Tschechiens Eishockey-Held Spagat zwischen Puck und Politik

Die Tschechen lieben Jaromir Jagr wegen seinem politischen Rückgrat, seiner anti-sowjetischen Haltung und seiner Tore. Er ist der beste Europäer, der je in der NHL spielte.

Täglich muss der genervte Pavel Barta, der Mediendirektor der tschechischen Eishockey-Nationalmannschaft, die gleiche Antwort geben und dabei sogar noch lächeln: "Vielleicht sagt er was, vielleicht aber auch nicht", zuckt Barta mit der Schulter. Gemeint ist Jaromir Jagr, der 37-Jährige, der in Tschechien ein Nationalheld und bei der Weltmeisterschaft in der Schweiz der große Star ist. Während es für seine Mitspieler feste Interview-Termine gibt, entscheidet Jagr frei nach Lust und Laune, ob er mit den Medien sprechen will oder nicht. Dabei ist eine Zusage vom Vortag noch lange keine Garantie.

Trotz seiner Allüren nimmt das Interesse der Medien nicht ab. Seinetwegen drängten sich bei den Vor- und Zwischenrundenspielen in Zürich-Kloten teilweise bis zu fünfzig Reporter auf engstem Raum. Seinetwegen kamen sie selbst nach fünf Tagen vergeblichen Wartens auch am sechsten Tag zuversichtlich zurück – in der Hoffnung auf ein, zwei Sätze des introvertierten Superstars.

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Ihre Geduld ist verständlich. Jagr ist im Spätherbst seiner Karriere. Die WM, bei der Tschechien heute im Viertelfinale auf Olympiasieger Schweden trifft, könnte sein letzter großer internationaler Auftritt sein, das Ende einer eindrucksvollen Karriere, in der er alles gewonnen hat. Jagr ist Weltmeister, Olympiasieger, zweimaliger Stanley-Cup-Gewinner in der Nordamerikanischen Eishockey-Liga NHL – und gehört somit zum erlauchten "Triple Crown Club", der weltweit nur 22 Mitglieder hat. Er ist der beste Europäer, der jemals in der NHL gespielt hat.

Jagr unterscheidet sich jedoch von vielen seiner Kollegen nicht nur durch seine Tricks und Tore auf dem Eis, sondern auch durch sein politisches Engagement. Seit 1990 trägt er die Trikotnummer 68, seitdem ist jedes Länderspiel eine Botschaft, eine Hommage an die Historie seines Heimatlandes. Er erinnert an den Prager Frühling 1968. An jene Tage, als das tschechoslowakische Volk in seiner Hauptstadt auf die Straßen ging, um sich von den kommunistischen Klauen der Sowjetunion zu befreien.

Sein Großvater Jaromir, ein Landwirt, starb damals. Er war zwar kein Revolutionär, aber dennoch ein Opfer des Kommunismus. "Sie haben den Reichen sämtlichen Besitz weggenommen. Und mein Großvater war reich. Er hat sich geweigert, sein Land abzugeben und für die Regierung zu arbeiten, also diejenigen, die ihm alles weggenommen haben", sagt Jagr. Als Jagr Senior nach den Tagen des Aufstandes das Gefängnis verlassen durfte, starb er kurz darauf. "Sie hatten ihm im Knast nichts zu essen gegeben", sagt Jagr, der bereits als Zwölfjähriger im heimischen Kladno auffällig anders war als seine Mitschüler. Denn Jagr führte in seinem Notenheft ein Bild von Ronald Reagan mit. Die Lehrerin hatte ihn mehrmals ermahnt und aufgefordert,  es verschwinden zu lassen.

Leser-Kommentare
  1. "The Mullet" ist vielleicht einer der streitbarsten Spieler in der Geschichte des Sports, nur gehört er auch zu den definitiv besten Offensivspielern die die Welt bisher sehen durfte und zu den prägenden Figurgen der "Dead Puck" Ära.

  2. Reagan und "68"?
    V. Klaus und A. Dubcek?
    Alles zusammen?
    Der hat vielleicht zu oft einen Puck an den Kopf bekommen.

    Bei uns an der Schule gab es übrigens die entgegengesetzte Doktrin. Und noch mal übrigens: Die 99 als Rückennummer trägt Cristiano Lucarelli (Stürmer, z.Zt Parma); auch das ist ein politisches Statement. Das passt aber nicht in die "Zeit" (Achtung, doppeldeutig).

  3. Redaktion

    Aufgepasst, Cardoso! Den kennen wir auch:
    http://www.zeit.de/online...

    Gehen Reagan und 68 nur in Deutschland nicht zusammen?

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