Familie Nicht ohne meine Familie
Vater, Mutter, Bruder, Schwester - klar wissen alle von uns, wie die Verwandtschaft nerven kann. Aber ohne wäre es nicht mal halb so gut

© Frank Leonhardt/dpa/Bildfunk
Familienausflug
Dieses Mal haben wir auf der Unter-18-Konferenz erst ziemlich viel über Altenheime und die Versorgung unserer Großeltern gesprochen, und darüber, was unsere Eltern in dieser Hinsicht von uns erwarten. Wir sind 14 bis 19 Jahre alt, aber mit diesem Thema hatten einige von uns schon zu tun. Dann kamen wir auf unsere Familien. Die meisten von uns kommen aus "normalen" Familien. Ist es langweilig, wenn man in einer normalen Familie lebt? Und was ist überhaupt normal? Wir redeten über die Trennung von Eltern, und wie man mit geschiedenen Eltern und mit dieser neuen Situation lebt, die ja auch für viele normal ist. Wie lebt es sich Patchwork- und Großfamilien? Sind Einzelkinder wirklich so schlimm und verwöhnt, wie man ihnen nachsagt? Wie ist es, wenn man Bruder oder Schwester bekommt, nach vielen Jahren des Einzelkinderdaseins? Wie sehen wir Jugendlichen, die ja angeblich immer nur Probleme mit ihren Eltern haben, ihre Familie wirklich? Wie betrachten wir diese besonderen Personen, die immer für uns da sind?
Charlotte Schilling, 14 Jahre
Total verpfuscht
Was habe ich früher auf meine Familie geschimpft! Ich hab mich mit meinen Eltern endlos gestritten und wollte meinen kleinen Bruder oft am liebsten an die Wand klatschen. Heute möchte ich sie nicht mehr missen. Auch, wenn ich noch dieses Jahr volljährig werde, bin ich viel zu unerfahren, um auf die Hilfe meiner Familie verzichten zu können. Ans Ausziehen ist, auch abgesehen vom finanziellen Aspekt, nicht zu denken - weder für mich noch für meine Familie.
Nicht jeder Jugendliche hat das Privileg, sich nach dem 18. Geburtstag weiterhin im Schoße der Familie suhlen zu können. Mein Freund wohnt seit etwas über einem halben Jahr alleine. Er ist einen Monat vor seinem 18. Geburtstag von zu Hause ausgezogen. Trennung und Scheidung der Eltern, neue Partner beiderseits und unzählige Spannungen hatten dazu geführt, dass er sich zu Hause noch nie sehr wohl gefühlt hat. Das fing schon an, als seine Eltern noch zusammenlebten, ständig gab es Streit, seine Kindheit bezeichnet er als total verpfuscht. Die ganze Familie ist in Therapie gewesen, sogar im Heim hat er einige Zeit gelebt, seine Eltern waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, haben ihn angeschrien und geschlagen.
Nach Absprache mit dem Jugendamt schien es die beste Lösung für ihn, auszuziehen. Klingt gut, ist in der Realität jedoch ziemlich hart. Die Verbindung zu seinen Verwandten reicht gerade noch, um das Weihnachtsfest mit ihnen zu verbringen. Es scheint egal zu sein, wie sein Leben verläuft. Es ist egal, ob und wie es in der Schule vorangeht, egal, ob er krank ist, egal, ob sich etwas Wichtiges verändert, egal, egal, egal. Er ist wütend, besonders auf seine Mutter, denn sein Vater hat nach fast zwei Jahren Funkstille den Kontakt zu ihm wieder aufgenommen. Er fragt sich, warum seine Eltern Kinder bekommen haben, wenn sie sich doch nicht um sie kümmern wollten.
Noch hat mein Freund einen Betreuer und lebt in der Trägerwohnung einer Organisation. Doch der Betreuer ist kein Elternersatz, die Treffen mit ihm gleichen eher einem Geschäftstermin. Natürlich ist mein Freund einsam und versucht sehr oft, etwas mit Freunden zu unternehmen. Doch da gibt es einen Haken: Die Freunde haben familiäre Verpflichtungen.
Caroline Stelzer, 17 Jahre
Ganz normal
Seit 2002 sind meine Eltern geschieden. Ich war noch relativ klein und hatte wenig Ahnung von sowas. Ich war schon traurig, dass ich immer nur noch ein Elternteil zu Hause hatte. Meine Mutter ist dann mit meiner Schwester und mir umgezogen. Meine Eltern haben mir natürlich erklärt, warum es so passiert ist. Aber es war ein komisches Gefühl.
Knapp sieben Jahre später ist das schon anders. Man kann sagen, dass es normal ist, denn jetzt verstehe ich, was damals passiert ist. Natürlich ist es blöd, dass ich meinen Vater so selten sehen kann, denn ich wohne jetzt mit meiner Mutter und meiner Schwester in Berlin, mein Vater ist in München geblieben. Ich versuche in jeden Ferien zu meinem Vater zu fahren. Das ist aber nicht immer so leicht, vor allem wegen der Entfernung.
Meine Eltern haben mittlerweile auch wieder ein gutes, normales Verhältnis zueinander. Am Anfang war es für mich schwierig, als mein Vater und meine Mutter neue Partner hatten. Ich erinnere mich noch, wie ich die Freundin meines Vaters und ihre Familie kennengelernt habe. Sie war sehr freundlich, und ich habe dann später mit dem Sohn und seinem Freund Fußball gespielt.
Mittlerweile ist unser Familienleben alles in allem ganz normal, ich bin mit den Kindern der Freundin recht gut befreundet. Genauso hat meine Mutter auch einen Freund, mit dem ich nicht schlecht klarkomme. Ich fühle mich dabei nicht unwohl oder schäme mich dafür, denn als ich älter wurde, habe ich gemerkt, dass es besser so ist.
Luca Hyzdal, 16 Jahre
- Datum 30.04.2009 - 12:10 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, tagesspiegel
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