Nesthocker "Hotel Mama" wird beliebter

In Deutschland und Großbritannien bleiben junge Leute länger zu Hause wohnen. Bekommen wir in Zeiten der Krise lauter Nesthocker wie die Italiener?

In den letzten 37 Jahren ist laut Statistischem Bundesamt die Zahl der 25-jährigen Daheimwohnenden von 20 Prozent auf 29 Prozent gestiegen. Im Vereinten Königreich ist seit 2001 die Zahl der Nesthocker im Alter von 20 bis 34 Jahren um 300.000 angestiegen, so das Büro für Nationale Statistiken.

Anfang der 1990er Jahre verfasste die Psychologin Christiane Papastefanou zu diesem Thema eine Studie. Damals blieb ein Teil der Jugendlichen in Deutschland aus pragmatischen Gründen zu Hause. "Weil sie sich mit den Eltern gut verstanden haben, haben sie ihr Geld lieber für Konsum und Freizeit genutzt als für die Selbstständigkeit. Rebellion wie in den 70er Jahren war nicht mehr notwendig. Das denke ich, stimmt heute nicht mehr." Das Geld reicht nicht zum Ausziehen. Und die Eltern akzeptieren die Situation, weil sie wissen, dass es die Kinder schwer haben.

Anzeige

Für die Zukunft rechnet Papastefanou deshalb mit einem weiteren Anstieg der Nesthockerzahl. Aber Nesthocker bedeute nicht immer Unselbstständigkeit. "Es gibt junge Leute, die zu Hause wohnen und alles alleine machen", sagt Christiane Papastefanou, "und es gibt welche, die ausgezogen sind, und die Mutter putzt die Wohnung."

Trotzdem scheinen die Nesthocker besonders zu sein. "Wir haben festgestellt, dass viele Nesthocker in der gesamten Entwicklung verzögert sind. Das fängt bereits im Jugendalter an, man spricht von Adoleszenzverspätungen", erklärt die Psychologin. Merkmale dafür seien, ein verspäteter erster sexueller Kontakt, spätere Selbstständigkeit und ein tendenziell jüngerer Freundeskreis. "Der Spätauszug ist der Endpunkt einer verzögerten Ablösung. Die setzt sich dann weiter fort. Diese jungen Menschen ziehen zumeist erst dann aus, wenn sie schon einen Partner haben", sagt Papastefanou. "Im Grunde gehen sie von einer Familiensituation in die neue."

Aber auch wegen der langen Ausbildungszeiten verzögert sich die Familiengründung und damit der Auszug aus dem Elternhaus. In Deutschland machen Jugendliche laut Forschungsministerin Annette Schavan im Durchschnitt mit 19,7 Jahren ihr Abitur. Danach folgen je nach Studienmodell mindestens drei Jahre Studium. Wer sein Staatsexamen machen will, sei laut Schavan meist erst mit 28 oder 29 Jahren fertig.

Heute können es sich immer weniger Eltern leisten, den frühzeitigen Auszug zu finanzieren. Auch Christiane Papastefanou sieht die Hauptgründe für den Anstieg der Nesthockerzahlen nicht in der Angst vor der Selbstständigkeit. "Studiengebühren, Studentenwohnheim, das können sich viele Familien nicht leisten. Selbst die, die eine Ausbildung gemacht haben, müssen oft noch bleiben, weil sie keine Stelle finden und sich weiter qualifizieren müssen. Zudem gibt es immer mehr Scheidungsfamilien und Alleinerziehende. Das verschärft das Problem", sagt die Psychologin.

Der Vergleich der Geschlechter zeigt, dass deutsche Frauen durchschnittlich zwei Jahre früher das Elternhaus verlassen als Männer. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts lebten 2005 nur noch 42 Prozent der Frauen im Alter von 22 Jahren bei den Eltern. 24-jährige Männern lebten im Vergleich noch zu 46 Prozent zu Hause.  Aber auch die Mädchen ziehen später aus als früher. "Heute sind es Frauen, die die guten Abis machen und mehr Zeit in die Ausbildung investieren", sagt Christiane Papastefanou. Sie hält die Männer nicht für unselbständiger: "Sie haben es auch nicht  leichter zu Hause. Aber Männer haben die Zivildienst- oder Bundeswehrzeit, und das wird in solchen Daten nicht immer berücksichtigt."

