Türkischer Funk À-Go-Go am Bosporus

Schon mal von Türküola gehört oder vom silberzungenen Chamäleon Anatoliens? Sammler und DJs auf aller Welt sind infiziert vom türkischen Funkrock. Unser Autor auch

Selbst wer sich den ganzen Tag mit Musik beschäftigt, muss immer wieder staunen: 99 Prozent aller guten Musik scheint man zu verpassen. Auf der ganzen Welt tönt es, überall werden der Musik die Mikrofone entgegengestreckt, jegliche Ausformung des Klangs gibt es irgendwo auf Tonträgern oder in Dateiform. Das Zeitalter des Internets macht die Musikwelt viel leichter zugänglich – aber auch unübersichtlicher. Wer etwas Neues entdecken will, braucht den Hinweis. Und gute Musik sucht man nicht, man findet sie.

Offene Ohren sind sicher brauchbar, in diesem Fall sind es offene Augen, die dem Autor eine neue Dimension eröffnet haben. "16 schizoide Scheiben arabesken Funk Rocks, vom silberzungenen Chamäleon der elektrisch-anatolischen Pop-Bewegung" – der Satz prangt auf einer Schallplatte des britischen Labels Finders Keepers. "Das klingt ja viel versprechend, wie hört sich denn so was an?", will der Autor vom Plattenhändler wissen. "Keine Ahnung, ist türkisch, hab ich noch nicht reingehört. Sah aber irgendwie gut aus", sagt er.

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Die Silberzunge gehört dem Sänger Ersen Dinleten, die Musik spielt los, kurz darauf öffnet sich nach den Augen und den Ohren auch der Mund. Unerhört! Türkischer Funk aus den frühen Siebzigern, mit psychedelischem Einschlag. Synthesizer wabern gemächlich ins All, der Bass brummt, elektrische Gitarren flimmern, die Rhythmen schwingen. Rund wie gegeneinander versetzte Kreise, der orientalische Klang nicht so eckig wie der des Westens. Wahrhaft nichts wirkt angestrengt.

Die Instrumentierung ist ganz anders. So hört man neben den klassischen Instrumenten der Rockmusik auch die E-Saz, eine elektrifizierte Version des bekanntesten orientalischen Saiteninstruments. Die Musik hat Weite und Offenheit. Sie ist dabei so hybrid, erfüllt vom Osten, erfüllt vom Westen. Glockenklar der Gesang Ersen Dinletens – auch wenn man ihn nicht versteht, seiner Erzählung kann man folgen, denn er phrasiert so fein und gekonnt. Jetzt gibt es kein Halten mehr, jetzt heißt es: Eintauchen! "Gibt’s da noch mehr von?", will der Autor wissen. "Schau mal ins Fach von Finders Keepers, die haben eine ganze Serie, die nennen das Anatolian Invasion", sagt der Händler.

Leser-Kommentare
  1. nicht nur sammler und dj's haben die türkische (funk/rock-) musik entdeckt, auch einige hip hop produzenten abseits des mainstreams die diese werke benutzen um aus der festgefahrenen situation des genres zu entkommen und damit großartiges erschaffen. ich möchte hier als beispiel das album "dr. no's oxperiment" von oh no (dem bruder von madlib) anführen, auf dem einige solche stücke vorkommen. (http://www.lastfm.de/musi...)

  2. lieber red_riding_hood,

    danke sehr, ja das album von oh no ist sehr zu empfehlen, auch j dilla, der auf dem album »welcome to detroit« u.a. musik der mogollar benutzt. hab zu oh no mal was geschrieben, falls es interessiert:
    http://www.taz.de/1/leben...

    besten gruß aus hamburg

    sebastian reier

  3. München, 8.15 Uhr, die Augen noch halb geschlossen trommelt der Regen auf´s Dachfenster während ich gemütlich frühstücke. Und dann das! Eine unglaubliche Musik, danke für den Artikel. Das Grinsen werde ich wohl den ganzen Tag nicht mehr los...

    • lloop
    • 14.05.2009 um 12:30 Uhr

    Lieber Sebastian,

    geniale Musik, die Du da entdeckt hast. Danke für den Artikel, ich konnte mir Dich im Plattenladen sehr gut vorstellen... Yasasin muzik - ruhumun derinliklerine kadar! (oder so)
    Maxi

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