Berliner Theatertreffen Kleines ABC des Theatertreffens
Was sind die Highlights des Festivals? Welche Rolle spielen Kastanien, Bier, Inzest und Christoph Marthaler? Unser Autor buchstabiert es Ihnen
A wie Augenblick »
Moment, in dem vieles zusammenpasst und das Was-kommt-als-Nächstes-Empfinden durch intensives Erleben der Gegenwart ersetzt wird. Hat entfernte Ähnlichkeit mit dem altgriechischen Kairos: "Der rechte Augenblick" oder "die goldene Mitte". Noch immer einer der Gründe, weshalb man ins Theater geht. Nachteil: lässt sich nicht festhalten.
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B wie Bier »
Der Verzehr von B. beim Drumherum, also dem, was vor und vor allem nach den Aufführungen geschieht, kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Im Gegensatz zu B wie Blog, einem Novum beim Theatertreffen. Die letzten Jahre gab es eine Theatertreffen-Zeitung, dieses Jahr gibt es Theatertreffen-Blogs. Erster Eintrag: "Mein Survival-Mantra: Ab Festival-Beginn nicht mehr ans große Ganze denken, nur von Vorstellung zu Vorstellung, von Tag zu Tag, Stunde zu Stunde!" Iris Laufenberg, Leiterin Theatertreffen. Zweiter Eintrag: "Ganz vergessen, wie schnell ich Fahrradfahren kann." Elise Graton, Blog-Redakteurin.
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C wie Christoph Marthaler »
oder Christoph Schlingensief. Siehe unter Q und Y.
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D wie Dreisat »
(passend gemachte Schreibweise)
Auch 3sat, das zusammen mit dem ZDF Theaterkanal das mediale Elternpaar des
Festivals bildet, eilt mit Siebenmeilenstiefeln Richtung Zukunft. Der "3sat
Publikumspreis für herausragende
künstlerische Leistungen des deutschen Schauspiels" wird in diesem Jahr in einem neuen Format vergeben. Eine vierköpfige Jury, zu der unter anderem Claus
Peymann und die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck gehören, wird den Preis in
einem "harten, aber fairen Kampf
bestimmen". Vor laufenden Kameras.
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E wie wie Easyjetset-Theatermacher »
Meist junge Theatermacher, die etwa in Frankreich geboren wurden, in England studiert und in Deutschland gearbeitet
haben und nun in Lettland ein Kulturprojekt leiten und all das auch stolz in ihre Bewerbungen fürs "Internationale Forum der tt Talente" schreiben. Der Jammer
beginnt, wie Uwe Gössel, der Leiter des Forums, im Blog (siehe unter B) betont, wenn die Workshoparbeit beginnt.
Fragen über Fragen: "Wohin soll ich
gehen? Wer geht mit? Ist schon jemand dort? Wo sind die anderen? Gehöre ich dazu? Warum nicht? Kann ich allein eine Familie gründen? Wo sind meine Kinder? Sind die Fragen, die ich mir stelle, auch die Fragen, die mein Publikum hat? Nein? Für wen mache ich dann Theater?
Für Sie? Wer sind Sie? Was interessiert mich an Ihnen?"
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F wie Feuer oder Flüchtigkeit »
Dass es beim Theatertreffen nicht nur technisch (siehe unter B), darstellungsmäßig (siehe unter D) und lebenslaufmäßig (siehe unter E), sondern auch bewusstseinsmäßig vorwärtsgeht, dokumentiert dieses: Früher traf man sich nach den Aufführungen im Spiegelzelt. Heute sammelt man sich am Feuer hinter der Kassenhalle. Früher sah man also während der Gespräche aus den Augenwinkeln sich selbst. Heute schaut man der Vergänglichkeit bei der Arbeit zu.
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G wie Genuss »
Mal was Altmodisches, zutiefst Verpöntes. Wahrscheinlich sogar möglich.
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H wie Highlights »
Eine Kirche der Angst. Möwe. Hier und Jetzt. Alle Toten fliegen hoch. Und die restlichen sechs ausgewählten Inszenierungen. Theaterpreisverleihung an Jürgen Gosch und Johannes Schütz. Wegen der hochkarätigen H. musste dieses Jahr ein liebgewonnenes Ritual im Theatertreffenvorlauf ins Wasser fallen. Das traditionelle Jury-Bashing fand nicht statt
(siehe auch unter J).
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I wie Inzest »
Siehe unter B, E, M, N, O und U.
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J wie Jury-Bashing »
Fiel dieses Jahr ins Wasser (siehe auch
unter H).
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K wie Kastanien »
Treue Bäume vor, hinter und neben dem Haus der Berliner Festspiele, die auch
dieses Jahr pünktlich zum Festivalbeginn prächtig blühen (falls an dieser Stelle Krise erwartet, siehe unter Q und S).
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L wie Licht »
Dutzende Deckenspots tauchen die Gänge in goldenes Licht. Das Holz der Wände schimmert honigfarben. Einige Sträucher der Hecke stehen nackt im Schatten.
Der Wind hat Blätter von den Rasenflächen auf die Gehsteigplatten geweht, zwischen deren Fugen Moos wächst. Noch ist kein Mensch zu sehen.
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M wie Müdigkeit »
Kann während langer Aufführungen auftreten, manchmal kurzzeitig zu Beginn
einer Vorstellung, was nicht gegen die
Inszenierung sprechen muss. Eine andere Form der Müdigkeit tritt erst weit nach Mitternacht auf, auch Theatertreffenkoller oder Betriebserschöpfung genannt, deren Hauptsymptome zwei Paradoxien bilden: Ekel vor herdenhaftem Beieinanderstehen bei gleichzeitiger Unfähigkeit, sich vom Rudel zu entfernen. Monströse Sprechunlust bei gleichzeitiger Unfähigkeit, den Mund zu halten.
