Alltagsgeschichten Das Salz in der Suppe

Woran erkennt der Fremde, dass er fremd ist in einem Land? Daran, dass er sich im Supermarkt nicht zurechtfindet

In einem Märchen fragt der König seine Töchter, wie sehr sie ihn lieben. Die Jüngste antwortet: "Wie das Salz in der Suppe." Der König ist erbost über diese Antwort und merkt erst nach Jahren, dass er der Prinzessin Unrecht getan hatte, als er sie verbannte. Man kommt nicht gut aus ohne Salz. Das ist eine Binsenweisheit, über die man sich heute keine Gedanken machen muss.

Ein Kolumbianer, nennen wir ihn Juan, übersiedelte vor einiger Zeit aus beruflichen Gründen nach Deutschland, ohne deutsch oder englisch zu können. Sprachen kann man lernen. Einkaufen muss man nicht lernen, das ist in seinem System international. Als Juan nach einigen Tagen in Deutschland in dem Apartment, das die Firma ihm zur Verfügung gestellt hatte, eine Suppe kochen wollte, ging er in den Supermarkt - und fand alles, was er brauchte. Bis auf das Salz.

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Reihe für Reihe ging er immer wieder die Regale ab, er wusste ja, dass es Salz geben musste, konnte es aber partout nicht finden. Nach fünf Minuten vergeblicher Suche war sein Ehrgeiz angestachelt, nach zehn Minuten zweifelte er an sich selbst, nach zwanzig Minuten war er nah dran, die Idee mit der Suppe wieder aufzugeben. Ohne Salz machte das keinen Sinn.

Da hörte er eine Mutter mit ihrer Tochter Spanisch sprechen und wandte sich voller Hoffnung an diese Frau. Kurz darauf hatte Juan eine kleine Kartonverpackung mit Salz in der Hand, das auch noch in der Regalreihe stand, wo er es vermutet hatte.

Allerdings nicht in einer Verpackung aus Pappe. Das gab es in Kolumbien nicht, dort verkauft man das Salz in Plastikbeuteln. Pappe würde nur dazu führen, dass es feucht wird und klumpt.

An jenem Tag hat sich Juan gefragt, ob er in Deutschland überleben würde. Heute kann er die Sprache und erzählt gerne die Geschichte, wie er damals auf der Suche nach Salz durch den Supermarkt lief.

Eine Geschichte darüber, wie fremd man in einer anderen Kultur sein und an den Dingen des Alltags scheitern kann. Und wie man die Welt um sich herum als logisch und folgerichtig empfindet, nur weil sie einem jeden Tag so und nicht anders begegnet. Alltag bestimmt unser Leben, aber das merken wir meist erst, wenn er aus irgendeinem Grund nicht funktioniert und man aus ihm herausgerissen wird.

Leser-Kommentare
  1. Stimmt haargenau.

    Als ich - als Westdeutsche - in den achtziger Jahren den ersten US-amerikanischen Supermarkt meines Lebens betrat, ("Jewel's"), war ich geradezu erschlagen: all diese Reihen mit Fertig-Nahrung, all diese Jumbo-Packungen, Regalmeter mit dem immergleichen pappigen Toastbrot, dieses aber von Dutzenden von Firmen hergestellt...

    Ich wollte eigentlich nur zwei drei Dinge kaufen - ich fand sie aber kaum, verbrachte eine Stunde in diesem Konsumtempel, in dem das Obst lackiert zu sein schien (und nach nichts schmeckte, wie sich später herausstellte); in dem das Fleisch unnatürlich rot war: und die Klimaanlage so hochgestellt, daß ich komplett durchfroren war, als ich den Supermarkt schließlich verließ.

    Ich muß mich sehr verdächtig benommen haben, denn draußen nahm mich ein Ladendetektiv in Empfang, der sichtbar mit einer Schußwaffe ausgestattet war. Eine Stunde Aufenthalt und nur so wenige Artikel in der braunen Papiertüte? Den Kassenbon hatte ich nicht eingesteckt, und so begann eine hochnotpeinliche Durchsuchung. Mein deutscher Reisepaß war nicht geeignet, das Mißtrauen zu beseitigen. Die Sache endete ergebnislos und gottlob ohne Hinzuziehung der noch weitaus martialischer auftretenden Polizei, zog sich aber hin.

    Ja, doch, mein erster Supermarktbesuch in den USA war ein hochkulturelles Ereignis.

