Orchester-Pop Avantgarde im KometennebelSeite 2/2

Glatzels Leiterrolle bei Andromeda ergab sich aus der Not. "Man kann nicht alles demokratisch regeln", sagt er. Dabei spricht er so behutsam, als würde er die Worte irgendwo in der Luft über dem Saftglas ablesen. Man glaubt sofort, dass seine Führung nicht auf Dominanz aufbaut, sondern auf Vertrauen. Manchmal genügt es schon, der Mannschaft die Angst zu nehmen: etwa den klassischen Musikern zu erklären, dass es nicht um die richtigen Noten geht, sondern um das gemeinsame Gefühl. Auch wenn sie der Form nach ein Kammerorchester sind, versteht man sich als Band. Aber erst neulich erfuhr der Komponist, dass ein Geiger Transvestitenshows veranstaltet.

Das Komponieren ist Glatzel inzwischen wichtiger als das Saxofonspiel. Er ist fasziniert von der Synästhetik, die Filmsoundtracks stecke. "Wenn Bild und Musik ihre Kraft bewahren, entsteht eine dritte Ebene. Das hat Stanley Kubrick immer geschafft." Nur in diesem Sinn ist die Musik von Andromeda, die nie zur glatten Opulenz eines Hollywood-Soundtracks gerinnt, Filmmusik: Sie wirft den inneren Projektor an.

Glatzels Einflüsse sind vielfältig. Statt Jazz zu hören, erweitert er seinen Horizont mit Peaches oder Sufjan Stevens. "Ich möchte immer Fremdkörper um mich rum haben, etwas, das ich nicht verstehe." Wie Anton Webern, der ihn zu den zerbrechlichen, zitternden Streichersätzen in Lava Lovers inspirierte, die hier allerdings auf einen warmen Chachacha-Rhythmus treffen. Minutenlang kann Glatzel von der amerikanischen Cartoon-Serie Ren & Stimpy schwärmen, von den virtuosen, auch mal absichtlich schlechten Zeichnungen, von gezielter Verwirrung.

Am Ende von Take Off! versammeln sich die Instrumente zu einem kosmischen Raunen und Zwitschern wie von schlaftrunkenen Armaturen, als schwebe das Raumschiff im Traum dahin. Jede Stimme hat einen letzten leisen Auftritt. "An Duke Ellington fand ich immer super, dass man zugleich jeden Musiker einzeln hört und das Kollektiv als Ganzes", beschreibt Daniel Glatzel sein Ideal.

Mission geglückt. Statt den Hörer zu überwältigen, wird er mitgenommen dorthin, wo die Grenzen der Genres verschwimmen. In der Neuen Musik stecke mehr Freiheit als im Free Jazz, fand Pierre Boulez. Andromeda packt noch die Codes des Pop mit ein. "Wenn wir nur feinfühlig genug rangehen", sagt Glatzel, "können wir in ungeahnte Gebiete vordringen."

"Take Off!" ist bei Alien Transistor erschienen (Indigo)

Das Andromeda Mega Express Orchester auf Tour: 13. Mai, Berlin; 15. Mai, Penzberg; 18. Mai, Basel; 19. Mai, Augsburg; 20. Mai, München; 222. Mai, Dresden; 23. Mai, Leipzig; 5. Juli, Salzau; 14. August, Köln


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