Berliner Theatertreffen Vom Glück, nicht mehr zu schreibenSeite 3/3
Und was halten Sie vom gegenwärtigen Theater?
Ich wollte immer wissen, wie Menschen ticken. Heute fragen sich viele Regisseure eher: Wie tickt der Raum, wie tickt dieses Video? Das Theater ist relativ menschenleer geworden, diese Menschenleere ödet mich an. Die ist aber sehr angesagt. Mein Theater ist ja sowieso ein Großvatertheater, das funktioniert noch als Volkstheater, ansonsten nicht mehr.
Haben Sie nicht das Gefühl, das politische Theater braucht Sie?
Ich brauche das Theater nicht mehr. Ich gehe gerne ins Theater, ich bin nicht stumpf geworden. Aber ich habe nicht mehr die Leidenschaft, sondern es ist ein professionelles Interesse. Wie eine Liebe, die erkaltet ist.
Kroetz als glücklicher Rentner: schwer vorstellbar.
In einer Gesellschaft, in der ein Walser jedes Jahr einen neuen Roman schreibt, wirklich gut, und der Grass jedes Jahr zwei, auch nicht schlecht, in der alle schreiben und schreiben – was ich schön finde und bewundernswert –, bin ich natürlich auf einem hoffnungslosen Trip, wenn ich sage: Es fehlt mir nicht, ich bin in diesem Punkt mit meinem Leben zufrieden. Ein Künstler darf ja nicht aufhören, der muss werkeln bis zum Schluss. Dann bin ich eben kein Künstler, dann war ich ein Selbstmörder.
An Feindbildern zumindest herrscht in Zeiten der Wirtschaftskrise doch kein Mangel.
Wir leben in einem kapitalistischen Nihilismus und bewegen uns auf ein Tohuwabohu zu, das heillos ist. Und mit so einem Befund kann man eigentlich gar nicht mehr schreiben. Da kann man höchstens noch in möglichst gutem Deutsch darüber schweigen.
Warum, glauben Sie, bleibt die große Wut aus?
Die Duldungsfähigkeit der Menschheit ist mir nach wie vor ein Rätsel. Auch dass die Leute Hartz IV so problemlos geschluckt haben, zum Beispiel. Wenn ich an die rot-grüne Bagage denke, die uns da regiert hat, könnte ich wirklich noch mal zum Berserker werden.
Das Gespräch führte Patrick Wildermann
- Datum 06.05.2009 - 14:43 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








dieser Kroetz - frei von der Leber weg und nachvollziehar. Gute Besserung, falls es was zu bessern gibt ansonsten: Weiter so und vielen Dank!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren