Urheberrecht Der Künstler als Vorwand
Die Debatte um digitale Urheberrechte wird immer ideologischer. Doch geht es vor allem um Umverteilung. Nicht leicht, dabei auf der richtigen Seite zu stehen
Die Open-Access-Initiative macht Forschungsergebnisse weltweit zugänglich – Forscher halten das für einen Angriff auf ihre grundrechtlich verbriefte Freiheit und wehren sich mit viel Trara im Heidelberger Appell. Mixkassetten für Freunde aufzunehmen ist Hobby und nette Geste – das Musiktauschen im Internet indes kriminell und schubst eine ganze Branche in den Abgrund. Google scannt den Weltbuchbestand und macht so Vergriffenes wieder verfügbar – oder enteignet unser kulturelles Erbe und reduziert es auf ein Werbeumfeld für Kleinanzeigen.
Der Blickwinkel ist entscheidend.
Die Materie ist so kompliziert, dass Mancher ins Trudeln gerät. Und Dinge in einen Topf schmeißt, die außer dem Wort "Internet" nichts miteinander zu tun haben (das populistische Sperren von Kinderpornoseiten und den Musikpiraten-Prozess zum Beispiel).
Entweder man liebt das Internet oder man hasst es.
Dabei wäre es Aufgabe der Medien, statt selbst Partei zu sein, die Argumente mit Fakten zu unterfüttern, dahinter liegende Interessen transparent zu machen und sich auch Meinungen zu öffnen, die eigenen Interessen widersprechen.
Aber auch die Netzgemeinde ist sich verdächtig einig. Niemand will ernsthaft in eine Welt zurück, in der Informationen nur denjenigen zugänglich sind, die dafür bezahlen. Kaum vorstellbar der Spott, wenn Tageszeitungen aufhören würden, ihre Inhalte kostenlos ins Netz zu stellen. Unfair jedoch ist der Vorwurf, die Printmedien hätten Entwicklungen verschlafen. Er traf schon bei der Musikindustrie nicht so genau ins Schwarze. Denn tatsächlich hat bislang noch keiner eine Lösung präsentiert, wie auch in Zukunft aufwendig recherchiert und die Welt mit teuren Korrespondenten bestückt werden kann, wenn es für das Ergebnis immer weniger Geld gibt.
Verlage mögen sich die Zeiten vor dem Internet zurückwünschen, wie Bergarbeiter die Zeiten der Kohleindustrie. Helfen wird es nichts. Und bei den Lesern darf erst Verständnis erwartet werden, wenn sie ihren Lieblingstitel eines Tages erfolglos am Kiosk suchen. Ihre Situation nämlich hat sich in den vergangenen Jahren immens verbessert. So viel hochwertige Information für lau war nie. Kein Wunder, dass sie das neue Medium lieben. Und ihre Interessen vertreten. Immerhin sind sie die Mehrheit.
Schwieriger zu entwirren ist der Knoten bei Google und seinen Bibliotheksplänen. Wenn es beispielsweise der Verwertungsgesellschaft Wort (so etwas wie der Gema), gelänge, eine Ablöse für die von Google online gestellten Bücher zu erwirken, sähen die meisten Autoren vermutlich keinen Cent davon. Haben sie doch ihre Nutzungsrechte an Verlage abgetreten und sind von diesen längst enteignet worden. So weit, dass sie sich nun sogar vorschicken lassen, um für ihre Verleger Zusatzeinnahmen herauszukämpfen.
Open Access könnte gar ein Weg sein, um Kreative aus dieser Leibeigenschaft zu befreien. Musiker machen das gerade vor. Zumindest einige von ihnen finanzieren sich wieder vermehrt über ihre Konzerte und begreifen den CD-Verkauf nur mehr als Appetizer. Oder werden auch ganz ohne Marketingkampagnen der Publisher bekannt und füllen Hallen – indem sie ihre Songs kostenlos zur Verfügung stellen.
Modelle, die sich unter Umständen auch für arme Poeten denken ließen. Konfliktfrei aber geht das sicher nicht. Wenn Schriftsteller nun anfangen, für angemessene Honorare für Lesungen zu kämpfen, geraten sie womöglich in Konflikt mit den Verlagen. Die sehen das Lesen vorrangig als Marketinginstrument, um den Absatz anzukurbeln.
