20 Jahre Mauerfall Kein Entwurf zum Einheitsdenkmal
In Berlin soll ein Denkmal zum 20. Jahrestag des Mauerfalls errichtet werden. Bisher lehnte die Jury jedoch alle 532 Vorschläge ab. Die Zeit drängt

© John Macdougall/AFP/Getty Images
Nicht nur über die eingesandten Entwürfe wird diskutiert, auch der Standort des Denkmals ist fraglich: Soll es etwa auf dem Alexanderplatz errichtet werden?
Der Wettbewerb um das Berliner Einheitsdenkmal ist gescheitert. Unter den 532 Einreichungen fand die 19-köpfige Jury aus Politikern, Historikern, Architekten und Künstlern keinen einzigen Entwurf, den sie für geeignet hielt. Sie brach ihre Sitzung nach der Sichtung aller Entwürfe am Dienstag ab. Dies bestätigte Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz, einer der Juroren. Die Entscheidung fällte das Preisgericht einvernehmlich.
Die Terminplanung für den Bau des Denkmals ist damit voraussichtlich Makulatur: In dieser Woche sollten 20 Kandidaten für die Endrunde gekürt und am 9. November der Wettbewerbssieger bekanntgeben werden, pünktlich zum 20. Jahrestag des Mauerfalls und der friedlichen Revolution. 2010 sollte nach zwölf Jahren Diskussion und Planung mit dem auf zwei Jahre veranschlagten Bau begonnen werden.
Nun ist wieder der Bund am Zug. Im November 2007 hatte das Parlament die Errichtung eines Einheitsdenkmals auf dem Sockel des 1950 geschleiften Kaiser-Wilhelm-Denkmals am Kupfergraben gegenüber dem künftigen Stadtschloss beschlossen – und damit die Initiative des Vereins Deutsche Gesellschaft adoptiert. Ende 2008 genehmigte der Bundestag 15 Millionen Euro: für das Denkmal im Zentrum Berlins, einschließlich der vier Millionen Euro teuren Sockelrenovierung sowie eines Informationszentrums, und für ein zweites Denkmal in Leipzig, der Stadt der Montagsdemonstrationen 1989.
André Schmitz, neben Kulturstaatsminister Bernd Neumann und Wolfgang Thierse einer der neun Sachpreisjuroren, ist froh über den Schritt: "Guten Gewissens hätten wir keinen Sieger empfehlen können. Zeitgenössische Denkmäler zu realisieren, ist generell eine schwere Aufgabe. Noch schwieriger ist es, der deutschen Einheit ein Denkmal zu setzen, noch dazu unter Bezugnahme auf die Märzrevolution 1848 und mit Blick auf Leipzig." Hinzu komme der problematische Standort gegenüber dem künftigen Schloss und mit der geplanten Bauakademie im Rücken. "Das war offenbar eine Aufgabe, die fast alle überfordert hat."
Die Jury schlägt dem Bund die Eröffnung eines neuen Verfahrens vor, mit einem begrenzten Wettbewerb. Wegen der Schwierigkeit der Aufgabe, sagte Schmitz, sollten gezielt denkmalerfahrene Künstler eingeladen werden. Außerdem empfehlen die Juroren, einzelne Ideen aus der ersten Runde einzubeziehen. Als Vertreter des Landes rät Schmitz außerdem, den Standort zu überdenken. "Das Terrain auf der Schlossfreiheit", sagte er, "ist historisch und politisch sehr aufgeladen. Man sollte überlegen, ob der Alexanderplatz als einer der Schauplätze der friedlichen Revolution oder das Areal zwischen Kanzleramt und Paul-Löbe-Haus als Standorte nicht geeigneter wären."
- Datum 30.04.2009 - 15:14 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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So einfach, wie in diesem Artikel dargestellt finde ich die Situation nicht. Es gab eine Ausschreibung mit einem vorgesehenem Ort und ganz bestimmten Bedinungen. Dieser Rahmen ist vor einem Verfahren zu klären!
