Gentechnik

Eine Friedenskartoffel für die CDU

Mit ihrer Entscheidung zu Gunsten der Genkartoffel demonstriert CSU-Ministerin Aigner Selbständigkeit und erfreut die CDU. Die Verbraucher dürfte sie eher verwirren.

Streitobjekte: Ein Bund Gen-Kartoffeln vor einem Warnschild an einem Versuchsfeld

Streitobjekte: Ein Bund Gen-Kartoffeln vor einem Warnschild an einem Versuchsfeld

Ilse Aigner hat sich in den vergangenen Wochen eine Menge anhören müssen. "Die Chefsekretärin" betitelte etwa ein großes Nachrichtenmagazin einen Bericht über die CSU-Politikerin, die seit wenigen Monaten das Amt der Bundesverbraucherschutzministerin inne hat. Seit dem Verbot der gentechnisch veränderten Maissorte MON 810 stand Aigner in dem Ruf, in ihrem Amt nur der verlängerte Arm von CSU-Chefs Horst Seehofer zu sein.

Mit ihrem Auftritt bei der Verkündung des Mais-Verbots hatte die Ministerin dazu einiges beigetragen. Mit unbewegtem Gesicht las sie, die in ihrer Zeit als forschungspolitische Sprecherin der Fraktion stets als Befürworterin der grünen Gentechnik gegolten hatte, damals die Begründung vom Blatt ab. Bei dieser Entscheidung habe es sich um ein Diktat aus München gehandelt, hieß es hinterher. Schließlich hat sich Horst Seehofer zu einem der vehementesten Kämpfer gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel entwickelt, seit er Ministerpräsident und nicht mehr selbst Verbraucherschutzminister ist und deswegen mehr Rücksicht darauf nehmen muss, dass die Agro-Gentechnik in Bayern nicht weniger unbeliebt ist als im Rest der Republik.

Wenn die Ministerin nun den Versuchsanbau der Kartoffel Amflora erlaubt, hat dies für sie zumindest den schönen Nebeneffekt, dass sie auf diese Weise Selbständigkeit demonstrieren kann. Denn auch im Vorfeld dieser Entscheidung hatte Seehofer Bedenken zu Protokoll gegeben: "Forschung mit gentechnisch veränderten Pflanzen gehört für mich nicht auf das freie Feld", so der CSU-Chef.

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Nach dem Okay der Ministerin für Amflora machte er denn auch umgehend deutlich, dass er damit nichts zu schaffen habe. "Das ist eine Entscheidung, die die Bundeslandwirtschaftsministerin zu treffen hat", sagte er. "Das kann ich nicht kommentieren". Aigner wird das nicht ungern gehört haben. Der politische Schaden für die CSU hält sich zudem in Grenzen. In Bayern wird nicht mit Amflora experimentiert.

Der andere positive Aspekt für Aigner besteht darin, dass sie nun gewissermaßen den Beweis für ihre im Zuge des Genmaisverbots getroffene Ankündigung nachgeliefert hat, mit diesem  sei keine Grundsatzentscheidung über die Zukunft der grünen Gentechnik in Deutschland gefallen.

Nebenbei befriedet Aigners Kartoffel-Beschluss auch die CDU. Bei den Christdemokraten war das Mais-Verbot auf Kritik gestoßen, auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan hatte gegen die Entscheidung Stellung bezogen.

Für alle Gentechnik-Skeptiker kann Aigner auf der anderen Seite das Bonbon anbieten, dass BASF den Versuchsanbau immerhin von ursprünglich 150 auf 20 Hektar reduziert hat und dieser auch nur an einem einzigen Standort in Mecklenburg-Vorpommern stattfinden wird.

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Leser-Kommentare

  1. Das Schachspiel.... eine der Regeln die es in Strategien umzusetzten gilt ist, die Bauern haben wenig Aktionsradius, stören lediglich ab und zu und, sind von geringem Wert, werden deshalb geopfert so das für die wirklich wichtigen Dinge Platz vorhanden ist...

    Die Friedenskartoffeln dürfen nun ein paar Felder vorrücken.

    Das diese grünen Friedensgene in Europa eine Mehrheit der Menschen nicht will... das hingegen will eine Minderheit einfach nicht begreifen. Zudem, wenn es nicht so traurig währe schon fast belustigend wie friedfertig das klingt, Friedenskartoffeln lässt sich so schön mit positiven Assoziationen belegen.

    Genauso wie die schon fast geniale Wortschöpfung "Grüne Gentechnik"...