Leser-Kommentare
  1. Vor nicht all zu langer Zeit war der Zusammenhalt der Familie noch etwas gutes. Generation haben ihr ganzes Laben in ein und dem selben Haushalt verbracht. Die Enkel kannten ihre Großeltern nicht nur vom 15-Minütigen Weihnachtsbesuch und man wurde nicht kurz nach dem Rentenantritt in ein Heim verfrachtet weil man Gesellschaftlich untragbar geworden ist. Heute bezeichnet man das also als "Nesthockerproblem" - na ist ja wunderbar.

  2. Was heißt hier 'Nesthockerproblem'?
    Ich sehe hier nicht wirklich ein Problem. Interessant auch, dass in einer Gesellschaft, die sich Individualismus und Entscheidungsfreiheit auf die Fahnen geschrieben hat, die (mehr oder minder freiwillige) Entscheidung, zuhause wohnen zu bleiben, nicht akzeptiert wird. Zudem wird hier eine Entwicklung kreiert, die neu zu sein scheint, doch ist das Privileg, während des jungen Erwachsenenalters nicht mehr bei den Eltern wohnen zu dürfen/müssen, an sich auch eine eher neue gesellschaftliche Entwicklung.
    Vor nicht allzu langer Zeit war es insbesondere im ländlichen Raum seit Urzeiten gang und gäbe, dass der Nachwuchs z.B. den Hof übernahm und bis zu diesem Zeitpunkt sich nicht den Luxus einer eigenen Loft anderenorts leistete. Vom Mehrgenerationenhaushalt ganz zu schweigen.
    Und wie war das noch bis zur "Kulturrevolution" '68? Unverheiratete Pärchen mit eigener Wohnung? Wohl eher selten.
    Es keimt mir der Verdacht (schon aus studentischer Erfahrung), dass derartige seit Jahren kursierende "Schreckensmeldungen" eher das Problem einer jungdynamischen und supermobilen Zunft von Autoren und Soziologen sind, die schon allein aus beruflichen Gründen dem Elternhaus den Rücken kehren mussten/wollten.

  3. Ein großes Kompliment an Frau Papastefanou. In der heutigen Zeit, in der es üblich ist, dass das männliche Geschlecht, sobald es irgendwo schlechter ist als das weibliche, als "defizitär" oder als "Auslaufmodell" zu bezeichnen (mit den entsprechenden Folgen für die Seelen der heranwachsenden Jungen), hat sie es sich nicht leicht gemacht und die obigen Argumente herangezogen, sondern hat daran erinnert, dass Männer vom Staat diskriminiert werden.
    Leider hat sie vergessen zu erwähnen, dass männliche Jugendliche und Jungen in der Schule diskriminiert werden, wie z. B. der Aktionsrat Bildung erst kürzlich festgestellt hat, indem sie schlechtere Noten bei gleichen Leistungen und weniger Gymnasialempfehlungen bei gleichen Noten erhalten (dies und die dadurch verminderte Motivation ist der wahre Grund dafür, dass es mehr Abiturientinnen als Abiturienten gibt). Daher müssen sie öfter eine Klasse wiederholen und sind häufiger arbeitslos (und können sich daher keinen Auszug leisten).

  4. "Weil sie sich mit den Eltern gut verstanden haben, haben sie ihr Geld lieber für Konsum und Freizeit genutzt als für die Selbstständigkeit. Rebellion wie in den 70er Jahren war nicht mehr notwendig. Das denke ich, stimmt heute nicht mehr."

    Doch. Ich bin 23 und wohne noch bei Mama. Aber weder aus rein finanziellen Gründen noch wegen mangelnder Selbstständigkeit sondern weil wir einfach gut miteinander auskommen und ich derzeit noch in Ausbildung bin, es bietet sich einfach an. Es ist eher so dass ich Hausfrau spiele und auch koche während meine Mutter alles stehen und liegen lässt und ich mir oft die Haare rauf wenn ich heim komme und erst einmal zum saubermachen anfangen muss. Das gehört halt zu unserer Vereinbarung dass ich keine Miete zahlen muss und dafür die Hausarbeiten erledige. Meine Mutter war schon immer alleinerziehend und schon immer berufstätig, ich kenn es gar nicht anders als auf mich gestellt zu sein im Alltag. Ich hab schon selbst meine Wäsche gewaschen als mir der vollgepackte Wäschekorb über den Kopf geragt ist und sich die Nachbarn gewundert haben was das für ein Wäschekorb mit Beinen ist.
    Es hat einfach keinen großen magischen Grund oder gar irgendwas pathologisches von wegen verzögerte Entwicklung. Warum wird alles was von der Norm abweicht immer gleich pathologisiert? Und warum weicht für die alt68er immer alles von Norm ab was anders ist als sie das selbst in jungen Jahren gemacht, gesagt und getan haben? Ich kann es nimer hören..