Die Teilnehmer haben an einem zweistufigem Verfahren teilgenommen. Die Aufgabe der Jury wäre gewesen unter den sehr zahlreichen Einreichungen 20 zu wählen, die in einer zweiten Runde verfeinert und präzisiert werden sollten. Das nicht einmal 4% der Beiträge einen Funken Potential haben sollten fällt mir mehr als schwer zu glauben.
Ich schätze, dass alle Bewerber zusammen an die 100.000 Stunden Arbeit im Ihre Projekte investiert haben und finde es unerhört, dass all diese Menschen und Teams mit grober Wortwahl und dem Abbruch des Verfahrens beleidigt und pauschal für unfähig erklärt werden.
Ein Wettbewerbsverfahren soll dazu da sein die beste Idee zu finden. Da beizutragen, eventuell jenen Beitrag zu liefern, der alle Ansprüche erfüllt ist der Motor der Teilnahme. Wenn aber 535 Projekte im Papierkorb landen damit "... nunmehr im Rahmen eines Einladungswettbewerbs gezielt insbesondere an renommierte und erfahrene Künstler und Künstlerinnen heranzutreten und sie zur Einreichung von Entwürfen aufzufordern." Zitat von Salomon Schindler - Vertreter der Auslober dann ist das Vertrauen in zukünftige Wettbewerbsverfahren tief erschüttert.
Wobei sich natürlich auch die Frage stellt ob im Rahmen des anonymen Wettbewerbs nicht auch "renommierte" TeilnehmerInnen beteiligt haben!
Sehr geehrter Herr Präsident Mausbach
Die Presseerklärung Ihres Hauses zum Abbruch des Einheitsdenkmal-Wettbewerbs ist untragbar und Ihres Hauses in jeder Weise unwürdig. Die Vorbereitung des Wettbewerbes durch Ihr Haus war unprofessionell. So wurde - ganz abgesehen von doch sehr zweifelhaften politischen Vorgaben und kontraproduktiven Gestaltungsvorschriften, die bei angesichts des Themas völlig sinnlos begrenzten Raum viel zu wenig Platz für die vertiefende Darstellung der Thematik ließen - in den Unterlagen verschwiegen, dass es schon einen Wettbewerb zum gleichen Thema gegeben hatte ( siehe Welt-Online gestern). Das grenzt bei 45 Seiten Ausschreibungstext an bewusste Täuschung.
Bei einem solchen fatalen Juryurteil sollte die ausschreibende Behörde zuerst die eigene Vorarbeit kritisch überprüfen, mit Sorgfalt weitere Schritte abwägen und nicht blindlings dem Urteil ( 1,8 min Beurteilungszeit pro Entwurf !!) einer sichtlich überforderten Jury folgen. Es war wohlweißlich nicht Ziel der ersten Stufe - und kann in Stufe 1 nicht Ziel eines mehrstufigen Wettbewerbes zu solcher schwerwiegenden Thematik sein, fertige Arbeiten zu finden, sondern 20 Arbeiten zur Weiterbearbeitung auszuwählen. Ihre Begründung für den Abbruch des Verfahrens stellt einen Bruch mit Ihren eigenen Vorgaben dar. Diese blamable Situation haben Sie politisch zu vertreten. Der Schaden ist für Ihr Haus und für den Kulturstandort Bundesrepublik ist enorm. Übernehmen Sie Verantwortung, treten Sie zurück .
jp
und ergänzend hinzufügen - es gibt in Berlin wirklich genug Kranzabwurfstellen.
Ein tatsächliches Denk-mal! wäre denk- und umsetzbar mit einer anders akzentuierten Themenstellung.
Nämlich weniger zur deutschen Einheit, sondern ausdrücklich zum 9. November.
Der ambivalenteste und interessanteste Tag deutscher Geschichte überhaupt - ich hätte mir den ja auch schon als Nationalfeiertag gewünscht - damit fiele es auch richtig schwer, sich am Nationalen zu besaufen.
