Die Luft im Beichtstuhl ist muffig und verstaubt, die Beichtklappe geht auf: "Vater, ich habe gesündigt". Ein in unserer Kultur vertrautes Bild. Doch Szenen wie diese gehören in Deutschland schon lange nicht mehr zum Alltag. Besonders jüngere Menschen, so ein Bericht des Bistums Münster, wüssten oft gar nicht, welche Freude und Erleichterung das Sakrament der Beichte mit sich bringt.

Doch es sündigt der Mensch, solang' er lebt. Wohin also mit dem schlechten Gewissen, wenn der Beichtstuhl zu unbequem geworden ist? Robert Neuendorff erkannte 2004 die Geschäftslücke und gründete beichthaus.com: "Der entscheidende Antrieb war damals, dass Freunde und Kollegen eine Plattform suchten, auf der sie einer breiten Masse ihre Taten mitteilen können und auch Hilfestellung erhalten."

Heute werden auf seinen Seiten beichthaus.com, sinr.de und istdasnormal.com bis zu 300 Geständnisse am Tag virtuell abgelegt, fein säuberlich nach Kategorien geordnet. Gestanden wird alles, dessen sich Menschen schuldig machen können. Von skurrilen Kleinigkeiten wie "Ich gebe in Bewerbungen immer an, Swahili sprechen zu können", bis hin zu großkalibrigen Straftaten: "Dann war da auf einmal diese Radfahrerin. Sie hatte Vorfahrt, doch ich habe sie total übersehen. Sie starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Ich hatte 1,2 Promille Alkohol im Blut."

Fast 24.000 Beichten sind so bislang zusammengekommen. Ein Erfolg, der Gründer Neuendorff verständlicherweise freut. Denn hinter seinem Engagement steckt unternehmerisches Kalkül. Die Seite finanziert sich über Werbebanner. Eine Konkurrenz zur Kirche möchte er dennoch nicht sein. "Die Beichte im Internet kann ein persönliches Gespräch mit einem Priester nur schwer ersetzen. Für die meisten User sind jedoch die Meinungen anderer Menschen wichtig. Viele können oft hilfreichere Ratschläge liefern, als eine einzelne Person bei der traditionellen Beichte in der Kirche."

Die katholische Kirche sieht das naturgemäß anders. Denn im Netz seine Sünden zu gestehen, ist kein Akt, der Zeit, Mühe oder Überwindung kostet. Bei den meisten Angeboten reicht es, sein Fehlverhalten in ein Formularfeld zu schreiben und abzuschicken.

Die verschiedenen Seiten unterscheiden sich vor allem darin, wie sie mit den Geständnissen umgehen. Das christlich geprägte beichte.com wahrt das Beichtgeheimnis und veröffentlicht die Sünden nicht. Stattdessen gibt es Glockengeläut und den vagen Hinweis "Wenn Sie Ihre Verfehlungen wirklich bereuen, wird Ihnen wahrscheinlich vergeben."

Auf beichthaus.com sind es die Nutzer, die über die Vergebung entscheiden. Im Schutz der Anonymität offenbaren dabei viele eine eher alttestametarische Auslegung christlicher Nachsicht und Nächstenliebe. "Ich finde, Leuten wie dir sollte man mit einem ziemlich scharfen Messer ein X auf die Stirn ritzen, damit jeder genau weiß, an wem er ist, wenn er mit dir zu tun hat," wünscht Nutzerin "AGBlerin" einem Mann, der reumütig seine Seitensprünge eingesteht.