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N wie Nölerei »
Was man sagt, wenn Nicht-Berliner, die extra wegen des Festivals in die Stadt
gekommen sind, oder Berliner, die mal wieder alles besser wissen, sich trotz der H-Dichte übers Theater beschweren: Dann geh doch ins Berghain!
Was man sagt, wenn der Stehnachbar
unter Betriebserschöpfung leidet: Hängt von der Situation ab. Aber bitte:
Anstand wahren! Gerade wenn der
Nachbar den seinen längst verloren hat.
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O wie Oh »
Ausruf der Überraschung und Freude.
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P wie Provinz »
Wo bleiben die Frauen? Wo bleiben die jungen Regisseure? Wo bleibt der Osten? Wo bleibt die Provinz? Statt Antworten siehe unter H.
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Q wie Quersumme »
Zehn ausgewählte Inszenierungen minus eine, die nicht gezeigt wird, plus sechzehn Diskussionen/Gespräche (bestimmt verzählt) plus dreizehn szenische Lesungen (oder Ähnliches) plus sieben Feste (so
wenig? Wegen der Krise?) plus vier Preisverleihungen ergibt neunundvierzig.
Quersumme: 13! Supermystische Zahl!
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R wie Rituale »
Siehe unter E, F, H, M, N und U.
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S wie "Sich selbst entdecken" »
sagt John von Düffel, Leiter des Dramatikerworkshops des Stückemarkts, sei das "Lernziel" der Workshop-Arbeit unter der Vorgabe "Hier und Jetzt. Welche Krise?" Erstmals werden bekannte Schauspieler "die Texte der Talente lesen, ohne jede Probe, ohne jede Inszenierung, im Sinne einer Erstbegegnung zwischen Schauspielern und Text – auch das, versteht sich, einmalig" (siehe auch unter A).
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T wie tolle Titel »
"Der Mann der die Welt aß" von Nis-Momme Stockmann. "Zwei nette kleine Damen auf dem Weg nach Norden" von Pierre Notte. "Das Prinzip Meese" von Oliver Kluck, das nicht nur einen tollen Titel hat, sondern auch ein tolles Stück sein muss. "Es hat keine Handlung, es hat keine Personen, die Form ist offen. Auf jeden Fall brodelt es im Kopf" (Roland Schimmelpfennig).
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N wie Nölerei »
Was man sagt, wenn Nicht-Berliner, die extra wegen des Festivals in die Stadt
gekommen sind, oder Berliner, die mal wieder alles besser wissen, sich trotz der H-Dichte übers Theater beschweren: Dann geh doch ins Berghain!
Was man sagt, wenn der Stehnachbar
unter Betriebserschöpfung leidet: Hängt von der Situation ab. Aber bitte:
Anstand wahren! Gerade wenn der
Nachbar den seinen längst verloren hat.
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Ü wie Überleben im Getümmel »
Kurz mit beiden Händen die Hand des
Gegenübers fassen, fest drücken und haarscharf an ihm vorbeigucken. Hey. Super. Und? Ja, klasse! Die/der XYZ war doch phänomenal. Du, ich hab versprochen, Wein zu holen. Gehst du auch noch in die Bornemann Bar? Ja. Vielleicht. Obwohl. Unser Babysitter ... Da hat der Strom
der Menge die beiden gnädigerweise
wieder getrennt.
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V wie Verfahrensordnung »
Das Theatertreffen soll "bemerkenswerte" Aufführungen der deutschsprachigen Schauspielbühnen in Österreich, in der Schweiz und in Deutschland in
zeitlichem Zusammenhang zeigen.
Leicht gesagt, schwer getan.
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W wie Workshops »
Es finden sehr, sehr viele statt.
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X wie Xylophon »
Eher unwahrscheinlich, dass während der 49 Veranstaltungen (bestimmt verzählt) ein Xylophon zum Einsatz kommt. Schade. Doch. Vielleicht während eines Workshops zum Thema Raum?
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Y wie Yodeln »
(globalisierte Schreibweise, siehe unter E). Einziger, dafür großer Wermutstropfen des H.-Programms: Christoph Marthalers "Das Theater mit dem Waldhaus" kann unmöglich vom Hotel Waldhaus in Sils-Maria nach Berlin verpflanzt werden, ohne das Eigentliche der Arbeit, ihre Atmosphäre, zu zerstören. Deshalb hier ein Gedenksatz: "Selten, wahrscheinlich noch nie, war Marthalers Kunst so
familiär, so elegant und von inniglich strahlender Schönheit wie in dieser
Meditation über Heimweh und Fernweh, über die Einsamkeit jedes Reisenden und den Abgrund, der in jedem Hotelgast und in jedem Hotelbediensteten wohnt"
(Jurymitglied Wolfgang Höbel).
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Z wie ZDF-Theaterkanal »
Bildet, zusammen mit 3sat, noch immer das mediale Elternpaar der Veranstaltung, das uns glauben machen will, dass Geist und Fluidum eines Theaterabends, sein Hier und Jetzt, mit Kameras eingefangen und über Kabel in einen Kasten übertragen werden kann. Manchmal gelingt das sogar. Ist jedenfalls besser als Theater, das schlechtes Fernsehen nachspielt.
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