Aber Berlin hat ja auch ohne dieses peinliche Laienschauspiel seitens Auslober und Jury hinreichend respektlosen und politisch desaströsen Umgang mit Wettbewerben und deren Umsetzung - man denke nur an Peter Zumthor und die Topographie des Terrors.
Man fühlt sich sofort an die Auslobung des Wettbewerbs zum Holocaust Mahnmal in Berlin erinnert. Schon da war offensichtlich, dass nicht „Krethi und Plethi" als Denkmalsmacher in Frage kommen würden. Aber weil der demokratische Schein gewahrt werden musste, wurde ein offener Wettbewerb ausgeschrieben. Aufgabe der Jury war es nicht, unter den mehreren hundert Entwürfen einen verwertbaren zu finden, sondern festzustellen, dass die Wettbewerbsbeiträge samt und sonders nicht dem Anspruch des Gedenkanlasses gerecht würden.
Da auch beim Einheitsdenkmal der demokratische Schein gewahrt werden muss, kommt auch hier die Jury nicht umhin, sich zumindest im Minutentakt die über 500 eingesandten Entwürfe anzusehen. Und was die Jury da in der gebotenen Kürze zu sehen bekommt, scheint selbst die hartgesottensten Berufsjuroren zu erschrecken: Eine großteils erschreckend naive Herangehensweise an das Thema „Deutsche Einheit", mithin Kunstwerke, die tatsächlich nicht dem Anlass des Gedenkens gerecht werden.
Überraschend ist dies allerdings nicht! Wird den jungen Kunststudenten an den Akademien doch beigebracht, dass wenn Sie den Beruf des Künstlers ergreifen und von Ihrer Hände Arbeit leben wollen, sie Ihre Kunstwerke auch verkaufen müssen. Und „verkäuflich", mithin „machenswert" ist nur das, was dem Geschmack der Käufer, im Falle von Denkmälern und Mahnmahlen dem von Ortpolitikern, Kirchenvertretern und sonstigen Verantwortlichen des öffentlich geförderten Kunst- und Kulturmarkts entspricht. Das daraus sich ergebende Desaster enthüllt schon ein flüchtiger Blick in deutsche Städte und Gemeinden: Hochglänzende Ästhetik, Formalismus, Akademi(e)smus und immer wieder viel Humor. Inhalt, Aussage, gar Anregendes oder Bedenkenswertes ist nicht gewünscht. Hätte derartiges doch einen entscheidenden Nachteil: Es macht angreifbar. Wo Diskussionen angestoßen werden, wo gewertet, wo Position bezogen wird, womöglich gar im Sinne des zu Gemahnenden Anlasses, sind verbeamtete Kunstgeister nicht zu finden.
Als Berufs-Künstler ist man zur Inhaltslosigkeit verdammt, so man nicht verhungern will! Wie also sollen die Künstler, die aus purem Überlebenstrieb seit Jahren die Stadt- und Dorflandschaften gefällig dekorieren, inhaltsschwere Ergebnisse liefern?
Jedoch, so steht erfahrungsgemäß zu befürchten, das einhellige Gejammer, das tiefe Entsetzen der berufenen Einheitsjury entzündet sich vermutlich nicht an tatsächlicher Naivität und Einfaltslosigkeit. Vielmehr, so legt das übliche Procedere nahe, dient es der Auftragserfüllung: Einfaltslosigkeit und Naivität werden nur vorgeschürzt, damit jetzt händeringend die „erfahrenen" Künstler um Vorschläge, um Entwürfe (natürlich gegen Honorar) gebeten werden können, deren Namen schon vor der öffentlichen Ausschreibung feststanden. Denn eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Als Künstler für den öffentlichen Raum mußt du von offizieller Seite gewollt sein. Aber immerhin, zumindest der Schein muss noch gewahrt werden.
Die Bundesrepublik will in Berlin ein Denkmal bauen. Nach dem Holocaust-Mahnmal soll es jetzt ein positives sein, eines das alle demokratischen Bewegungen seit 1848 würdigt und doch irgendwie für die Deutsche Einheit von 1989 steht und das Ganze auf dem Sockel vor dem wiederherzustellenden Berliner Stadtschloss auf dem einst der Monarch Wilhelm I. auf seinem Ross stand.
Eine wohl zu komplexe Aufgabe, gestand Florian Mausbach, der Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung, nach dem desaströsen Scheitern des Wettbewerbs ein. Hätte er sich das nicht besser vorher überlegen sollen? Stattdessen wird ein Wettbewerb mit einem Ausschreibungstext von 45 Seiten gestartet, ein offener Wettbewerb, an dem jeder teilnehmen konnte und den der Auslober als demokratisches Verfahren bezeichnet.
532 Künstler und Architekten stehen jetzt nach Abbruch des Wettbewerbs als die Doofen da. Kein „richtiger“ Entwurf sei dabei gewesen, ein Drittel der eingereichten Arbeiten sogar regelrechter „Schrott“, wie sich Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz äußerte. Für die vielen eingereichten Ideen und das Engagement der Teilnehmer hätte er angemessenere Worte finden können.
Statt den Wettbewerb abzubrechen, hätte man wie üblich vorgehen können: Arbeiten, die den Vorgaben nicht entsprechen werden aussortiert, aus den verbleibenden werden die besten 20 Entwürfe für eine 2. Wettbewerbsrunde ausgewählt. In der zweiten Wettbewerbsphase werden sie von den Künstlern weiter bearbeitet. Stattdessen bricht man den Wettbewerb ab. Immerhin wird eine Diskussion über das ob und warum nun stattfinden. Sie vor der ernst gemeinten Wettbewerbsausschreibung zu entfachen, wäre einer Demokratie würdiger gewesen.
Das „schrottige“ Ergebnis des Wettbewerbs erscheint nun als Grund für den Wettbewerbsabbruch. Die 532 Entwürfe für ein Einheitsdenkmal sind ab dem 5. Mai im Berliner Kronprinzenpalais ausgestellt. Man könnte es den Wettbewerbsteilnehmern nicht verdenken, wenn sie ihre Arbeiten für die Ausstellung zurückzuziehen.
Noch kann man über die Gründe für den Wettbewerbsabbruch nur spekulieren. War es der Standort, um den immer noch gestritten wird? Oder wurden Entwürfe ausgewählt, die von „No Names“ stammen? Hat sich also kein Professor oder anerkannter Künstler in dem anonymen Wettbewerb durchsetzen können?
Statt jetzt zu kneifen, hätte das Wettbewerbsverfahren weiter laufen müssen, mit dem Ziel, am Ende einen Siegerentwurf zu küren. Mit Blick auf den jahrelangen Streit um das Holocaust-Mahnmal in Berlin gäbe es ohnehin keine Gewähr dafür, dass dieses Denkmal in Berlins Mitte wirklich realisiert wird.
Der Abbruch des Wettbewerbs ist blamabel für die Bundesrepublik. Demokratie bedeutet nicht, eine Menge von Kreativen aufgrund nebulöser Vorstellungen, die scheinbar durchsetzt sind von einem ungebrochenen Glauben an die deutsche Demokratiefähigkeit seit 1848, in die Irre zu führen und zu blamieren. Da kann man nur empfehlen, den Plan für ein umfassendes Einheits- und Freiheitsdenkmal in Deutschland so schnell wie möglich ad acta zu legen.
Man könnte einfach im gigantomaischen Stile des Holocaust-Denkmals fortfahren und eine 167,8 km lange etwas drei Meter hohe, graue Waschebetonmauer quer durch Berlin bauen an deren Ende dann die Deutschen Bürger mit selbst mitgebrachten Steinen weiterbauen dürfen. Ein lebendes Denkmal!
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