Alkoholwerbung Im Suff der Karibik
Schnapswerbung ist albern, aber verbieten muss man sie nicht. Will man den Alkoholmissbrauch einschränken, müssen die Kontrollen strenger sein. Ein Kommentar
Alkoholwerbung wirft Fragen auf. Zum Beispiel diese: Echt wahr, dass man sich mit Rumverschnitt wie in der Karibik fühlt? Macht Paris Hiltons güldene Puffbrause wirklich einen Star aus mir? Geht der Tag, wenn Johnny Walker kommt?
Und: Hat jemand diesen Quark jemals geglaubt?
Geht’s nach manchem Psychologen lautet die Antwort: ja! Die Jugendlichen! Eine neue Studie im Auftrag einer Krankenkasse hat einen Zusammenhang festgestellt zwischen Werbung und Alkoholkonsum bei Jugendlichen. Jeder Fünfte besaufe sich regelmäßig, heißt es im Drogenbericht der Bundesregierung. Was liege da näher, als Alkoholwerbung fürderhin zu verbieten. Nochmal: Jeder Fünfte! Man stelle sich vor.
Eine solche Forderung würde zum übertriebenen Gestus passen, mit dem in den vergangenen Wochen über den Zustand unserer Jugend geschrieben und geredet wurde. Nach den Gruselgeschichten mancher Zeitung kam rasch der Eindruck auf, die heute Pubertierenden seien eine Horde von Degenerierten, die den ganzen Tag vor ihren Computern killerspielen, im Internet verblöden, sich ins Nirwana trinken und zu Tokio Hotel ins Wohnzimmer kotzen. Menschen, die man vor sich selbst schützen müsse. Am besten mit Verboten.
Nachdem über Jugendgewalt und Computerspiele ausreichend ergebnislos verhandelt wurde, wäre es nur folgerichtig, eine weitere Medienscheindebatte zum Schutz Minderjähriger zu führen. Diesmal: die Auswirkung der Werbung. Diese trüge nämlich zum positiven Bild von Alkohol bei, heißt es in der Studie. Man könnte einwenden, wie kontraproduktiv es wäre, würde Werbung kein positives Bild des beworbenen Produktes erzeugen. Jedoch, kein Spot, kein Plakat wirbt mit dem Slogan: "Liebe Kinder, sauft das, bis der Arzt kommt!" Oder eben der Suchtexperte.
Ein Verbot wird nicht verhindern, dass Jugendliche bisweilen ihren Verstand in der Flasche verlieren. Sie werden einzig etwas länger vor dem Schnapsregal stehen, weil sie nicht sofort wissen, was sie kaufen sollen. Doch kaufen werden sie! Das liegt auch an der sozialen Verlockung. Ob man es will oder nicht – Alkohol ist hierzulande Teil eines Initiationsrituals. Ein Stück Erwachsenwerden. Wofür Werbeagenturen nichts können, das reicht bis weit vor ihre Zeit. In den Augen der Verbotsfreunde wäre wohl auch Lessings An den Wein jugendgefährdende Verherrlichung:
"Wein, wenn ich jetzo an dich denke / wenn ich als Jüngling an dich denke / sollst du mich in allen Sachen / Dreist und klug, beherzt und weise / Mir zum Nutz und dir zum Preise / Kurz, zu einem Alten machen."
Soweit Gotthold Ephraim. Den muss man also auch verbieten. Und wenn wir schon dabei sind: Verbieten wir gleich alle Trinklieder! Streichen wir sie aus Goethes gesammelten Werken, weg mit Novalis und Matthias Claudius. Schmeißen wir alle Bücher Charles Bukowskis aus den Handlungen, denn, puh, was wird da gesoffen! Und denken Sie an Rabelais’ Gargantua und Pantagruel – eine einzige Verherrlichung des Suffs. Überhaupt, die Franzosen. Charles Baudelaire forderte gar: "Berauscht euch mit Wein, mit Versen oder mit Tugend." Verbieten und abermals verbieten!
Doch anstatt etwas Abstraktem wie Werbung die Schuld zu geben, sollte man konkret werden. So wäre es besser, nach dem offenbaren Mangel an autonomer Entscheidungsfähigkeit zu fragen. Nach Vorbildern, die nicht von Werbeplakaten lächeln, sondern daheim auf dem Sofa sitzen. Die Werbung ist nicht Teil des Problems, sie zeigt nur ein Symptom: Denn wer wirklich dem Heilsversprechen eines Wodkamischgetränks erliegt, hat tiefgreifendere Probleme als sporadischen Alkoholmissbrauch.
Es wäre eine Alibidiskussion. Der vernünftige Weg wären striktere Alterskontrollen. Im Verkauf und Ausschank. Und falls das nicht hilft, bleibt nur die Hoffnung auf jugendliche Einsicht: Dass sich kein Kater anfühlt wie Karibikurlaub.
- Datum 13.05.2009 - 18:56 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Wrbung für Alkohol und andere Gesundheitschädigende Produkte die die Folgekosten sozialiseren?
Sofern man überzeugt ist dies weiterhin zulassen zu müssen, sollte in letzter Konsequenz auch soweit gegangen werden das die Produzenten solcher Produkte auch an den Kosten für die Kollateralschäden beteiligt werden...
Es geht ja wohl nicht an das auch hier wieder die Profite exklusiv den Aktionären zugetragen werden und die Folgekosten der Allgemeinheit überlassen werden...
;-)
“When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara
Sehr geehrter Morgenrot,
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Mit freundlichen Grüßen,
Johannes Kuhn, Redaktion ZEIT ONLINE
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