  2. 2. Ebenso

    Ich lebte für einige Zeit in der ja nicht so weit entfernten Tschechischen Republik ohne je die Sprache gelernt zu haben. Frisch da brauchte ich unbedingt Kaffee für den ersten Morgen und zum Kaffee natürlich Filterpapier, Zucker usw. Rein in den Supermarkt und los gings. Kaffee, kein Problem, Milch, Zucker, alles kein Problem, aber wo ferflixt noch mal haben die die Filtertüten versteckt? Ich suche und suche und find nix. Dann denk ich schon, vielleicht haben die hier nur solche italienischen Kaffeemaschienen, und brauchen so Papierfilter nicht. Konnte aber auch nicht sein. Solche Maschienen gab es nirgends zu kaufen und in meiner Wohnung war ja so eine ferflixt normale Kaffeemaschiene für Filtertüten.
    Nach langem hin und her fand ich jemanden, dem ich mein Problem verständlich machen konnte, der schickte mich dann in die Elektroabteilung eines Kaufhauses. Dort, bei den Kaffeemaschienen, dort kann man Filtertüten kaufen,ist ja auch irgendwie logisch nur darauf war ich nicht gekommen.

    Gruß

    • omex
    • 07.05.2009 um 4:13 Uhr

    Ja, dieser Artikel beschreibt in seiner Kürze sehr treffend, wie uns Ausbrüche aus unserer Gewohnheit manche Dinge erst wieder ins Bewusstsein bringen. Wie oft war ich hier am Anfang in Mexiko City an der Supermarktkasse an diesen vielen lecker aussehenden Convenience-Artikeln vorbeigegangen!....Schokoladen, Kaugummi - und auch immer wieder diese kleinen Beutelchen mit den lecker aussehenden, roten, wie ich vermutete, Kirschen, die in ihrer eigenen leckeren Soße schwammen - immer kamen mir hier schwärmerisch die Erinnerungen an die Kindheit beim italienischen Eisladen hoch: zuckersüß eingelegte Maraschino-Kirschen mit einer ach so lecker rot tropfenden Soße auf der Schlagsahne!!!!......bis ich mir dann mal endlich eine dieser kleinen Tütchen gönnte, um sie auf dem Nachhauseweg beim Schleppen der Einkaufstaschen zu genießen - aufgerissen !!!! gleich schräg von oben über den Mund gehalten, um mit Schwung den Inhalt in den Mund zu bekommen (man will sich ja nicht bekleckern!) - in der verheißungsvollen Vorahnung auf den geschmacklichen Hochgenuss!!!!........buähh! nix da! das waren gepellte kleine saure Früchte wie Mini-Quitten, und die Soße eine salzige Brühe, die die Röte durch eine ordentliche und scharfe Portion von Chili-Pulver erhalten hatte! .....und auch wenn ich nun seitdem genügend Zeit gehabt habe, diese Dinger vielleicht auf Ihre Art lieben zu können - nee, da kriegt mein Verdauungstrakt diese 180-Wendung nun nicht mehr hin! Aber die Mexikaner kaufen alles, was diese rote Chamoy-Soße hat wie wild - ist für die hiesigen wie für uns deutsche das Eisschlecken im Park!

  3. Die Behauptung kann stimmen, sie enthaelt aber auch ein Paar Annahmen.

    Wer keinen Supermarkt kennt, wie passt er zur These? Hier in den USA gibt es viele Menschen, die immer nur heises Essen kaufen und zu Hause nicht kochen. Im Dorf meiner Vorfahren in Osteuropa gibt es keinen Supermarkt.

    Daraus folgend aber noch widerlicher ist die mitinbegriffene Bewertung die Kultur durch das Einkaufen und den Materialismus. Was es alles im Supermarkt zu kaufen gibt, das entscheidet die Vermarktungsabteilung eines Superunternehmens. Vielleicht gibt es Kulturen die hauptsaechlich daraus entstehen, aber die meisten Kulturen, und meine Kultur - obwohl ich nicht sehr genau mehr weiss ob sie schwaebisch, balkanisch oder einwandereramerikanisch sei - wird eher von der Sprache, der Musik, der Weltanschauung, der Familie, dem Essen, den Festtagen, der Geschichte, dem Umgang zwischen den Menschen, usw. bestimmt. Das Einkaufen, die Karriere, alle solche Erfahrungen, die sind unleugbare Bestandteile von uns, das gebe ich gerne zu, aber lieber so wenig wie moeglich.

    Im grossen und ganzen sind es die Supermaerkte und homogenisierte globale Verbrauchermonokultur die uns vor wahren Neuerfahrungen schuetzen. Hotels, Supermaerkte, die gibt es ueberall. Eine Hochzeit besuchen, mit oeffentlichem Verkehrsmittelfahren, mit einer einheimischen Familie uebernachten, sowas lehrt und laesst auch keinen Zweifel daran, das man fremd ist.

    Ich sehe deswegen ihren Vorschlag einem meiner sehr aehnlich: in jedem Land die Messe zu beobachten. Die katholische Messe folgt einem genauen Muster, und das eliminiert viele Variablen so dass alle Uebrigen bedeutsam sind. Aber nur die Messe zu beobachten, das waere Schade, und die wirklich anderen Kulturen (und Kulturteile), die keine Messe kennen, ueberblicken.

    http://yeitgeist.blogspot...

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