Das Ziel könnte nicht weiter gesteckt sein: Nimm das gesamte kulturelle und historische Gut der Menschheit und stelle es digitalisiert im Internet zur Verfügung. Die Unesco hat es sich trotzdem vorgenommen. Nach der europäischen digitalen Weltbibliothek Europeana startet jetzt die internationale World Digital Library (WDL), das bislang größte und ambitionierteste Projekt, Kultur zu konservieren.

Neben der Unesco beteiligen sich daran bisher 32 Institutionen und Partner und steuern ihre Inhalte bei. Darunter der US Library Congress, dessen Direktor James H. Billington im Jahr 2005 die Idee zu der Bibliothek lieferte, und, neben der Bibliothek von Alexandria, auch mehrere Nationalbibliotheken.

Die WDL will Millionen digitalisierter Bilder, Fotos, Gemälde, Karten, Manuskripte und Musik als Originalkopie ins Netz stellen. Der Schwerpunkt sind Bilder, doch werden auch rare Bücher zugänglich gemacht. Das Besondere: Jedes Dokument kann in guter Auflösung heruntergeladen werden. Die Suche nach ihnen lässt sich nach Ort, Zeit, Thema, Dokumenttyp und Institution begrenzen. So kann zum Beispiel gezielt nach alten chinesischen Schriftstücken oder nach afrikanischen Höhlenmalereien gesucht werden.

Sie unterscheidet sich dabei von anderen Bibliotheken, wie zum Beispiel der Europeana oder Google Book Search. Anstatt wie Google einfach alles zu digitalisieren, was zu haben ist, konzentrieren sich die WDL und Europeana auf selektierte Inhalte. Es wird ebenso wie bei der Europeana nur aufgenommen, was sich als Primärquelle einordnen lässt und ein Kulturgut ist. Allerdings liegen die Inhalte dann auch wirklich auf den Servern und verlinken nicht nur auf andere Seiten, wie es die Europeana tut. Gerade historisches Kulturgut der Nationalbibliotheken, das sonst nicht für den Normalbürger einsehbar ist, soll so zentral im Internet präsentiert werden.

Ideenstifter Billington möchte die Technik nutzen, um zwischen den verschiedenen Kulturen dieser Welt Brücken zu schlagen. Daher soll das gesammelte Wissen nicht statisch präsentiert werden. Die Suche will möglichst viele verschiedene Inhalte miteinander verknüpfen und in einer interaktiven Weltkarte darstellen. Erklärte Mission ist es, die kulturelle Vielfalt im Internet anzureichern. 

Dabei wird vor allem Wert auf Inhalte aus dem Nahen Osten und Asien gelegt. Das bisher existierende kulturelle Ungleichgewicht im Internet zugunsten des Westens soll aufgelockert werden. Dazu arbeitet die Unesco-Bibliothek mit Entwicklungs- und Schwellenländern zusammen. Daten aus jedem der 193 Mitgliedsländer der Unesco sind bereits erfasst, irgendwann sollen all diese Länder selbst Inhalte liefern und die Bibiolthek weiter wachsen lassen. Damit würde die WDL die größte und bedeutendste internationale Sammlung von Primärquellen im Internet.

Die WDL wird in den sieben Sprachen der Vereinten Nationen angeboten: Englisch, Arabisch, Chinesisch, Französisch, Russisch, Spanisch und Portugiesisch. Allerdings bleibt der Inhalt davon unangetastet, nur die Metadaten, die für die Suche von Nöten sind, werden übersetzt.

Der Traum vieler Forscher und Wissenschaftler nach einer Datenbank der Weltkultur könnte damit Wirklichkeit werden: "Sie bauen eine intellektuelle Kathedrale, die vielleicht nie ganz fertig wird", sagte der Essayist Paul Saffo in der Washington Post. Aber als Quelle für Informationen sei die digitale Bibliothek ein wunderbarer Ort.

So, wie die WDL sich schon heute zeigt, könnte die Zukunft der Bibliotheken, Archive und Museen aussehen: Viele sind darauf bedacht, ihre Kulturschätze zum digitalen Erbe der Welt zu machen. Doch ist eher unwahrscheinlich, dass digitale Bibliotheken als Mittel der Völkerverständigung funktionieren. Denn vor allem profitieren davon Bildungsgesellschaften, Universitäten und Professoren; zumeist die der westlichen Welt. Ein Beispiel für den Gewinn der westlichen Welt liefert derzeit Konkurrent Google. Dessen Mammut-Projekt hat einen rein kommerziellen Hintergrund.