Musikpresseschau Drei von fünf für Dylan
Wenn Bob Dylan ein Album herausbringt, sind die Journalisten ganz aufgeregt. Und die Fans erwarten Lobeshymnen von der Musikpresse. Ein kritisches Szenario

© Peter Elmhot/AFP/Getty Images
Bob Dylan, der Mann mit der Mundharmonika, diesmal am Keyboard
Guten Tag allerseits! Herzlich willkommen in der Mehrzweckhalle in Tijuana zum 33. Bob Dylan-Beschreibungswettbewerb. Auch in dieser Woche haben sich die Musikkritiker der Welt zusammengefunden, um Bob Dylans neues Album Together Through Life zu besprechen. Wirklich alle sind gekommen, die Ränge sind gefüllt. Zuvor schon wurde hitzig diskutiert: Wird Dylan die Canterbury Tales rückwärts zitieren? Bei welchem Bluesmusiker hat er sich diesmal die Akkorde ausgeliehen? Was hat das Plattencover zu bedeuten, und welchen Badezusatz verwendet er? Befindet sich Dylan etwa "auf dem Höhepunkt der mexikanischen Phase", wie es Max Dax in der deutschen Popzeitschrift Spex behauptet? Und welche Phase kommt danach? Die tadschikische? Die guatemaltekische? Fragen, die beantwortet werden wollen.
Es geht los. Die Spannung ist unerträglich. Den Anfang macht Alexis Petridis vom britischen Guardian: "Das enorme Missverhältnis zwischen den Alben, die Dylan in den letzten Jahren gemacht hat und der kritischen Reaktion, die sie auslösten, ist wie die Musik eine ganz eigene Geschichte." Interessanter Einstieg. Das Publikum wartet noch ab. "Es gibt vieles, was Together Through Life großartig macht […]", schreibt Petridis. Applaus. "Wer ein lebensveränderndes künstlerisches Statement von Leuten erwartet, die spielen als stünde ihr Haar in Flammen, kommt zu kurz […]." Erste Unruhe im Publikum, Mundharmonikas fliegen. "Die Realität ist weniger aufregend, wie Together Through Life – weder Meisterwerk noch Desaster – zeigt." Petridis gibt drei von fünf Sternen. Tumulte auf den Rängen! Die Dylanologen sind kaum noch zu halten. "Halt deinen Mund und iss deine Cornflakes, Mr. Petridis", schreit ein Fan.
Als Nächstes ist David Fricke vom Rolling Stone an der Reihe. Er hat es jetzt schwer. Das Publikum ist sichtlich aufgebracht. "Dylan, der im Mai 68 Jahre alt wird, klang nie verwüsteter, genervter und lüsterner als auf Together Through Life." Das war knapp. Erleichterung auf den Rängen. Viele kehren zurück auf ihre Plätze. Fricke kommt in Fahrt: "Es ist eine düster klingende, oft verblüffende Platte." Stürmischer Applaus. "Es ist ein Portrait eines hässlichen Amerikas, das in einen brutalen Darwinismus abgeleitet – der kaltherzigste und gemeinste überlebt – und Dylan reibt es einem schmerzhaft unter die Nase." Ein Raunen geht hier durch die Halle. Jetzt kann Fricke den Sack zumachen. "'It’s all good', singt Dylan immer wieder, wie mit einem gemeinen Achselzucken in der Stimme, wissend, dass es verdammt noch mal nicht so ist." Vier von fünf Sternen! Die Halle bebt. Das wollten die Fans hören. Fricke wird mit stehenden Ovationen verabschiedet.
Was haben die deutschen Kritiker zu bieten? Edo Reents von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat Together Through Life zur CD der Woche ernannt. La-Ola. Reents setzt alles auf eine Karte: "Der erste Eindruck ist: vielleicht etwas zu viel Akkordeon." Oha. Werden die Fans das schlucken? "Dass Bob Dylan nun gewissermaßen ein Bad im Rio Grande nimmt, war nicht direkt vorauszusehen, aber sonderlich überraschend ist es auch nicht", sagt Reents. Es gibt Pfiffe. Reents gerät jetzt unter Druck. "Diese Platte stellt zufrieden, ist interessant, hinterlässt aber auch ein wenig Ratlosigkeit". Es wird eng. "Wir müssen damit leben. Dylan selbst tut es ja auch." Halbwegs rettet sich der Autor in die Zweideutigkeit. Mehr als höflicher Applaus ist hier nicht drin.
