Klassik im NetzYouTube-Orchester spielt offline

Erstmals ist das Internet-Orchester in der realen Welt aufgetreten. Doch wie paradox: Zuhörer im Netz konnten das Konzert nicht live erleben von 

Der Dirigent Michael Tilson Thomas gratuliert den 96 YouTube-Musikern zu einem musikalisch gelungenen Konzert

Der Dirigent Michael Tilson Thomas gratuliert den 96 YouTube-Musikern zu einem musikalisch gelungenen Konzert  |  © Stan Holda/AFP/Getty Images

Die Geigensoli, Trompetenklänge und Trommelwirbel hatten per Video ihren Weg aus Tausenden Wohnzimmern ins Netz gefunden. Monatelang konnten Internetnutzer auf Videoportal YouTube beobachten, wie das erste virtuelle Symphonieorchester aus Laien und Profis entstand. 96 Musiker aus 30 Ländern schafften es schließlich in die Endrunde, nachdem Besucher des Portals mit abstimmen durften.

Als das neue Orchester dann am Mittwochabend (Ortszeit) zu seinem groß angekündigten Debüt in der New Yorker Carnegie Hall zusammenkam, blieb die Internetgemeinde allerdings draußen. Die Musiker hätten gar nicht mal schlecht gespielt, stellte ein Reporter der New York Times fest. Wer nicht mit im Saal saß, konnte das leider nicht beurteilen. Denn eine Live-Übertragung aus der realen in die virtuelle Welt hatten die Veranstalter nicht vorgesehen. Dafür wurde eine Collage mit einem Zusammenschnitt aus den Casting-Filmen eiligst einen Tag früher als geplant auf die Website gebracht. So paradox es klingen mag: Der krönende Abschluss des werbewirksam durchgezogenen Projekts wurde in der Endlosschleife der Videos schlichtweg zur Nebensache.

Anzeige

Auf dem Programm stand die Eroica Symphony, die der chinesische Komponist Tan Dun für das YouTube-Orchester geschrieben hatte – eine Mixtur aus Beethoven, eigenen Kompositionen und Alltagsgeräuschen, die auf jedem beliebigen Instrument erzeugt werden können. Für ein abendfüllendes Konzert reichte das aber noch nicht. Die Musiker spielten deshalb auch ein buntes Potpourri aus Stücken von der Renaissance bis zur Gegenwart, von Gabrieli über Bach, Mozart, Brahms und Tschaikowsky bis zu John Cage. Prominentenglanz erhielt der Abend durch Stars wie die Sopranistin Measha Brueggergosman, den Geiger Gil Shaham und die chinesische Pianistin Yuja Wang. Einzelne Sätze aus großen Werken und kleine virtuose Stückchen, mehr nicht, kritisierte die New York Times. Ob das für die Mitwirkenden nicht etwas unbefriedigend sei?

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Dirigent | John Cage | Konzert | Musiker | Orchester | Video
  • Album "Text und Musik": Mutter zuhören!

    Mutter zuhören!

    "Wer hat schon Lust zu denken, wie sie denken, die uns hassen?" Auch das zwölfte Album der Berliner Band Mutter stellt die richtigen Fragen zum Menschsein.

    • Der Rapper Marteria. Er legt Wert darauf, so etwas Altmodisches wie eine politische Meinung zu haben.

      "Ich will Feuer sehen, keine Handys"

      Der aus Rostock stammende Rapper Marteria analysiert für uns das Zeitgeschehen. Mit ihm kann man sogar über Neonazis, Spießer, Drogen und Videospiele reden.

      • "Deutsch so wie Du": Kamyar und Dzeko (von links) sind 15 Jahre alt und kommen aus Fulda.

        "Nee, Du bist kein Deutscher"

        Zwei 15-Jährige widerlegen Sarrazins Thesen: Kamyar und Dzeko geben Kindern mit Migrationshintergrund eine Stimme. Ihr Rap-Video feiert Premiere auf ZEIT ONLINE.

        • Anna Prohaska, 1983 in Neu-Ulm geboren, ist die Tochter eines österreichischen Opernsängers und einer irischen Sängerin.

          Zwischen den Fronten

          Die begnadete klassische Sängerin Anna Prohaska hat ein Faible für schräge Konzeptalben und doppelgesichtige Gestalten. Auf ihrem neuen Album besingt sie den Krieg.

          Service