    ;-)

    “When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara

  2. Bei Mon 810 NEIN, bei Amflora JA ?
    In der Bevölkerung wird dies als ein Schaukelkurs, als ein Hin und Her bzw
    als eine Nicht-Fisch-nicht-Fleisch-Politik verstanden werden. Frau Aigner, das erkenne ich an, will es Herrn Seehofer recht machen, aber auch der Kanzlerin. Denn es geht ja wohl auch um voluminöse Spenden der Industrie für Parteikassen.
    Die Bürgerlichen haben ein besonderes Talent, seit jeher, sich aus Sachzwängen durch Lebenslügen herauszuwinden. Je einfacher und wohlfeiler der Spruch, desto "geländegängiger kam man durch die Slalomlandschaft". Frau Aigner will es offensicht auch so versuchen.
    Ich räume ja gern ein, dass man Gleiches gleich, aber Ungleiches auch ungleich entscheiden kann / muss. Aber Fakt ist, dass auch und gerade an bayer. Biertischen die Menschen Themen besprechen, die man sonst nicht ins Wort nahm.
    Monsanto ist zu einem Schimpfwort geworden. Nach der Bauernbefreiung sieht man die Gefahr, dass nun wieder peu à peu eine neue Knechtschaft eintritt. Sicher hat man früher auch "gekreuzt" und "gezüchtet". Aber es war alles organisch und naturnah.
    Mir wurde von Bauern berichtet, dass das angeblich "dumme Vieh" die natürlichen Pflanzen bevorzugt. Ist es Instinkt?
    Ich denke, dass es immer Fortschritte im Pflanzenbau und in der Tierzucht gegeben hat. So weit so gut. Justus v. Liebig ist für mich ein glanzvoller Name.
    Dennoch frage ich mich, ob wir Menschen in den Heilsplan des Allmächtigen eingreifen sollten. Wo kommen solche Dinge her wie die Schweinepest.
    Natürlich hat die Wissenschaft, insbesondere der Medizin, viele Fortschritte gebracht. Noch in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind in einem Ort von ca. 3.000 EW ca. 50 Personen an Grippe verstorben ( in Deutschland). Das durchschnittliche Lebensalter von Frauen und Männern nimmt zu. chapeau! Aber müssen wir vabanque spielen?
    Immer mehr Allergien, immer mehr Menschen die wegen Kleinigkeiten anfällig sind - wo kommt das her?
    Man hat manchmal den Eindruck, dass die eine Spezies der Großchemie für bestimmte "Anfälligkeiten" sorgt, die andere, die PHARMA, liefert dann die Mittel zur Beseitigung oder Bewältigung.
    Ich finde, die Politik muss auch das Format und den Mumm haben, den Zauberlehrlingen Einhalt zu gebieten.
    Bei 6.000 registrierten Lobbyisten in Berlin ist dies sicher sehr schwer. Aber noch schwerer wird es dann, wenn diese Leute Gesetzentwürfe mit formulieren und formulieren lassen.
    Und dies, so traurig es klingt, ist der Fall.
    Seit dieser Zeit, seitdem ich dies weiss, befällt mich eine tiefe Lähmung, das Berufsbeamtentum (Ministerialbeamtentum) zu loben.
    Es fehlt die Kontrolle ungesunder Quer- und Untergrundverbindungen.
    Wo bleibt da der Bundesrechnungshof?
    Früher hiess es: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!
    Aber wer ist hierzulande geradlinig, unbestechlich und korrekt genug, diese Kontrolle wirklich, und nicht nur pro forma, auszuüben?
    Mir kommt nun das berühmte Wort Heinrich Heines in bezug auf Deutschland in den Sinn. Lassen wir es dabei!

    • 27.04.2009 um 23:33 Uhr
    • Colon

    Unterschiede sollten Unterscheide machen,
    liebe Frau Schuler, liebe Mitkommentatoren.

    Amflora (R), eine transgene Kartoffel, die fast nur Amylopektin-Stärke produziert. Angebaut auf 20 Hektar (je nach Region, ein 1/6-1/50-100 eines durchschnittlichen Grünland-Hofs), als wissenschaftlich kontrollierter, streng abgetrennter Versuch um eine Wirtschaftpflanze, z.B. für die Papier- und Klebstoffindustrie, zu entwickeln, die nicht als Nahrungs- und Futterpflanze gedacht ist. Wenn es sicher wäre, ersparte diese Kartoffel den energie- und wasserintensiven Prozess der Trennung von Amylopektin (verkettete Großmoleküle) und Amylose (linerare Großmoleküle). Pferdefuß: Diese Pflanze enthält zur Markierung für das Labor ein Resistenz-Gen gegen Kanamycin, ein Antibiotikum, welches sehr breit gegen verschiedene Keime wirkt und daher bei unspezifischen Augenentzündungen und als Reserve-Antibiotikum gegen Tbc Verwendung findet. Gerade gegen multiresistente Stämme bleibt Kanamycin eine Chance in aussichtloser Lage. Daher sollte nicht leichtfertig die Verbreitung angestrebt werden. Befürworter des Anbaus argumentieren, die Resistenz Gene befänden sich auf anderem Wege schonverbreitet in der Natur. Aus biologischer Sicht stellt aber das Amflora-Resistenz Gen eine Optimierung dar. Daraus können Gefährdungen erwachsen.

