Münchner Partyleben Champagner und Liebäääh

Amanda Lear, Freddie Mercury, Bee Gees: Das Buch "Mjunik Disco" beschreibt Jahrzehnte des wilden Feierns in München und hält fest, wie das Partyvolk losließ

Das müssen rauschende Nächte gewesen sein: Wallenden Brusthaars stolziert Freddie Mercury über die Tanzfläche. Untenrum nur einen Slip, obenrum ein Dompteurskostüm, und ganz oben? Der obszöne Schnurrbart. Abseits der Bar steht Amanda Lear, wie immer knapp bekleidet. In der einen Hand hält sie einen Champagnercocktail, in der anderen die Peitsche. Jünglinge werfen ihr lüsterne Blicke zu, doch sie schwadroniert mit einer Freundin über Liebäääh.

Um die Tanzfläche herum tummeln sich Haie und Riesenschildkröten in einem Tank, der 650.000 Liter Wasser fasst. Der Boden ist gespiegelt, die Beleuchtung funkelt und die Schickeria tanzt. Was läuft? I Feel Love von Giorgo Moroder und Donna Summer. Wo sind wir? "Monaco, italienisch für München, Depp. Wir schreiben das Jahr 1977, Sauhund", sagt der Türsteher – "Moment, sind Sie nicht Thomas Gottsch...?" will der Sauhund, offenbar Tourist, antworten – doch da wird er robust hinausbefördert. Vorbei ist’s mit Haifischbecken, draußen zwitschern die Vögel, und da ist ja noch das Fischerstüberl an der Lindwurmstraße. Das hat immer geöffnet und lässt jeden rein.

Anzeige

Solche Geschichten kommen einem in den Sinn, liest man Mjunik Disco, eine Anthologie Münchner Nachtlebens. Wortreich schildern Zeitzeugen, DJs, Clubbetreiber, Musiker und Journalisten ihre Erlebnisse. Die Phantasie des Betrachters kommt richtig in Schwung, wenn er beim Blättern all die Bilder und Flyer sieht.

Der Münchner DJ Mirko Hecktor hat Mjunik Disco herausgegeben und dokumentiert darin Jahrzehnte des Feierns. Es geht nicht ums Schuhplatteln – denn wenn die Disco ruft, ist München nicht mehr Bayern, sondern Metropole von Weltruf.

"Eine Glanzzeit Münchens war die zweite Hälfte der sechziger und die erste Hälfte der siebziger Jahre, als in Giorgio Moroders Musicland-Studios Bands wie die Rolling Stones bis zu Queen aufgenommen haben", wird Claudius Seidl im Vorwort zitiert. Er beschreibt die Glanzpunkte seiner Karriere als Türsteher: "Nach dem Motto 'Nur für Stammgäste' wurden sogar weltberühmte Popstars abgewiesen", sagt Seidl.

Man kann vermuten, der Exzess habe mit dem Kalten Krieg zu tun gehabt. Statt an Atombomben zu denken, ließ man lieber die Korken knallen. Clubs wie das Schwabylon und die Yellow Submarine luden zum Champagnerbad, im Why Not trafen "Reiche auf Freaks", vom Publikum des verruchten Pimpernel in der Müllerstraße schwärmt der heutige Betreiber Sven Künast: "Typen, die pro Abend drei bis vierstellige Summen im Lokal ließen. Manche von ihnen kamen vom Film, wie Fassbinder mit seiner Entourage. Andere machten ihr Geld mit Peepshows, zahlten mit Geldrollen und warfen auch mal aus Übermut eine Flasche Dom Perignon durch den Laden."

Über die Eröffnungsfeier des Blow Up war in der Münchner Abendzeitung zu lesen: "Wer dabei war, sich treten, schieben, stoßen ließ, mit abgerissenen Knöpfen am Sakko, Tartarbrot auf der Hose und auch sonst leicht verwirrt durch Schockmusik, Go-go-Girls und 'psychedelic'-Bildwerfer die Stätte des Infernos verließ, war selbst schuld. Er hätte bloß nicht hingehen müssen."

Wer war da? Wer kommt noch? Wer kommt immer samstags? In München waren diese Fragen immer etwas wichtiger als anderswo. Liest man in Mjunik Disco, so hat man den Eindruck, der Münchner verhalte sich zu seiner Stadt wie ein New Yorker zu New York. Schier endlos sind die Aufreihungen und Anekdoten zu Namen, die man entweder kennt, oder man hat Pech. Denn erklärt wird nicht viel.

In den Achtzigern zog sich die Schickeria zunehmend in eigene Clubs wie das Maximilians oder das P1 zurück. Die Zeit des gemeinsamen Feierns war vorbei. Die Subkultur zog in eigene Orte abseits der TÜV-Siegel. Wie die Egon Bar, ein ehemaliger Rotlichtkeller, der sich "irgendwann selbst kompostiert hat, durch Überbeanspruchung", sagt ihr ehemaliger Betreiber Christian Blau.

Fernab vom Saus und Braus der Prominenz spielte die Subkultur Katz und Maus: DJ Mooner berichtet von einer Silvesterparty in einem leer stehenden Bordell: "Das Problem war, dass das Gebäude verschlossen war. Wir sind dort eingebrochen. Ein Nachbar rief die Polizei. Der hatte gesehen, wie wir Sachen in das Gebäude trugen. Also nicht hinaus, wie normale Einbrecher, sondern hinein. Die kamen mit Einsatzkommando und gezogener Pistole an und haben uns erst einmal alle verhaftet. Nur mich nicht. Ich ging genau zwei Minuten vorher weg, um etwas zu holen." Kein Grund, das Fest abzusagen: Weil "die Polizei niemals auf die Idee käme, dass die Party doch stattfindet", habe man dort natürlich Silvester gefeiert. Ungestört.

Der Bildband 'Mjunik Disco' von Mirko Hecktor (Hg.) ist im Blumenbar Verlag erschienen, hat 196 Seiten und kostet 32,00 Euro

Plattenrezensionen, Künstlerporträts und Netzradio rund um die Uhr gibt's auf zeit.de/musik »

Sie wollen auf dem Laufenden bleiben? Klicken Sie hier, und unser RSS-Newsletter bringt Ihnen die Musik direkt auf den Schirm.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service