  5. Man sollte in der Analyse nicht vergessen, dass bei Hartz IV seit einiger Zeit die Mietkosten für Wohnungen für unter 25-Jährige nicht mehr übernommen werden. Die finanzielle Seite sollte man nicht unterschätzen.

    Der gesellschaftliche Trend kommt hinzu und ist an den Kommentaren vor meinen erkenntlich. Die Familie wird von Politik und Gesellschaft als Konzept stärker wertgeschätzt. Das geht solange gut, wie sich alle gut verstehen und ich habe das Gefühl, Kinder und Eltern gehen heutzutage wesentlich verständnis- und respektvoller miteinander als frühere Generationen. Schimpfen auf die 68er bringt da nicht weiter, wenn man sich die damalige Situation ansieht. Wenn Familie primär eine patriarchale Zwangsveranstaltung ist, in der ein autoritärer Vater seinen Kindern alles vorschreibt, dann ist Familie vor allem ein Hort von Psychosen. Man sucht sich seine Familie nicht aus. Der vielbeschworene Zusammenhalt war ein Aufrechterhalten von Gemeinschaft auf Kosten der beteiligten Individuen. Dieses Konzept war ja auch in größerer Dimension Trend in Deutschland.

    Solange alle Beteiligten sich gut mit dem gemeinsamen Leben arrangieren können, ist gegen "Nesthocker" auch nichts zu sagen. Aber manchmal sollten Kinder auch ihren Eltern den Gefallen tun und sich etwas abnabeln ;-)

  6. Eine freie Wahl gibt es praktisch nur in Skandinavien.Nur dort wird man auch
    sozialrechtlich als volljähriges Individuum gesehen.Insofern wirkt sich der
    Unterhaltsrückgriff insbesondere bei denjenigen mit mittleren Elterneinkommen
    und akzeptablen Wohnverhältnissen überproportional aus.Auch Prof Bertram
    sieht einen Einfluß von Auszugsalter auf Fertilität und Partnerwahlverhalten.Laut
    der letzten HIS Vergleichsstudie gibt die BRD je nach Elterneinkommen
    zwischen 500 und 600 Euro pro Monat während der Ausbildung aus.Dies ist deutlich mehr als z.B Finnland ausgibt.Hinzu kommen Studiengebühren,die auch
    zur Verdrängung auf dem Lehrstellenmarkt beitragen.Das Auszugsverbot
    für junge Erwachsene bis 25 ohne Perspektive steht im eklatanten Widerspruch
    zum Rechtsanspruch auf Aus und Weiterbildung,wie er z.B in Dänemark in
    Verbindung mit einem existenzsichernden Vollstipendium besteht.

    • Afsoen
    • 07.05.2009 um 22:02 Uhr

    Was in Deutschland bestenfalls mit einem mitleidigen Laecheln betrachtet wird, ist in anderen Laendern Gang und Gaebe. In vielen nordamerikanischen Grossstaedten koennen sich jugendliche Studenten die horrenden Studiengebuehren plus Miete einfach nicht leisten.

    Zusaetzlich stammen viele Jugendliche aus Kulturen, in denen das Zuhauseleben bis zur Ehe oder auch daruberhinaus vollkommen normal ist. Grosseltern und weitere Verwandte inklusive. Ich hoffe, dass meine eigenen noch kleinen Kinder nicht so schnell wie moeglich die Koffer packen und sich davonmachen.

    • Afsoen
    • 08.05.2009 um 16:25 Uhr

    Zuhauseleben ist nicht gleich Zuhauseleben. Natuerlich kann man sein Zuhause als "Hotel Mama" betrachten und sich auch noch als Vierzigjaehriger das Essen servieren und die Waesche waschen lassen.

    Es kann aber auch -und das erlebe ich taeglich vielfach- ein gleichberechtigtes Zusammenleben mehrerer Erwachsener sein, die sich Aufgaben und Kosten teilen. Kinder erwachsen und selbststaendig werden zu lassen bedeutet nicht zwangslaeufig, sich raeumlich von ihnen trennen zu muessen. Viel wichtiger ist meines Erachtens eine kontinuierliche Neuordnung von Pflichten, Rechten und Beziehungen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service