    Mon-810, eine transgener Hybrid-Mais, der mit einem übertragenen Gen das Toxin von Bacillus türingiensis produziert, welches die Larven des Maiszünslers in den Pflanzen, in denen sie sich bevorzugt aufhalten abtötet, aber dann überall, in jeder Pflanzenzelle produziert wird. Ein vollständiger Abbau der toxinhaltigen Pflanze setzt Bodenbearbeitung voraus. Die ist heikel im Anbau. Die Erträge liegen nicht wesentlich über denen von Standard-Hybrid-Sorten und auch nicht wesentlich über den Saaten des Bio-Anbaus, der nur mehr Arbeitszeit kostet. Geplante Anbaufläche waren hier ca. 3800 Hektar! Das sind, je nach Region 100-300 Betriebsgrößen.
    Der Ernteausfall-Schaden, der durch die Nicht-Anwendung von Mon-810 maximal entstünde, wenn bis auf "Bio" Alles andere transgener Mais wäre, wird vom Haus der Befürworterin dieses Anbaus, Frau Schavan, auf ca. 10-12 Mio. EUR geschätzt.
    Alle konventionellen Hybrid-Mais- Hochertragssorten, auch die trangenen müssen derzeit "gebeizt" werden. Die dabei verwendeten Substanzen sind wiederum verdächtig, mit am Bienensterben schuld zu sein. Trangener Mais wird in den USA und Südamerika, mittlerweile auch in China großflächig angebaut.

    Um Forschung, vor allem Grundlagenforschung und neue Patente, z.B. für deutsche Saatzüchter geht es und ging es also nicht. Transgene Nutzpflanzen führen in Schwellen- und Drittweltländern zu massiven Veränderungen in der Sozialstruktur auf dem Lande. Großbetriebe produzieren dann für den Weltmarkt, die vermehrte maschinelle und chemische Bearbeitung setzt Arbeitskräfte frei und bringt diese bisher selbstständigen Bauern in Abhängigkeit (analog dem frühkapitalistischen Verlegersystem müssen Bauern beim Grundherrn oder Geldgeber auf Kredit die Saaten kaufen, die dieser wiederum bei Monsanto, bzw. bei dem Vertrieb der Firma kaufte, später kaufen die "Verleger" den Bauern die Ernte ab und tilgen einen Teil des Kredits, aber immer nur so viel, dass die Abhängigkeit erhalten bleibt).

    Insofern könnte man auf die Idee kommen, die Verbraucherschutz- und Landwirtschaftministerin Aigner hätte auch einige gute Gründe, dieses Mal ja zu einer wirklichen Erforschung zu sagen, wohingegen die Zulassung des transgenen Mais nur dessen flächendeckenden wirtschaftlichen Einsatz nach unseren Zulassungsregeln ermöglichen sollte. - Ich muss schon sagen, ein reife Leistung auf Seiten der Berater des Landwirtschaftsministeriums und Hut ab, vor dieser "Sekretärin". Sie nimmt ihre Ernennung zur Beamtin auf Zeit ernst (kleiner Scherz, denn ich weiß nicht, ob Frau Aigner vorher für ihre Tätigkeit aus einem Beamtenverhältnis freigestellt wurde).

    Grüße

    Christoph Leusch

  3. Die wirtschaftliche Nutzung der Gentechnologie ist an die Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen oder Organismen gebunden und hier entsteht ein großes Gefahrenpotential. Es fehlen jegliche Vorstellung und Risikoanalyse darüber, was unter Freilandbedingungen eintreten kann. Der einmal freigesetzte gentechnisch veränderte Organismus kann nie wieder eingefangen werden und seine Auswirkungen auf das ökologische Gleichgewicht des Biotops sind nicht einmal abschätzbar.

    Die Flächen mit den drei wichtigsten gentechnisch modifizierten Sorten Soja, Mais und Raps sind deutlich gewachsen. Demgegenüber ist die insektenresistente Baumwolle in den Vereinigten Staaten rückläufig. Bei den genannten vier Pflanzenarten ist der Anteil der gentechnisch erzeugten Sorten am gesamten Saatgut auf knapp ein Viertel gestiegen. Fast schon ein Drittel der Sojabohnen werden weltweit mit biotechnologisch hergestelltem Ausgangsmaterial erzeugt.

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  • Von Katharina Schuler
  • Datum 28.4.2009 - 08:29 Uhr
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  • Quelle ZEIT ONLINE, 27.04.2009
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