Berliner Theatertreffen Radikal ist allein das Private
Schlingensief und Gosch: "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" von der Ruhr-Triennale und "Die Möwe" vom Deutschen Theater Berlin – so intensiv und emotional war Theater lange nicht

© Foto: David Balzer/Zenith/Berliner Festspiele
Familienurlaub an der See. Vater Schlingensief filmte den kleinen Christoph in den sechziger Jahren mit einer Super-8-Kamera. Ausschnitte aus diesem Privatschatz sind in Christoph Schlingensiefs "Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" zu sehen
Selten in den letzten Jahren war die Spannung vor einem Theatertreffen so spürbar wie jetzt. Es liegt etwas in der Luft, es rumort etwas in den Köpfen, es will etwas heraus, das sich nicht leicht begreifen lässt. In die lange auf Autopilot geschaltete, mit sich selbst beschäftigte Bühnenmaschinerie ist Bewegung gekommen.
Die wieder erwachte Lust der Regisseure und Dramatiker an der politischen Attacke hat Wolfgang Höbel, Jury-Mitglied des Theatertreffens, kürzlich im Spiegel beschrieben. Es ist schon richtig, man hört die Signale: In neuen Stücken von Elfriede Jelinek (Die Kontrakte des Kaufmanns) oder David Kelly (Liebe und Geld), in Volker Löschs jakobinischen Schauprozessen (eingeladen ist sein Hamburger Marat) taucht sie plötzlich wieder aus der Versenkung auf, die gute alte Kapitalismuskritik. Nur dass sie sich im so schwer zu identifizierenden Angesicht der Krise heute lauter, schriller, aggressiver gibt als in den gemütlichen bundesrepublikanischen Zeiten. Damals war das Politische stadt- und staatstheaterimmanent, eine Conditio, ohne die es gar kein ernstzunehmendes Theater geben durfte. Der gute alte, noch nicht durchglobalisierte Kapitalismus war ein relativ leichter Gegner. Was ähnlich für die DDR galt. Die Künstler dort sahen sich einem repressiven Staatsapparat gegenüber. Der Feind war sichtbar.
Die neue Lautstärke, die frische Wut zeigt aber auch die Hilflosigkeit des wiederaufflammenden politischen Bewusstseins im Theater. Während sich da und dort die Löschtrupps formieren, um Öl ins Feuer zu gießen, macht sich ein René Pollesch im Volksbühnen-Prater über die Alarmisten und Aktionisten schon wieder lustig. Ein Chor irrt sich gewaltig nennt er seine jüngste Chaos-Komödie, in Anspielung auf die Hartz-IV- und Migrantenchöre, die Volker Lösch in die Schlacht an der Rampe schickt. Auch Höbel bleibt skeptisch: "Die verblüffende politische Wachsamkeit der Bühnenschaffenden hängt vermutlich damit zusammen, dass im deutschsprachigen Theater seit Jahrzehnten kaum etwas so hingebungsvoll gepflegt wird wie die Kunst der Weltuntergangsbeschwörung."
Theater als Krisengewinner? Bei der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek werden Katastrophensüchtige online in einem atemberaubenden Tempo versorgt. Ob Fritzl oder Finanzkrise, da rauscht immer schon ein Katarakt selbstreferenzieller Unglückstiraden. Man fühlt sich bestätigt in seiner Empörung und Angstlust. Darin liegt der Betrug einer vordergründig politischen Kunst.
- Datum 30.04.2009 - 16:02 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren