Man kann nicht behaupten, dass Ismael Khatib Gewalt verachtet hätte, bevor er schließlich zu einem Symbol des Friedens zwischen Israelis und Palästinensern wurde. "Bei Molotow-Cocktails ist es so", sagt Khatib und dreht sich auf seinem Stuhl, "man wirft sie, rennt weg, dreht sich um und sieht Rauch." Er kann deshalb nicht mit Sicherheit sagen, ob durch seine Hand jemand gestorben ist. Anderthalb Jahre lang hat Khatib in einem israelischen Gefängnis gesessen, weil er Angriffe auf einen Militärstützpunkt geplant und ausgeführt hat. Andererseits: Wenn durch ihn jemand zu Tode gekommen wäre, da ist er sicher, säße er jetzt nicht hier, sondern noch immer im Gefängnis.

Hier, in einer Berliner Filmproduktionsfirma in der Bergmannstraße, sitzt ein duldsamer Mann mit einem Kaffee in der Hand. Ismael Khatib, in einer Lederjacke und in einem schmalen, sprungbereiten Körper, die Hauptperson des Dokumentarfilms Das Herz von Jenin.

Vier Jahre ist es jetzt her, dass sich sein Sohn Ahmed von zu Hause aufmachte, um eine neue Krawatte zu kaufen, im Flüchtlingscamp in Jenin im Westjordanland. Aber die Krawatte muss warten, denn der 12-Jährige trifft auf der Straße zwei Freunde, sie spielen Krieg, Araber und Jude.

Sie sind es hier gewohnt, dass die israelische Armee häufiger Razzien macht, allerdings meistens bei Nacht und nicht mitten am Tag wie heute.

Ahmed, das melden später die Fernsehnachrichten, der in der Hand ein Spielzeuggewehr gehabt habe, das ausgesehen haben soll wie eine Kalaschnikow, wird von einem israelischen Soldaten in den Kopf geschossen. Sie reden von einem Missverständnis. Die weitaus größere Erschütterung löst in der Region jedoch die folgende Meldung aus: Der Vater des für hirntot erklärten Kindes, Ismael Khatib, habe eingewilligt, die Organe seines Sohnes an Kinder zu spenden. An israelische Kinder.

Haben sich also die Israelis für das Missverständnis entschuldigt?

"Welches Missverständnis?", fragt Ismael Khatib, und seine Augen fliegen zwischen der Übersetzerin für Arabisch und dem Gegenüber hin und her. "Ahmed ist nicht das erste Kind, das getötet wurde." Er kennt diese Geschichte schon: Wenn Kinder getötet werden, heißt es hinterher immer wieder, sie hätten mit Gewehren gespielt. Zwei Schüsse, sagt Khatib, hätten seinen Sohn getroffen, einer ins Bein und einer in den Kopf. Zwischen diesen beiden Schüssen, vermutet er, hat jemand eine Entscheidung getroffen.

Aber das Spielzeuggewehr, das muss man doch später gefunden haben?

"Nein", sagt Khatib. "Nie."