Belletristik Israel ganz trocken
Wie sieht der Nahe Osten in Zukunft aus? In seinem Roman "Hydromania" beschreibt der Schriftsteller Assaf Gavron ein Miniatur-Israel – ohne Wasser

© Mahmud Hams/AFP/Getty Images
Fischer nahe Gaza-Stadt. In Assaf Gavrons Vision wird es kein Wasser mehr geben
Autoren von Zukunftsromanen stellen sich hohen Anforderungen: Aus den gegebenen gesellschaftlichen und technischen Bedingungen wollen sie eine Zukunftsvision ableiten, die für den Leser nachvollziehbar, logisch und im besten Sinne lehrreich ist – denn zweifellos liegt der Reiz eines solchen Experiments darin, Entwicklungen von heute aufzuzeigen, die fürderhin gravierende Auswirkungen haben können.
Der 40-jährige Israeli Assaf Gavron hat sich einer solchen Aufgabe gestellt und entwirft in seinem fünften Roman Hydromania ein Bild des Nahen Ostens im Jahr 2067. Die Aussichten für den Staat Israel sind düster: China ist wichtigster Führungsstaat der Welt, und mit der chinesischen Machtergreifung kam der Wechsel im Nahen Osten. Die Palästinenser verfügen über Kampfhubschrauber und schweres Geschütz und haben den Staat Israel schrumpfen lassen, er besteht nur noch aus der kleinen Region rund um die am Mittelmeer gelegene Hafenstadt Cäsarea. Die Hauptsorge der Israelis aber ist keine territoriale, sondern liegt in der Versorgung mit Wasser. Denn die Macht über das Wasser haben Konzerne aus China, Japan und der Ukraine. Sie kontrollieren die Wasservorräte und bestimmen, wo und wann wie viel Regen fällt.
Vor diesem Szenario entwickelt Gavron die Geschichte um die junge Israelin Maja. Einige Monate zuvor ist ihr Mann Ido, ein Wasseringenieur, spurlos verschwunden. Es ist brütend heiß. Maja hat kein Geld mehr, ihre Wasservorräte gehen der Neige zu und sie stellt fest, dass sie schwanger ist. Eben haben die Konzerne vermeldet, dass der erhoffte Regen um drei Monate verschoben wurde. Da beginnt sie, die alte Idee ihres Mannes, Wasserspeichersysteme für Privathaushalte, in die Tat umzusetzen: Sie baut einen "Dschi-Dschi-Tank".
Die Welt, in der Maja lebt, unterscheidet sich deutlich von der heutigen: Jedem Menschen wird im Alter von zwei Jahren ein Chip in den rechten Oberarm implantiert, auf dem seine persönlichen Daten gespeichert sind. Unter Zuhilfenahme einer speziellen Bildschirmbrille dient er der Identifizierung, dem Zahlungsverkehr, der Unterhaltung und einem Großteil der Kommunikation. Die Menschen werden rund um die Uhr von Satellitenkameras überwacht und sind aufgrund des Chips immer ortbar. Es gilt der chinesische Kalender, man begrüßt sich mit "Ya", fährt mit einem "Ayscha" und bezahlt mit "Kuay".
Gavrons Sprache ist rasant und lebt von wechselnden Perspektiven und originellen Einfällen. Doch bald drängt sich der Eindruck des Oberflächigen auf. Tatsächlich spielt das Wasser schon heute in dem Nahostkonflikt eine nicht zu unterschätzende Rolle. Gavron aber entwickelt für das Jahr 2067 das Szenario eines Wasserkampfes zwischen Individuen und Konzernen. Weicht er damit den vorhandenen Gegebenheiten nicht einfach aus? Gavron, danach in einem Gespräch gefragt, antwortet, er habe diesen Konflikt nicht vermeiden wollen.
Hydromania sei aber kein Buch über den israelisch-palästinensischen Konflikt, sondern ein Roman über den Staat Israel und sein zu erwartendes Wasserproblem. Der palästinensische Machtgewinn und der territoriale Verlust des Staates Israel diene nur dem Hintergrund. Ist aber die Zukunft Israels denkbar ohne den ungeliebten siamesischen palästinensischen Zwilling? Ist eine Vision, die den tatsächlich zu erwartenden Konflikt einfach übergeht und ausschließt, ein gelungenes Szenario?
Gavron ist eigentlich keiner, der Konflikte scheut. So hat er, der in London und Vancouver Medien studierte, das Computerspiel Peacemaker mitentwickelt, in dem der Nahostkonflikt simuliert wird. In seinem Roman Ein schönes Attentat, das von einem erfolgreichen israelischen Angestellten einer Hightech-Firma in Tel Aviv handelt, der in kürzester Abfolge drei Attentaten entgeht, hat er dem Palästinenser eine Stimme geschenkt, der für die Attentate verantwortlich war. Darüber wurde in Israel viel diskutiert; Gavron brachte es einige heftige Anfeindungen ein.
Bei Hydromania gab es keinen Aufschrei. "Dieses Mal mochten die Leute das Buch", sagt Gavron. Die Rezensenten der linksliberalen Haaretz bis hin zur rechtskonservativen Tageszeitung Makor Rishon haben es wohlwollend aufgenommen und als Warnsignal für die kommende Wasserknappheit verstanden. Dass der Staat Israel des Jahres 2067 ein winziges Stückchen Erde sein wird, diente zwar dem rechten Lager, um einmal mehr darauf hinzuweisen, dass ihre schrecklichsten Befürchtungen wahr werden könnten. Der tatsächliche Gruseleffekt ist jedoch gering. Gavrons Vision vom schönen neuen Israel ist eine friedliche. Die Bedrohung durch die Palästinenser spielt im Jahre 2067 keine Rolle mehr.
Assaf Gavron glaubt nicht daran, dass Literatur die Macht hat, etwas zu verändern. Er wolle nur intelligent unterhalten. Und so sollte man sein Experiment als einen Ausflug in eine Welt verstehen, die nie sein wird. Vielleicht wäre eine echte Vision über die Zukunft des Nahen Ostens, entwickelt aus den politischen Gegebenheiten von heute, auch einfach viel zu schrecklich.
- Datum 07.05.2009 - 13:47 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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