Ampel anstrebt, in ihr landet oder am Ende wieder am A**** der CDU hängt;
    oder sie lässt sich nach der Wahl auf eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei ein, muss dafür ihre Führung opfern, gerät in eine tiefe Sinnkrise und zerbricht an der Regierungsbildung.

    In jedem Fall wird von den Plänen keiner umgesetzt.

    Ich glaube - und das glaube ich selten -, dass in ein Wahlkampf, der eine Ampel ansteuert und gleichzeitig Versprechungen wie die jetzigen macht, es wirklich verdient, populistisch genannt zu werden. So leid es mir tut, liebe Genossen...

    • drelux
    • 16.04.2009 um 17:07 Uhr

    Die von der SPD ins Gespräch gebrachte Börsenumsatzsteuer belastet auch normale Arbeitnehmer, die z.B. ihre Belegschaftsaktien nach Ablauf der Haltefrist verkaufen möchten oder müssen, um eine Anschaffung zu finanzieren.

    Ob es sich um die Kreierung neuer Steuern, die Erhöhung bestehender Steuern oder die Reaktivierung abgeschaffter Steuern handelt, zumindest auf diesem Gebiet beweisen unsere Politiker Einfallsreichtum und Phantasie, während substanzielle Beiträge zur wirklichen Lösung bestehender Probleme höchst selten sind.

    Unglaubwürdig ist für mich auch jede Forderung nach einer Senkung der Steuern, solange nicht gesagt wird, welche staatlichen Leistungern im Gegenzug entfallen oder auf welch andere Weise die Steuerausfälle kompensiert werden sollen.

    Vielleicht kommt noch jemand auf die Idee, eine Sparkassen- und Bankenumsatzsteuer zu etablieren, die bei jeder Kontobewegung fällig würde – eine sichere Einnahmequelle.

  6. Diese Schröder-Vasallen denken nicht im Traum daran, die Klientel, die von ihrer neoliberalen Politik profitiert hat, zu belasten.
    Versprechen kann man ja viel, wie diese Herren wissen.
    Münte war ja nach der Wahl sehr erstaunt, als man ihm seine Wahlversprechen vorhielt.
    M.E. wird es im Herbst eine schwarz-gelbe Koaltion geben, die den Rest des Volksvermögens ( Bahn ) an ihre Freunde verteilt, den Sozialstaat noch weiter abbaut ( wegen der Krise ) und sich viel Mühe geben wird, noch den letzten Rest aus denen auszupressen, die sich nicht wehren können.
    Dass viele 100 Milliarden zur Rettung von Banken verschleudert wurden, deren Notwendigkeit bislang nur behauptet, nie aber belegt wurde, scheint dagegen völlig selbstverständlich zu sein.
    Diese Milliarden sind keine abstrakte Größe. Das Meiste davon wurde erarbeitet von Menschen, die erwarten dürfen, dass dieses Geld in Form von Investionen in Bildung, Gesundheit, Verkehr usw. ihr Leben erleichtert.
    Diese Form der Daseinsvorsorge wird zugunsten der Finanz"industrie" , der Großkonzerne und der Reichsten zunehmend beschnitten.
    Das ist die SPD der Agenda 2010!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • keox
    • 16.04.2009 um 17:46 Uhr

    da fällt mir was ein. Für für spd angeblich kein Thema mehr, gilt das auch für die davon betroffenen?

    Keine Ahnung, wer diese Menschen erzogen hat, aber sie haben´s vermasselt.

    Andererseits, wenn es heißt, man räume dem Projekt Chancengleichheit - insbesondere der Bildung - kaum Chancen ein, so kann man nur sagen:

    Mission erfüllt.

    Man sieht, eine - freundlich formuliert - optimierte Konditionierung kann über so fast jedes Defizit hinaus immer noch wie geplant arbeiten. Darum geht es.

    In knappen Worten der Extrakt.

    "Diese Milliarden sind keine abstrakte Größe. Das Meiste davon wurde erarbeitet (...)"

    Das Problem an der Sache ist, daß dieses Geld eben noch nicht erarbeitet wurde - sondern erst noch erarbeitet werden muß. Die Politik ist ein Hehlergeschäft zugunsten Dritter, auf Ihre und auf meine Kosten, ja auf Kosten all derjenigen, die dieses Hehlergeschäft mit zukünftigen Steuern werden abzahlen müssen.

    • keox
    • 16.04.2009 um 17:46 Uhr

    da fällt mir was ein. Für für spd angeblich kein Thema mehr, gilt das auch für die davon betroffenen?

    Keine Ahnung, wer diese Menschen erzogen hat, aber sie haben´s vermasselt.

    Andererseits, wenn es heißt, man räume dem Projekt Chancengleichheit - insbesondere der Bildung - kaum Chancen ein, so kann man nur sagen:

    Mission erfüllt.

    Man sieht, eine - freundlich formuliert - optimierte Konditionierung kann über so fast jedes Defizit hinaus immer noch wie geplant arbeiten. Darum geht es.

    In knappen Worten der Extrakt.

    "Diese Milliarden sind keine abstrakte Größe. Das Meiste davon wurde erarbeitet (...)"

    Das Problem an der Sache ist, daß dieses Geld eben noch nicht erarbeitet wurde - sondern erst noch erarbeitet werden muß. Die Politik ist ein Hehlergeschäft zugunsten Dritter, auf Ihre und auf meine Kosten, ja auf Kosten all derjenigen, die dieses Hehlergeschäft mit zukünftigen Steuern werden abzahlen müssen.

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