Kraftwerk im Konzert Die Menschlich-Maschine
Die Gruppe Kraftwerk tritt in der Autostadt Wolfsburg auf und versucht, einen Verlust zu überwinden
Es geht los mit der Mensch-Maschine und irgendwann stehen natürlich auch Die Roboter wieder auf der Bühne. Alles wirkt wie gewohnt und geliebt bei Kraftwerks Mitternachtskonzert im alten Heizkraftwerk der Wolfsburger VW-Fabrik. Und doch ist nichts, wie es war. Florian Schneider macht nicht mehr mit, Gründungsmitglied der Düsseldorfer Band und seit 1970 mit Ralf Hütter in einem kreativen Duo, das als unzertrennlich galt. Ralf und Florian hatten die beiden ihr drittes Album 1973 so schlicht wie prägend genannt.
Nun steht der Mann, dem David Bowie 1977 von seinem Berliner Album Heroes das Lied V2 Schneider zu Füßen legte, nicht auf der Bühne. Der in sich zurückgezogene Schneider wollte nicht mehr auf Tournee gehen, der extrovertiertere Hütter sehr wohl, hieß es zur Begründung. Jetzt tourt Hütter ausgiebig mit drei neueren Kraftwerkern – live sind zwei davon für den Sound zuständig, einer kümmert sich um das Visuelle. Dies ist der erste Auftritt in Deutschland nach Schneiders Ausstieg.
Wer bei Kraftwerk alles wörtlich nimmt und der von der Band propagierten Ästhetik folgt, könnte nun sagen: Es ist unwichtig, wer bei ihren Konzerten an den vier Pulten auf der Bühne steht. Diese Aufgabe könnten genauso gut Roboter übernehmen, wie sie es ja im gleichnamigen Stück auch tun. Denn viel machen Kraftwerk nicht da vorn. Mit herkömmlichen Popkonzerten haben ihre Auftritte nichts zu tun.
Doch wenn dann Ralf Hütter live singt, "Wir fahr’n fahr’n fahr’n auf der Autobahn", oder die Akkorde des Trans Europa Express ganz menschlich auf seiner Tastatur greift oder die so simple wie melancholische Melodie beim Model unter seinen Fingern zerrinnt, dann ist sie eben doch da, die persönliche Aura. Jeder will sich gerade im Zeitalter der multimedialen Reproduzierbarkeit sein ureigenes Bild von diesem Moment machen. Die Displays der Handykameras wippen im maschinellen Beat. Alle wollen ihr Original, hier und jetzt. Das mag eine Illusion sein, aber die Sehnsucht danach ist real. Kraftwerk bedienen genau diese Sehnsucht. Die Zurückgezogenheit der Bandmitglieder, ihre Blockade gegen jede Preisgabe von Persönlichem, ihr Versteckspiel hinter der Maschinenästhetik lassen diese Sehnsucht nach dem erlösenden Moment noch anschwellen.
Jeweils 1200 Fans wollten am Wochenende bei Kraftwerks drei Auftritten im Rahmen des "Movimentos"-Kulturfestivals in der Autostadt Wolfsburg dabei sein. In wenigen Tagen waren alle Tickets vergriffen – trotz mühevoller persönlicher Registrierung fast wie bei der Fußball-WM 2006. Ein Schwarzmarkt wurde dadurch verhindert. Aus zehn Ländern reisten die Fans in die norddeutsche Provinz, um ihre Helden zu sehen.
- Datum 27.04.2009 - 12:12 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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