Literarisches Leben
Für den Tod gibt's keine Sprache
Sechs Jahre war sie weg: Nun spricht die Schriftstellerin Judith Hermann über ihr neues Buch "Alice", den Umgang mit dem Sterben und den Autor im Internetzeitalter

© Jürgen Bauer
Die Schriftstellerin Judith Hermann, geboren 1970, lebt in Berlin. Ihre Erzählungsbände "Sommerhaus, später" (1998) und "Nichts als Gespenster" (2003) wurden von der Literaturkritik gefeiert. Ihr neues Buch "Alice" erscheint am 4. Mai
ZEIT ONLINE: Frau Hermann, wie viele Interviews haben Sie gegeben in den vergangenen Tagen?
Judith Hermann: Einige. Aber ich habe schon noch Nerven.
ZEIT ONLINE: Kann man sich diesem Rummel überhaupt entziehen? Oder wird man heute als Autor oder Autorin zwangsläufig zur Medienfigur gemacht?
Hermann: Man wird zwangsläufig zur Medienfigur gemacht und man ist als Autor auch ein wenig selber Schuld daran – ich begebe mich ja in diesen schwierigen Raum zwischen Leser und Buch. Und mache damit etwas, das ich eigentlich eben nicht machen sollte.
ZEIT ONLINE: Was denn?
Hermann: Ich erkläre mich. Und meinen Text. Oder ich antworte auf Fragen, die nach der Verankerung des Textes in meinem Leben suchen. Ich antworte wider besseren Wissens – diese Fragen soll der Leser sich im glücklichsten Fall ja stellen, aber er müsste sie sich eigentlich selbst beantworten. In diesem Raum zwischen dem Leser und dem Buch stehe ich und versperre fast den Weg. Und ich fühle mich unwohl und eigentlich fehl am Platz.
ZEIT ONLINE: Warum ist Ihnen unwohl?
Hermann: Mir ist das nicht unvertraut, dieses Unwohlsein, ich hab das auch selbst, als Leserin. Im letzten Jahr habe ich Faulkner gelesen und mir vor Liebe zu Faulkner zu Weihnachten eine Biografie gewünscht, und diese Biografie steht seitdem ungelesen im Bücherregal. Es war genug, sein Foto auf dem Umschlag gesehen zu haben – in vielerlei Hinsicht genug, mehr als genug. Dieses Foto legt sich wie eine Folie über jede gelesene Seite. Vielleicht ist das also eine selbst auferlegte Kasteiung – nur bei den Büchern bleiben zu wollen. Aber so will ich eigentlich lesen, und so würde ich auch gerne gelesen werden.
ZEIT ONLINE: Ist heutzutage der Autor nicht auch in einer gewissen Not, sich in den Mittelpunkt zu stellen?
Hermann: Ja, vielleicht. Es gibt eine gewisse Verpflichtung, gegenüber dem Verlag, dem Leser, mir selber, auf diesen Plätzen und Podien des Feuilletons aufzutauchen. Umso mehr, weil ich das Auftauchen im Fernsehen vermeide.
ZEIT ONLINE: Warum?
Hermann: Weil ich das schrecklich finde. Weil ich nichts damit zu tun haben will.
ZEIT ONLINE: Ihre ersten beiden Bücher sind schon eine Weile her.
- Datum 4.5.2009 - 11:14 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Der Einzug der Leere in die durch Abfall angefüllten Hirne der Toten
Davon Erzählen
Die Toten erzählen davon
Nur sie
Ein Schreiber erzählt eine Geschichte
Schreiber erzählen nicht davon
Davon erzählen es können nur hirnentleerte Tote täglich und wöchentlich erscheinender Scheinverzeitigungen verletzendster Art
Sie erzählen keine Geschichten
Sie erzählen davon
Sie erzählen davon wie Frauen alles überleben nur nicht sich selber
Besorge es mir durch deine Umarmungen zartbitterster Scheinheiligkeit so dass ich in dem ekelerregenden Schleim deines Auslaufens ertrinke
Es gibt kein Entrinnen
Erzähle mir Frau von dem abgrundtiefen Wahn deines Auslaufens
Ertränke mich in die nackten Schauder deiner Ausläufigkeit so ich über den Riss sehend werde der uns ewig trennen wird
Unaufhebbarer Riss unaustrinkbarer Wahn deines alle Gebietschaften unerlebbaren Lebens erreichenden Gähnens ausgesetztester Totheit
Sitze über mir thronend und laufe aus über mir
Kein schönerer Tod kein peinersehnenderer als dein Auslaufen ertragen zu müssen
Welchem Wahn reichtest du giererfüllt deine Hand welcher Wahn leitet deine scheintote Hand Auslaufende von Wahn und Ekel
Zu mir herrüber um davon erzählen zu müssen
Ging es jemals um Frauen
Ging es jemals um Gefühle
Auslaufen deiner Leere in die Hirne der durch Abfall und Bild Erstarrten
Folgenden Absatz befürworte ich sehr und jeder gute Autor sollte das einhalten:
Hermann: Ich erkläre mich. Und meinen Text. Oder ich antworte auf Fragen, die nach der Verankerung des Textes in meinem Leben suchen. Ich antworte wider besseren Wissens – diese Fragen soll der Leser sich im glücklichsten Fall ja stellen, aber er müsste sie sich eigentlich selbst beantworten. In diesem Raum zwischen dem Leser und dem Buch stehe ich und versperre fast den Weg. Und ich fühle mich unwohl und eigentlich fehl am Platz.
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