Literarisches Leben Für den Tod gibt's keine SpracheSeite 3/3
ZEIT ONLINE: Ist der Tod noch ein Tabu-Thema?
Hermann: Ich weiß nicht, ob man das ein Tabu nennen kann. Es ist kein Tabu, aber auch kein Thema, für das wir einen Umgang, eine Sprache haben, oder? Es ist ein Thema voll eigenartiger Antipathie, es gibt eine große Unlust, sich damit zu beschäftigen, die Annahme, man könne sich dem Tod durch Ignoranz verweigern.
ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?
Hermann: Mich erstaunen manche Reaktionen auf das Buch – ein leicht angenervter, irritierter Ton, so etwas wie eine gereizte Überforderung. Mich erstaunt eine Frage wie diese – ob es denn nicht auch ausgereicht hätte, drei Geschichten übers Sterben zu schreiben und zwei über etwas anderes.
ZEIT ONLINE: Wer fragt denn sowas?
Hermann: Leute, die so alt sind wie ich. Sie erklären, es läge daran, dass der Tod in ihrem Umfeld noch nicht aufgetaucht sei. Der Tod steht sozusagen noch vor der Tür, man kann sich das aussuchen – bitten wir ihn rein oder lassen wir ihn draußen stehen. Und das hat auch etwas von einer Selbstbeschwörung – wenn bis jetzt nichts passiert ist, passiert auch morgen nichts.
ZEIT ONLINE: Wir haben uns gefragt, warum in ihrem Buch keine Frauen sterben.
Hermann: Das habe ich mich am Ende auch gefragt. Und mir gedacht, dass man mich das fragen wird. Und es gibt keine Antwort. Manchmal bin ich einseitig. Einseitig sein kann eine Schwäche und eine Stärke sein. Aus Gleichgewichtsgründen hätte ich keine Frauenfiguren hinzufügen wollen.
Lesen Sie im zweiten Teil, warum Judith Hermann das Internet lästig findet, was ihre Lieblingsgeschichte ist und warum sie schreibt
Das Gespräch führten David Hugendick und Wiebke Porombka
- Datum 04.05.2009 - 12:14 Uhr
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Der Einzug der Leere in die durch Abfall angefüllten Hirne der Toten
Davon Erzählen
Die Toten erzählen davon
Nur sie
Ein Schreiber erzählt eine Geschichte
Schreiber erzählen nicht davon
Davon erzählen es können nur hirnentleerte Tote täglich und wöchentlich erscheinender Scheinverzeitigungen verletzendster Art
Sie erzählen keine Geschichten
Sie erzählen davon
Sie erzählen davon wie Frauen alles überleben nur nicht sich selber
Besorge es mir durch deine Umarmungen zartbitterster Scheinheiligkeit so dass ich in dem ekelerregenden Schleim deines Auslaufens ertrinke
Es gibt kein Entrinnen
Erzähle mir Frau von dem abgrundtiefen Wahn deines Auslaufens
Ertränke mich in die nackten Schauder deiner Ausläufigkeit so ich über den Riss sehend werde der uns ewig trennen wird
Unaufhebbarer Riss unaustrinkbarer Wahn deines alle Gebietschaften unerlebbaren Lebens erreichenden Gähnens ausgesetztester Totheit
Sitze über mir thronend und laufe aus über mir
Kein schönerer Tod kein peinersehnenderer als dein Auslaufen ertragen zu müssen
Welchem Wahn reichtest du giererfüllt deine Hand welcher Wahn leitet deine scheintote Hand Auslaufende von Wahn und Ekel
Zu mir herrüber um davon erzählen zu müssen
Ging es jemals um Frauen
Ging es jemals um Gefühle
Auslaufen deiner Leere in die Hirne der durch Abfall und Bild Erstarrten
Folgenden Absatz befürworte ich sehr und jeder gute Autor sollte das einhalten:
Hermann: Ich erkläre mich. Und meinen Text. Oder ich antworte auf Fragen, die nach der Verankerung des Textes in meinem Leben suchen. Ich antworte wider besseren Wissens – diese Fragen soll der Leser sich im glücklichsten Fall ja stellen, aber er müsste sie sich eigentlich selbst beantworten. In diesem Raum zwischen dem Leser und dem Buch stehe ich und versperre fast den Weg. Und ich fühle mich unwohl und eigentlich fehl am Platz.
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