Fotografie

Erotisch weich

Der Sinn, 1992, Sammlung des Fotografen Tono Stano  |  © Tono Stano/Museum of Decorative Arts in Prague

Ihre Gesichter sind beschmutzt, kahl geschoren die Schädel. Mit bloßen Händen müssen sie die Straßen neu pflastern, auf denen sich während des Prager Aufstandes im Mai 1945 die Barrikaden türmten. Diese Aufnahmen des Prager Fotografen Svatopluk Sova wurden in tschechischen Illustrierten nie veröffentlicht. Zu deutlich sieht man jene Soldaten, die mit der Waffe in der Hand die Demütigung der deutschen Frauen überwachen. Es sind ähnlich bedrückende Bilder wie die von Henri Cartier-Bresson, der Kollaborateurinnen in Frankreich fotografierte.

Mit etwa 450 Arbeiten von knapp 210 Fotografen zeigt die Bonner Kunsthalle gerade einen hervorragenden Überblick über die tschechische Fotografie des vorigen Jahrhunderts (bis zum 26. Juli). Zu sehen ist eine Reihe von Aktaufnahmen Frantisek Drtikols, des jungen, aufstrebenden und infolge einer Kriegsverletzung auf einem Auge blinden Fotografen. Sie bilden neben den abstrakten Stillleben von Jaromír Funke und den erotischen Kompositionen des Theoretikers Karel Teige die Höhepunkte der Ausstellung. Aus Prager Museen sind beeindruckende Originalabzüge nach Bonn gekommen, einige wurden hierzulande nie zuvor gezeigt. Funkes und Teiges Collagetechniken lassen sich so direkt vergleichen.

Vor allem weiche, fließende Formen prägen die tschechische Fotografie bis in die 1980er Jahre. Das Brutale und Scharfe findet sich nur gelegentlich in der sozialkritischen Fotografie. Nach dem Zweiten Weltkrieg flüchtete man sich ins Private, Josef Sudek zum Beispiel schaute aus seinem Fenster und fotografierte den Zyklus Erinnerungen.

Spätestens nach der Revolution 1989 sagte die Fotografie dem Schwarz-Weiß Adieu und wurde farbig. Die Öffnung machte die einst graue Wirklichkeit bunter; jene Fotografen hingegen, die in ihren schwarz-weißen Bildern unzählige Tonalitäten zu erwecken wussten, sind seltener geworden.

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