Ähnlich läuft der Kampf bei wissenschaftlichen Publikationen. Einige Wissenschaftsverlage erzielen Traummargen mit ihren Zeitschriften, denn Inhalte und Kontrolle derselben bekommen sie umsonst. Publikationen in renommierten Titeln fördern eben Karrieren. Doch sind die Zeitschriften mitunter so teuer, dass Unibibliotheken sie sich schon lange nicht mehr leisten. Die Open-Access-Initiative, die alle von ihr finanzierten Ergebnisse auch öffentlich verfügbar machen will, stört daher vor allem die Interessen dieser Fachverlage. Wahrnehmbar sind in der Debatte bislang aber nur die Wissenschaftler, die um ihre freie Wahl kämpfen. Die Verlage werden wissen, warum sie schweigen.
Was nun die kulturelle Finsternis betrifft, die manche am Horizont ausmachen: Die These von der Aufmerksamkeitsökonomie besagt, dass Aufmerksamkeit eine Währung ist, für die in Zukunft immer mehr bereit sein werden, auch umsonst zu schuften. Es gibt schon jetzt ein Überangebot an Journalisten, Bücherschreibern und Selbstverwirklichern. Sorgen muss man sich also nicht machen, dass es eines Tages zu wenig Künstler gäbe. Man kann sich wünschen, dass sie alle dafür gut bezahlt werden. Aber eigentlich ist es vor allem ihr Überangebot, das auf die Preise drückt. Und nicht Google.
In weiten Teilen der Welt ist Gedrucktes außerdem so teuer, dass das Internet die erlösende Chance bietet, überhaupt Bücher lesen zu können. Auch Forscher und Mediziner aus ärmeren Ländern werden von der Open-Access-Initiative profitieren. Doch bietet sie auch Hoffnung für den Westen. Die älteren Hochschulprofessoren, die sich nicht zuletzt aus Standesdünkel dagegen wehren, könnten ihre Energien auf anderen Gebieten verbrauchen. Sie hätten allen Grund, sie zu unterstützen. Denn Open Access wird unter Umständen sogar Mittel freisetzen, die der deutlich schlechter gestellte wissenschaftliche Nachwuchs hierzulande gut gebrauchen kann.
Vielen Internet-Kritikern fällt bei all diesen Fronten gar nicht auf, von welch hohem Ross sie argumentieren, und dass sie die Interessen der ohnehin Starken stützen: der gut organisierten, gut verdienenden, westlichen Bildungsbürger.
- Datum 30.04.2009 - 10:37 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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man möchte allen wünschen, dass sie den von ihnen erstrebten Preis für ihr Produkt erhalten. Ob dies in naher Zukunft machbar sein wird, steht in den Sternen und erscheint eher unwahrscheinlich. Eine Lösung des Problems liegt auch hier wieder im Blickwinkel. Betrachtet man die Situation nicht aus Sicht der Journalisten, Autoren, Verlage, sondern schlicht aus der des Marktes, hat einfach das Angebot die Nachfrage überstiegen. Die Preise werden also wieder steigen, aber erst wenn die Nachfrage noch weiter sinkt, und sich die Abermillionen "Medienproduzenten" und deren Schreibprodukte den unsere Gesellschaft als Überschuss produziert hat, wieder zurückbilden.
Im Moment boomt das Geschäft mit wertloser Scheininformierung trotz in's Bodenlose fallender Preise aber immer noch gewaltig. Die "Nachrichten" in den tausenden Onlineportalen von Emaildienstleistern, Fernsehsendern, Zeitschriften etc. werden zunehmend von Schülern und Studenten im Schichtdienst eingetippt. Tagesaktuelle Nachrichten werden hier ohne Übergang mit Darstellungen von wahllosen Appellen an die Schaulust, Interesse an Sex und Gewalt und Schadenfreude der Leser durchmischt.
Die Qualität geht immer weiter runter, das Angebot wird immer größer, die Nachfrage wird irgendwann sinken. Und ein neuer Trend wird sich bilden. Äh. Hoffentlich.
Ende 2003 - also vor fast 6 (!) Jahren - hat es eine Tagung der Medienhochschule in Stuttgart gegeben, auf der bereits intensiv über neue Modelle für die Verwertung von Musikinhalten diskutiert worden ist. Die Musikindustrie ist wie die Autoindustrie und das Thema umweltfreundliche Fahrzeuge. Erst wenn man gar nichts mehr aus dem alten Geschäftsmodell- das man bis zu den Zähnen bewaffnet verteidigt - rausholen kann, lässt man sich zwangsweise auf Neuerungen ein. Apple hat es mit einer intelligent verknüpften Wertschöpfungskette doch auch schon seit 2003 geschafft. Also doch verschlafen!
wem nützen denn restriktive Publikationsrechte. Doch in erster Linie den Großunternehmen der Medienbranche, die mühelos Millionenprofite erzielen wollen. Ein deutliches Beispiel ist auch die angestrebte Verlängerung der Rechte bei Musik: in der Regel gehören sie den Verlagen und nicht den Musikern. Da ist der EU-Ansatz sie zwingend wieder den Personen zu übergeben schon ein richtiger Schritt.
