Orchester-PopAvantgarde im Kometennebel

Wo Pop auf Jazz und Neue Musik trifft, verschwimmen die Genregrenzen: Mit seinem Debütalbum dringt das Andromeda Mega Express Orchestra vor in ungeahnte Gebiete von Kolja Reichert

Aufstellung unter der Discokugel. Das 20-köpfige Andromeda Mega Express Orchestra (vorne rechts mit Saxofon: der Komponist Daniel Glatzel) versteht sich als Band

Aufstellung unter der Discokugel. Das 20-köpfige Andromeda Mega Express Orchestra (vorne rechts mit Saxofon: der Komponist Daniel Glatzel) versteht sich als Band  |  © Indigo

Das Weltall, unendliche Weiten. Eine fiebrig drängende Geigenmelodie beamt sich aus dem Nichts, kommt aufsteigend näher, tanzt erregte Pirouetten. Ein Posaunenstoß, das Schlagzeug setzt galoppierend ein und das Schiff hebt ab zum Flug ins Ungewisse. Galaxien drehen sich, Kometennebel umspielen den Rumpf. Da – ein euphorisches Streichersignal. Alle Mann auf die Kommandobrücke!

Was für ein Name. Was für ein Aufwand. Die Musik des Andromeda Mega Express Orchestra ist ein motorischer Kraftakt, eine irre Verausgabung an Luft und Fingerarbeit. Und sie erinnert an Zukunftsvisionen aus einer Zeit, als die Zukunft noch aus Blech und Dampf war. Man denkt an Denny Elfmans fantastische Filmsoundtracks, auch der futuristische Free Jazz des Sun Ra Arkestra lässt grüßen – wären die vielen Stimmen nicht in die Disziplin klassischer Orchestermusik eingespannt. Take Off! heißt das Debüt der vielköpfigen Formation, mit dem es jetzt auf Deutschlandtour geht. Hier wird gerade erst abgehoben. Von dieser Raumschiffbesatzung ist noch einiges zu erwarten.

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Dem schwarzen Propheten Sun Ra war der Weltraum eine Metapher für das gelobte Land. Auch der Komponist Daniel Glatzel begreift Musik als Transportmittel, erzählt er während des Frühstücks beim Italiener in Berlin. Wohin fliegt es? "Zu Zuständen wie..." Er zögert: darf man das Wort verwenden? – "Wahrhaftigkeit."

Der 25-Jährige gibt den Kapitän. Er schreibt die Stücke, plant die Auftritte, spielt Saxofon und Klarinette, und wenn er eine Hand frei hat, dirigiert er auch. Daniel Glatzel geht vor wie ein Forscher: Allein die richtige Aufstellung zu finden, dauerte Monate. Inzwischen sitzt er in der Mitte eines Halbkreises aus Streichern und Bläsern, hinter ihm die Schlagwerkabteilung. Tatsächlich: eine Kommandobrücke.

Zwanzig Musiker aus den verschiedensten Zusammenhängen, Klassikkünstler und Jazzer bunt gemischt, kaum jemand über dreißig – schon die Terminplanung erweist sich immer wieder als utopisches Vorhaben. Zu Auftritten reist man aus Berlin, Flensburg, Augsburg und der Schweiz an. Fänden sich nicht immer wieder Geldgeber und mutige Veranstalter: Das Projekt würde schon an der Logistik scheitern.

Musik um der Musik willen hat mich nie interessiert", sagt Glatzel. "Kunst ist immer eine Reflektion über die ganze Gesellschaft." Auftritte, etwa im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie, wurden begeistert aufgenommen. Eine Tour mit der Indierock-Band The Notwist, mit der sich das Orchester den Schlagzeuger teilt, erweiterte den Hörerkreis. Im Herbst ging es nach Korea, wo man zwei Wochen in einem rosafarbenen Tourbus mit Plüschsitzen, Discokugel und Karaokeanlage verbrachte. Die Flüge zahlte ein Sponsor, bei den Auftritten halfen Kontakte von Glatzels Mutter, einer koreanischstämmigen Opernsängerin. Die hatte Daniel schon im Kleinkindalter ans Klavier gesetzt. "Das half wenig", sagt er heute, "ich war zu faul." Er hatte schon immer ein Gespür dafür, was die Mühe lohnt und was nicht.

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