ZEIT ONLINE: Herr Schume, Sie haben "50 einfache Dinge, die Sie über Österreich und die Österreicher wissen sollten" geschrieben. Warum sollte man sich mit dem kleinen Land überhaupt beschäftigen?

Harald Schume: Weil es ein kleines, aber feines Land ist. Deutschland ist zehn Mal größer als Österreich. Das kleine Land weiß vieles über das große, aber für die Deutschen ist Österreich so etwas wie ein weißer Fleck auf der Landkarte. Mit Österreich sollte man sich beschäftigen, weil dort liebenswerte Menschen wohnen. Es ist nur schwierig, das zu entdecken. Das Buch soll eine Entdeckungsreise in die Liebeswürdigkeit der österreichischen Seele sein.

ZEIT ONLINE: Was genau ist denn an den Österreichern so liebenswert?

Schume: Den typischen Österreicher gibt es ja nicht, das Buch geht aber vom Wiener aus. Ein Deutscher trifft also auf einen älteren Wiener, der dasitzt und grantelt. Für den gibt es kein Grau, nur Schwarz und Weiß. Zum Beispiel beim Wetter: Wenn es schön ist, ist es ihm zu heiß und wenn es regnet, ist es sowieso schlecht. Aber irgendwann wird man ihn mögen, weil dann nämlich sein sprichwörtliches goldenes Wiener Herz zum Vorschein kommt.

ZEIT ONLINE: Haben Sie einen Tipp zum Umgang mit Österreichern?

Schume: Einfach reden lassen, nicht unterbrechen oder mit Fragen belästigen. Irgendwann wird es ihm dann fad und er wird vielleicht sogar auf seinen Gesprächspartner eingehen.

ZEIT ONLINE: Eins von vielen Klischees besagt, dass Österreicher hinterwäldlerisch sind.

Schume: Ja genau. Die sitzen den ganzen Tag auf der Wiese und melken die Kühe. Und wenn sie nicht melken, misten sie Ställe aus. Das ist das Klischee vom Alpenvolk. Dabei darf man aber nicht vergessen: Wien ist eine der schönsten und lebenswertesten Städte der Welt. Und da hat keiner eine Kuh.

ZEIT ONLINE: Typisch österreichisch ist auch die Fixierung auf Titel und Auszeichnungen. Woher kommt das?

Schume: Die Habsburger Monarchie hat Österreich zum größten Reich Europas gemacht. 1919 wurden die Adelstitel abgeschafft und die Armee verlor an Bedeutung. Die Liebe zu Titeln ist vielleicht ein Zeichen vom Hang zu Rang und Melancholie der Österreicher. Da haben wir zum Beispiel den Professor. Den gibt es, glaube ich, in Deutschland nicht so wie in Österreich. Den bekommt man bei uns nicht nur über einen akademischen Abschluss, sondern um den Titel kann auch ersucht werden, wenn einer sich um die Republik verdient gemacht hat. Dann ernennt ihn der Bundespräsident oder einer seiner Vertreter zum Professor. Das passiert ungefähr 60 Mal im Jahr. Einem Kollegen von mir, einem Fotografen, ist das passiert. Der ist jetzt Professor für hervorragende Leistungen auf dem Zelluloidsektor oder so. Und wenn seine Frau jetzt Wurst kaufen geht, spricht der Fleischhauer sie mit "Frau Professor" an. Dabei kann die wahrscheinlich gar nicht fotografieren. Das ist vielleicht auch ein Trick sich einzuschleimen. Das ist richtiger Schmäh – da weiß man nie, ob das jetzt ernst gemeint ist oder boshaft und hinterfotzig.

ZEIT ONLINE: Bei der Lektüre Ihres Buches kommt der Verdacht auf, Österreicher seien irgendwie von gestern, größenwahnsinnig und zumindest latent rassistisch. Stimmt das?

Schume: Größenwahnsinnig sind wir nicht, dafür sind wir zu klein. Das ist wohl eher ein Minderwertigkeitskomplex. Aber Rassismus ist schon ein Thema, weil hier viele Einwanderer leben. Da herrscht die landläufige Meinung, die würden uns die Arbeitsplätze wegnehmen. Dabei wollen wir diese Arbeiten selbst gar nicht machen, zum Beispiel Straßenkehren. Ich glaube, man muss dem ein bisschen Zeit geben. Aber irgendwann haben wir uns dran gewöhnt und dann sind wir alle integriert und gute Freunde. Das dauert halt.

ZEIT ONLINE: In Wien bilden die Deutschen nach den Türken die zweitgrößte Ausländergruppe. Sind die Deutschen willkommen?

Schume: Na klar. Zum einen ist das doch ein Kompliment, dass die hier leben wollen. Oder die Arbeitsmarktsituation in Deutschland ist so schlecht, dass die flüchten, egal wohin. Zum anderen werden die Deutschen in Wien kaum wahrgenommen. Außer beim Brillenkaufhaus Fielmann. Da fällt mir auf, dass ich immer, wenn ich Kontaktlinsenpflegemittel kaufe, von einem deutschen Menschen bedient werde. Sonst fallen Deutsche nur dort auf, wo wir im Urlaub sind. Die benehmen sich so anders, als wir es von Österreichern gewohnt sind.

ZEIT ONLINE: Was machen die denn?

Schume: Wenn sie zum Beispiel auf Festen auf dem Land sind, wollen sie anscheinend die besseren Einheimischen sein. Fehlt nur noch, dass da das Preisschild noch am Trachtenhemd baumelt. Und im Restaurant lassen sie das Essen zurückgehen, wenn es ihnen nicht passt. Der Klischee-Österreicher würde es stehen lassen und nie mehr wiederkommen, aber er würde das nicht offen austragen.

ZEIT ONLINE: In ihrem Buch schreiben Sie einen Brief an den verstorbenen Politiker Jörg Haider. Weltweit gesehen ist wahrscheinlich Josef Fritzl ein noch bekannterer Österreicher. Werden Sie oft von Nicht-Österreichern auf Haider oder Fritzl angesprochen?

Schume: Mittlerweile nicht mehr so häufig. Doch zwei Missbrauchsfälle in österreichischen Kellern sind ja schon eine Reihe. Erst Natascha Kampusch, dann die Kellerkinder von Amstetten. Aber ich würde nicht sagen, dass Österreich jetzt darauf reduziert wird. Da kann man genauso gut auf Belgien zeigen. Oder die Bild lesen. Solche grausamen Dinge passieren überall. Einen Kannibalen zum Beispiel haben wir noch nicht gehabt.

ZEIT ONLINE: Darf man eigentlich "Ösi" zu einem Österreicher sagen?

Schume: Wenn´s ganz schnell gehen muss, schon. "Österreicher" ist ja ein langes Wort. Ich benutze das Wort aber nicht. Ich sage ja schließlich auch "Deutscher" und nicht "Piefke".

Die Fragen stellte Beatrice Blank

Harald Schume: 50 einfache Dinge, die Sie über Österreich und die Österreicher wissen sollten. Westend Verlag, 227 Seiten, 14,95 Euro, ISBN 978-3-938060-28-5