Und auch die Angebotsseite einzubeziehen ist ein interessanter Aspekt.
Ein sehr guter Artikel.
Was ist eigentlich Wissenschaft?
Wenn man die Idee der geistigen Urheberschaft ernst nimmt, dann gibt es gar keine Wissenschaft mehr. Es gibt nur Produzenten von Ideen, die diese für sich selbst vermarkten. Jeder Fortschritt wäre nach der Ideologie der Geistigen Rechteverwaltung unmöglich.
Es ist ein trauriges Beispiel für die Kommodifizierung, ich frage mich z.B., wann die Atemluft entgültig ins Blickfeld von Rechtejongleuren gerät.
genauso wie Dinosaurier, denn ihre Macht beruht darauf, zwischen Erzeuger ( Autor, Jouranlsit ) zu stehen, dessen Leistung gering zu honorieren und mit hohem Gewinn zu veräußern.
Der Absatz mit den standesdünkelnden Professoren war gut. Viele Professoren scheuen sich auch heute noch davor, beispielsweise Wikipedia als ernsthafte Quelle gelten zu lassen wie andere Lexikoneinträge in etablierten Lexika auch - obwohl die Fehlerquote auch bei Wikipedia nicht höher ist. Grund dafür ist meines Erachtens vor allem der Ärger darüber, nicht mehr das alleinige Wissensmonopol zu besitzen; jede Aussage kann innerhalb kurzer Zeit problemlos nchgeprüft werden, ohne langwierige Bibliotheksrecherche (evtl. sogar direkt im Seminar vom Laptop aus). Verständlich, dass ein solcher Angriff auf die eigene Stellung erstmal als Bedrohung gesehen wird.
Könnten Sie, verehrte Frau Klopp, nicht erst recherchieren, dann nachdenken und erst dann schreiben? Die meisten Autoren verdienen einen nicht geringen Teil ihres Einkommens schon heute mit Lesungen, die in der Regel mit 250 bis 300 Euro nebst Spesen honoriert werden. Wieviele solcher Auftritte vor meist spärlichem Publikum es braucht, um davon den Lebensunterhalt bestreiten zu können, läßt sich errechnen. Sie, Frau Klopp, können es ja, statt nur über "neue Geschätsmodelle" zu schreiben, auch mal ausprobieren: Sie und alle Ihre Kollegen bieten Lesuneng Ihrer journalistischen Arbeiten an und verraten uns dann in vier Wochen, wieviele Aufträge Sie aquirieren konnten und wieviel Honorar diese in summa einbringen. Offen gestanden: Mich würde wundern, wenn Sie auch nur einen derartigen Auftrag an Land ziehen können. Vielleicht ist es daher doch nicht ganz so schlecht, daß DIE ZEIT Journalisten ihre Arbeit bezahlt, wozu sie solange in der Lage sein wird, wie mit dem Verkauf der Zeitung auch Geld verdient.
[Anm.: Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Danke. /Die Redaktion pt.]
Wenn hier schon Leser die Aufforderung zu "recherchieren" posten, dann gebe ich hier mal einen Buchtipp: Boldrin und Levine, Against Intellectual Monopoly, im Internet herunterladbar und natürlich auch auf totem Baum erwerbbar, eine wirtschaftswissenschaftlich fundierte Studie zu den (in der Regel kontraproduktiven) Effekten intellektueller Monopole.
Mir scheint, es handelt sich hier schon um ein Generationsproblem: Die Leute, die das Internet aktiv nutzen, haben überwiegend eine eindeutige Meinung zu diesen Themen, und die sogenannten "Internetausdrucker", deren Mediennutzung eher traditionell ist, eine ganz andere, entgegengesetzte. Im Moment sind noch die Internetausdrucker an der Macht, aber ewig wird das nicht so bleiben - die Tatsache, dass sie sich "das Internet ausdrucken lassen", zeigt ja schon, dass sie auch schon gezwungen sind, sich irgendwie mit dem Medium zu befassen, auch wenn sie noch versuchen, es möglichst weit weg zu schieben - und, durch Ausdruck, in der gewohnten Form zu konsumieren.
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