- Datum 27.04.2009 - 16:03 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Wunderbar geschrieben - und eine humorvolle Antwort auf die Frage "Wie entziehe ich mich dem geforderten Ritual?"
Oder wurde vielleicht die Frage beantwortet "Was schreibe ich, wenn alle schon geschrieben haben?"
moaeburch
das ist das Beste, witzigste und unangestrengteste, was ich je über Dylan gelesen habe.
ER hätte seine Freude dran.
Das macht wirklich Spaß. Eine Kritik der Kritiken. Besser kann man eine neue Dylan Platte nicht besprechen. Mal abgesehen davon, gefällt mir die Platte wirklich gut. Und es ist erstaunlich auf welch hohem Niveau der gute Mann zur Zeit unterwegs ist. Und ich bin kein überzeugter Dylanologe.....
Herrlich zu lesen, Herr Schönebäumer, besser lässt sich die Musikpresse sowie Teile der mit der Legende Robert Zimmermann oftmals leicht überforderten Kulturredaktionäre nicht persiflieren, es muss aber auch schwer sein, angemessen über einen quasi als Gottvater gehandelten Mann zu schreiben, der vor wenigen Jahren fast für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen wurde, und das mit Sicherheit nicht ganz zu unrecht. Die Erwartungshaltung, die mancher an Kritiker stellt, hier als satirisch zugespitzte "Kritik-Soap" dargestellt, das ist Lesegenuss, den kaum noch ein anderes Presseorgan liefert.
Der Poet namens Dylan, oder der Rentner Robert Zimmermann.
So ähnlich der Spannungsbogen bei seinem Konzert in Basel.
Manchmal versuchte man als Zuschauer den Link zu den "guten alten Zeit" zu aktivieren, oder klingt das zu anständig und muß man Sie die "wilden Jahre" nennen? Bob hilft dabei mit seiner unverkennbaren Stimme, die meine alte Tante bereits in den 70' treffend bezeichnet hat: "Der sollte erst mal seine Erkältung ausheilen bevor der weitersingt".
'Blowing in the wind" hat man erkannt, von den anderen alten Liedern, die die Alten lieben gab es wenig Hilfestellung. Ein paar Zuschauer hatten Ihre alten schwarzen Ledermäntel an, und die zum Teil schwarz getönten oder bereits ausgefallenen Haare wiesen Sie als Mitglieder einer Szene aus, die eher die Errinnerungen suchten als neues Liedgut. Die Band rockte und der süßliche Geruch aus zwei, drei glimmenden Selbstgedrehten die heimlich zwischen ein paar 50 jährigen herumgereicht wurden, hob sich ab von den anderen Zuschauern, die wie sie alle brav Ihre 100 Schweizer Franken pro Ticket bezahlt hatten.
Viel Bewegung auf der Bühne gab es nicht, Bob und seine Band wollten nicht mit einer Megalichterschau und durch Stunts brillieren, sondern durch die Musik und die Texte. Um Sie zu verstehen sollte man die CD erwerben.
Bei dem Idol das "keinem über Dreißig traut" war diese Unsicherheit anzumerken. Die Stimme powerte und das Keyboard unterstützte Ihn, wie einen Rollator, der die alten Leute vom Altenheim, beim Spazierengehen, vor dem Umfallen schützt. Da landete man plötzlich wieder beim netten alten Herr Zimmermann.
Die Zuschauer die sich dann in die Parkhäuser begaben, verhielten sich sehr korrekt und jeder ließ den andern im Reisverschlußverfahren brav mit den BMWs, Porsches, und sogar mit vereinzelten Kleinwagen gegenseitig in schweizerischer Manier den Vortritt, dass man bereits als spießiger Deutscher unangenehm auffiel.
Auch das Publikum ist von Bob zu Robert, und von Dylan zu Zimmermann mutiert.
kwer-denker
Nun ja, Willi Winkler ist der Sieger. Wie so oft. Er kann's einfach besser als Matthias Schönebäumer, und den schöneren Namen hat er auch.
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