100 Tage Präsident Obama, der ausgebremste Macher

Die Unbeschwertheit der ersten Tage ist verschwunden, die Realpolitik führt Regie. In seinen ersten 100 Tagen musste Obama vor allem lernen, mit Widerstand umzugehen

Man könnte in der Flut der Bilder ertrinken, so viel hat sich in diesen drei Monaten und zehn Tagen ereignet. Wenn die Zeitungen, Magazine und Fernsehsender jetzt die Bilanz der ersten 100 Tage ziehen, dann reichen die Druckseiten und Sendeminuten nicht aus, um die Fülle des Erlebten abzubilden: Barack Obama im Weißen Haus und im Kongress, auf Reisen quer durch die USA und rund um die Welt, mit ernster Miene bei einer Rede zur Wirtschaftskrise, mit breitem Lachen bei der Begrüßung von Gästen vor einem feierlichen Dinner und zu Besuch bei Soldaten im Irak.

In der Summe vermitteln die Fotos und Filme eine rastlose Kette von Aktion. Obamas Präsidentschaft als ein Job, der den Amtsinhaber nicht zur Ruhe kommen lässt und ihn gnadenlos vorantreibt.

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Einige wenige Bilder stechen aus dieser Masse hervor. Sie zeigen einen anderen Obama, ohne Aktionismus und Trubel. Auf einem sitzt er in einem Sessel mit Armlehnen an einem Konferenztisch. Er hat den Sessel im 25-Grad-Winkel nach hinten gekippt, sodass dessen vordere Füße vom Boden abheben. Sein Kopf ruht auf der Rückenlehne, die Augen hält er zur Decke gerichtet, aber geschlossen, die Hände liegen seitlich an den Oberschenkeln. Oft meditiere er so, ehe er eine Entscheidung fälle, bestätigen Menschen aus seinem Umfeld.

Auf einem anderen Foto trägt Obama einen Stuhl, der für einen Besucher nahe an seinen Schreibtisch gerückt worden war, nach Ende des Gesprächs an seinen richtigen Platz an der Wand des Oval Office zurück. Auf einem dritten Bild wirft er einen Basketball auf den Korb im Garten des Weißen Hauses. Auf einem vierten läuft er seiner Frau Michelle und Tochter Malia auf einem Gang im Weißen Haus in die Arme. Da wirkt sein Lächeln weich und entspannt.

Diese Fotos haben weniger Nachrichtenwert als die Ankündigungen zur Rettung von Banken und Autokonzernen, als der Handschlag mit Venezuelas amerikafeindlichem Präsidenten Hugo Chávez, die Begegnung mit Elizabeth II., wo Michelle ihren Arm um die Queen legte, oder als der Besuch der Blauen Moschee in Istanbul. Aber vielleicht sind sie wahrhaftigere Zeugnisse, was in diesen 100 Tagen vor sich gegangen ist, als jene anderen Bilder, die inhaltliche Politikwechsel und symbolische Gesten protokollieren. Diese Fotos knüpfen eine Verbindung von der vorpräsidialen Zeit über die Amtseinführung und die ersten Wochen im Weißen Haus bis zu diesem 100. Tag. Und vermutlich weit darüber hinaus.

Denn sie dokumentieren, dass diese Präsidentschaft die aufregende Eingewöhnungsphase hinter sich gelassen und eine Art von Alltäglichkeit erreicht hat. Ob Reden, Reisen oder Leben im Weißen Haus: Im Januar und Februar war alles neu, was Obama als Präsident tat. Inzwischen wiederholen sich seine Handlungen, vieles ist bereits Routine geworden. Und: Diese Fotos zeigen die Fundamente seines Regierungsstils. Folgenreiche Entscheidungen trifft er nicht aus dem Bauch heraus, sondern nach reiflicher Überlegung. Die äußere Ordnung gibt ihm Halt. Kraft schöpft er aus dem Sport. Seine Familie ist der Fels, auf dem seine ganze Existenz ruht.

