Vor 20 Jahren Dieses temperamentvolle Toffeln
In den Monaten vor dem Mauerfall flüchteten viele DDR-Bürger über Ungarn. Eine ZEIT-Autorin trauerte damals mit deren allein gelassenen Trabis
© Steve Eason / Hulton Archive / Getty Images

Hier geht's nicht weiter: Wer vor dem Mauerfall flüchtete, musste sein Auto im Osten lassen
Was da von Osten kommend auf uns zu rollt, die markante Kastenbrotform in graublauer Auspuffwolke zweitaktig töffelnd und babbelnd, das ist unüberhörbar der Trabant der DDR, der in diesen Tagen seine vorgezeichnete Bahn verlassen hat.
"Ein temperamentvolles Fahrzeug" (Herstellerkatalog), an dem "eigentlich immer etwas klappert" (Reparaturhandbuch). Klein und handlich, ohne sperrige Knautschzone, die Karosserie aus Pappe und Plaste. Das DDR-Produkt "des wirtschaftlichen Aufschwungs der 50er Jahre", der "vollwertige, viersitzige Personenwagen, dessen Platzangebot schon im Anfangsstadium dasjenige vergleichbarer Konstruktionen im damaligen internationalen Automobilbau übertraf" (Katalog). Knapp 3,5 Meter lang. Das Auto unserer Zukunft.
Was alles hat es im Gepäck?, Rucksäcke und Taschen, vollgestopft mit dem Nötigsten: warme Unterhosen, Bücher (zum Beispiel "Autos aus Zwickau" von Peter Kirchberg, erschienen bei transpress, VEB Verlag für Verkehrswesen Berlin), Photos von der Familie. Ja, und selbstverständlich Hoffnung, Angst, Skepsis, Zuversicht; und ganz unten im Kofferraum Heimweh. Das kommt später.
Gelblich bleich, babyblau, bräunlich grün und schmuddelig weiß, so liegen sie nun ermattet, erkaltet, verlassen in den tiefgrünen Wäldern um Sopron, entlang der ungarischen Grenze. Rüber machen dürfen sie nicht mit der DDR-Nummer. Der sehnlichste Wunsch eines DDR-Bürgers, das schwer errungene Staatussymbol (durchschittliche Wartezeit zehn bis dreizehn Jahre), der heißbegehrte fahrbare Untersatz, das am heftigsten umkämpfte Liebesobjekt bei Ehescheidungen, in diesen Tagen muss es schweren Herzens zurückgelassen werden.
Beim Abschied an der ungarisch-österreichischen Grenze fließen Tränen. Andere bringen es nicht übers Herz und kehren zusammen mit dem treuen Trabi erst mal wieder um. Gemeinsam Erlebtes verbindet:
"Wir haben auf der Fahrt durch die CSSR bis nach Ungarn und in den langen Nächten in Budapest immer wieder gesagt: Wir können auch wieder zurückfahren. Dann war's bloß ein Urlaub. Geredet und geredet haben wir darüber. Dann haben wir drüber geschlafen." Alles immer im Trabant. "Wir haben zum Glück die Kombi-Ausführung. Da ist hinten Platz genug zum Bettenbauen. Und nun warten wir, ob wir ihn mit rübernehmen." Doch die Hoffnungen, die der bundesdeutsche Automobilclub weckte, waren trügerisch. Sein Angebot, die Krachmacher von Ost nach West, von Ungarn nach Bayern zu überführen, fand keine Resonanz in Bonn. Dafür in der Hauptstadt der DDR. Dort hat man den Vorschlag, des ADAC aufgegriffen und mit der Rückführung "des Vermögens von Personen, die die Deutsche Demokratische Republik verlassen haben" begonnen. Die Liebe zum Auto ist offenbar allen Deutschen gemeinsam.
- Datum 04.09.2009 - 20:25 Uhr
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- Serie Autogeschichte
- Quelle ZEIT ONLINE / DIE ZEIT
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