Amerikanische GrippePanik vor dem Unbekannten

Deutsche haben besonders große Angst vor Epidemien. Nach kurzer Zeit aber verliert sie sich: Die Gefahr wird erst über-, dann unterbewertet von 

Die amerikanische Grippe wird als Bedrohung für die Welt eingestuft, vorerst zumindest formal. Die Sicherheitsstufe wurde von der WHO von 4 auf 5 hochgesetzt, und es gibt nur 6 Stufen. Das macht Angst. Denn außer Händewaschen und in den Ellenbogen niesen, kann uns keiner wirklich beruhigen, dass wir und unsere Kinder verschont bleiben. Ausgeliefert sein erzeugt Angst. Auch wenn die zurzeit noch sehr irrational ist.  

Der Göttinger Angstforschers Borwin Bandelow erklärt, neue Gefahren würden in ihrer Bedrohlichkeit überschätzt, bekannte dagegen unterbewertet. Die Amerikagrippe sei wie aus dem Nichts aufgetaucht und wirke kaum beherrschbar. "Alles, was neu ist, ist bedrohlich." Obwohl in Deutschland die meisten Menschen immer noch an Herz-Kreislauf-Erkrankungen sterben, habe kaum jemand wirklich Angst davor. "Viele haben schon Übergewicht oder Bluthochdruck und nehmen trotzdem nicht ab, bewegen sich zu wenig oder vergessen, ihre Medikamente zu nehmen. Sie sind dann nachlässig", sagte Bandelow. "Wenn eine Pandemie droht, ist das anders. Dann herrscht gleich Alarmbereitschaft."   

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Jürgen Hoyer, Angstforscher von der Technischen Universität Dresden sagte dem Tagesspiegel: "Die Amerikagrippe ist etwas, dessen Folgen noch nicht abzusehen sind. Das macht Angst. Es gibt noch kein Schema, wie man reagieren soll. Hinzu kommt die besondere Aufmerksamkeit, die das Thema durch die Medien erfährt."

Der Leiter der Göttinger Angstambulanz Bandelow hat auch die Reaktionen auf die Vogelgrippe, Sars und die Terroranschläge vom 11. September 2001 beobachtet und festgestellt: Man gewöhnt sich an die Bedrohungen und bewertet sie irgendwann nicht mehr als neu, sondern als zum Alltag dazugehörig. Die Furcht vor der Amerikagrippe wird nach Ansicht Bandelows in wenigen Wochen abebben. "Die große Panik lässt nach etwa einem Monat nach", sagte der Professor für Psychiatrie. "Nach vier Wochen fangen sich die Leute wieder. Das ist immer so."

Besonders deutlich lasse sich dieses Verhalten beim HI-Virus beobachten, berichtete der Wissenschaftler. Was sich übrigens sehr gut an der Suchhäufigkeit bestimmter Begriffe bei Google erkennen lässt. Die Kurve stieg zwar zweimal stark an, verbleibt aber ansonsten auf einem weitgehend gleich hohen Niveau. Als das Virus, das die Immunschwäche Aids auslöst, in den 1980er Jahren in der Bundesrepublik auftauchte, seien die Menschen sehr aufgeregt und besorgt gewesen. Das Interesse sei dann aber rapide gesunken und heute eher gering - es sei denn, ein Fall wie der einer möglicherweise HIV-positiven, bekannten Sängerin rufe das Thema wieder ins Gedächtnis. "Am Anfang überreagieren die Menschen, und am Schluss reagieren sie zu unvorsichtig", sagte Bandelow. Dasselbe lässt sich auch im Fall der Vogelgrippe  und sogar der Finanzkrise in der Google-Suche beobachten.

Besonders in Deutschland und anderen Staaten im Norden scheint die Angst vor der Grippe groß zu sein. Bandelow hat ein Nord-Süd-Gefälle beobachtet: "Menschen im Norden sind im Großen und Ganzen ängstlicher als Menschen im Süden." Der Forscher führt diese Beobachtung auf genetische Ursachen zurück. "In Zeiten der Völkerwanderung haben im Norden vor allem die Menschen die harten Winter überlebt, die ängstlich waren und darum für die kalten Monate vorsorgten – indem sie Vorräte an Salzfisch, Knäckebrot, Pökelfleisch und Brennmaterial anlegten", erklärte er. "Die weniger ängstlichen sind verhungert oder erfroren, und die Ängstlichen haben sich vermehrt." Etwa 50 Prozent der Ängste, die ein Mensch habe, seien genetisch bedingt.

Hoyer meint, für die meisten Deutschen gelte dennoch: "Es ist eine normale Angst. Angst gehört zum Leben – und gerät nach einer Weile auch wieder in Vergessenheit." Manche Menschen reagieren allerdings sehr stark darauf. Sie bekommen Herzklopfen, brechen in Schweiß aus, zittern oder verspüren eine Engegefühl. Hoyer erklärt: "Der Körper stellt sich auf Flucht ein, auf Verteidigung oder er erstarrt – das sind evolutionsbedingte Verhaltensweisen. Aber jeder reagiert da unterschiedlich. Bei manchen kann sich das bis zur Todesangst steigern."

Wenn die Angst als zu stark empfunden wird, empfiehlt der Forscher Gespräche mit anderen oder Entspannungstechniken.  "Relativ klar allerdings ist, was nicht hilfreich ist: übertriebenes Sicherheitsdenken und Versuche zu kontrollieren, was letztlich nicht zu kontrollieren ist. Dann bekommt man vielleicht keine Grippe, aber ein Problem mit der eigenen Angst."

Eine Umfrage: Wie sehr macht Ihnen die Amerikagrippe Sorgen?

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, Tagesspiegel
  • Schlagworte Google | Aids | Bluthochdruck | Finanzkrise | Medikament | Pandemie
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