Schon in Wahlkampfpausen konnte er sich für einen Moment völlig der Umgebung entziehen und ganz auf sein Inneres konzentrieren. Wie entrückt wirkte er dann. Auch in den Minuten vor der Inauguration tat er das, als bereits Hunderte Senatoren, Abgeordnete und Botschafter neben ihm auf dem Westbalkon des Capitols saßen und über zwei Millionen Bürger auf der National Mall der Amtseinführung entgegenfieberten. Nicht ihm unterlief dann der kleine Patzer bei der Vereidigung, sondern dem Obersten Richter John Roberts. Der Anblick Obamas im verschwitzten T-Shirt nach einem Basketballspiel scheint alle politischen und ökonomischen Konjunkturen zu überdauern. Das gilt erst recht für den liebevollen Umgang der Familie in der Öffentlichkeit.

Leser-Kommentare
    • helgam
    • 29.04.2009 um 10:12 Uhr

    Wieviele Sätze über einen Präsidenten, dessen Land viele Millionen Menschen anderer Staaten im Interesse ihere eigenen Großmachtpolitik völkerrechtswidrig tötet oder vertreiben läßt....
    Die USA werden an ihrer Außenpolitik gemessen, auch wenn die deutsche Politik das nicht wahrhaben will.
    Gott sei Dank gibt es noch Weltbürger wie der polnische Pianist
    http://alles-schallundrau...

    • Lyaran
    • 29.04.2009 um 10:55 Uhr

    Mag sein, aber interessanter als wenige Sätze über die politische Meinung eines polnischen Pianisten.

  1. Ein US-Präsident hat leider nie den Luxus, sich Prioritäten auszusuchen, wie Herr Joffe das vorschlägt. Er kann nicht zwischen Wirtschaftskrise und Afghanistan, zwischen Schweinegrippe und Iran, zwischen Arbeitsbeschaffung und Bankenkontrolle wählen. Er muss alles zugleich anpacken. Die Amerikaner können wohl von Glück sprechen, dass sie jetzt nicht den alternden McCain mit seiner Sarah im Weißen Haus haben, sondern einen jungen, enorm tatkräftigen Mann.

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    Sie bringens auf den Punkt! Die Menschen sind jedoch immer unzufrieden und suchen nach neuen Unzulänglichkeiten, obwohl Sie wesentlich mehr bekommen haben, als sie sich noch vor eineinhalb Jahren erträumt hätten.
    Obama wird's schon richten. Und nach vier oder acht Jahren, wenn die Republikaner das Ruder wieder in der Hand haben, können sie die USA und die Welt wieder neu nach Belieben ausplündern, im Namen des American Spirit, mit der Öl- und Waffenindustrie im Rücken, die die Fäden wieder ziehen wird. Wetten?

    Sie bringens auf den Punkt! Die Menschen sind jedoch immer unzufrieden und suchen nach neuen Unzulänglichkeiten, obwohl Sie wesentlich mehr bekommen haben, als sie sich noch vor eineinhalb Jahren erträumt hätten.
    Obama wird's schon richten. Und nach vier oder acht Jahren, wenn die Republikaner das Ruder wieder in der Hand haben, können sie die USA und die Welt wieder neu nach Belieben ausplündern, im Namen des American Spirit, mit der Öl- und Waffenindustrie im Rücken, die die Fäden wieder ziehen wird. Wetten?

  2. Sie bringens auf den Punkt! Die Menschen sind jedoch immer unzufrieden und suchen nach neuen Unzulänglichkeiten, obwohl Sie wesentlich mehr bekommen haben, als sie sich noch vor eineinhalb Jahren erträumt hätten.
    Obama wird's schon richten. Und nach vier oder acht Jahren, wenn die Republikaner das Ruder wieder in der Hand haben, können sie die USA und die Welt wieder neu nach Belieben ausplündern, im Namen des American Spirit, mit der Öl- und Waffenindustrie im Rücken, die die Fäden wieder ziehen wird. Wetten?

  3. ...auf Joffes Nörgelei ein deutlich qualifizierterer Artikel erscheinen kann.

    Acht Jahre Bush und die Folgen können in 100 Tagen nicht die vorher gemachten schlimmen Fehlentwicklungen korrigieren.

    Dass er ein Kriegspräsident sein würde, war jedem, der denken kann, vor Obamas Wahl bekannt.

    Dass er ein Wirtschafts-und Finanzdesaster, wie es noch nie da war, erben würde, wusste er wohl, wie auch seine Berater, nicht.

    Eine recht gut strukturierte Analyse über seine ersten 100 Tage findet man übrigens in SPIEGEL-online.
    http://www.spiegel.de/pol...

    Auch wenn man Gabor Steingarts Berichten durchaus kritisch gegenübersteht,
    kann man dieser Analyse weitgehend zustimmen.

    Ein Ergebnis kann man festhalten. Obama ist dabei, den USA im Ansehen der Welt einen besseren Platz zu verschaffen.

    Und...

    ...es ist glaubhaft.

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    ..."Acht Jahre Bush und die Folgen können in 100 Tagen nicht die vorher gemachten schlimmen Fehlentwicklungen korrigieren..."

    ...sollte heissen:

    Acht Jahre Bush, deren Fehlentwicklungen und die Folgen kann auch in nur 100 Tagen ein Obama nicht korrigieren...

    @ Redaktion
    Könnte man eine Korrekturfunktion, evtl. begrenzt auf 30 Minuten, einrichten?

    ..."Acht Jahre Bush und die Folgen können in 100 Tagen nicht die vorher gemachten schlimmen Fehlentwicklungen korrigieren..."

    ...sollte heissen:

    Acht Jahre Bush, deren Fehlentwicklungen und die Folgen kann auch in nur 100 Tagen ein Obama nicht korrigieren...

    @ Redaktion
    Könnte man eine Korrekturfunktion, evtl. begrenzt auf 30 Minuten, einrichten?

  4. ..."Acht Jahre Bush und die Folgen können in 100 Tagen nicht die vorher gemachten schlimmen Fehlentwicklungen korrigieren..."

    ...sollte heissen:

    Acht Jahre Bush, deren Fehlentwicklungen und die Folgen kann auch in nur 100 Tagen ein Obama nicht korrigieren...

    @ Redaktion
    Könnte man eine Korrekturfunktion, evtl. begrenzt auf 30 Minuten, einrichten?

    • yokito
    • 30.04.2009 um 6:56 Uhr

    Der Artikel selbst ist eher lesenswert.

    Regieren ist das langsame bohren dicker Bretter. Das gilt auch fuer die USA. Niemand weiss das besser als Obama. Der drohende Zusammenbruch des US Finanzsystems aber erzwang eine beschleunigte Regierungsuebernahme und detaillierte Plannung, die dank lobenswerter Kooperation der Bush Administration reibungslos wie selten verlief.

    They hit the ground running, as they say.

    Dank penibler Vorbereitung hat heute Obamas erster, revolutionaerer Haushalt schliesslich den Kongress passiert. Von den Republicanern keine Spur. Selbst der vor ein paar Tagen zu den Demokraten uebergelaufene Senator Specter konnte es sich erlauben dagegenzustimmen.

    Die moderate konservative Intelligentsia kann sich das Staunen nicht verkneifen, die neuerstarkte Industrie der nicht so moderaten, rechts extremen Stimmungsprofiteure, well, profitiert. Die Republikaner, zersplittert wie selten zuvor, haben sich einen schwarzen Gruessonkel als Parteichef engagiert, werfen sich wahlweise einem notorischen Hass-Radio Prediger oder einer vollbusigen Now-Nothing mit Wohnsitz Alaska zufuessen.

    Oppostion? Ausbremsen? Fehlanzeige. Die einzige ernstzunehmende Herausforderung kommt von der moderaten konservativen Intelligentsia, die mit recht fragt: Was ist wenn er falsch liegt? Sie sagen, er ist entweder einer der groessten Praesidenten oder die groesste Lusche ueberhaupt.

    Ich kann ausserdem sagen, als einer der acht Jahre Bush erleiden musste: the new car smell ist noch sehr frisch.

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