Kein Lächeln. Auch nicht, als die Kamera auslöst. Selma Heldenmuth schaut zu Boden. Ihr Mann Alfred fixiert mit seinem Blick ernst den Fotografen. Der Schatten seiner Hutkrempe fällt auf seine Augen. Tochter Lilo schaut missmutig aus ihrem Kinderwagen über die Reling der Bordleiter. Die Anspannung ist verständlich: Der steile, schmale Steg bedeutet für die Familie den vielleicht letztmöglichen Weg in die Freiheit.

Es ist der Nachmittag des 13. Mai 1939. In wenigen Stunden wird die MS St. Louis in Hamburg ablegen. Das Ziel: Havanna. An Bord sind 937 jüdische Flüchtlinge aus Deutschland. Dass ihre Odyssee nicht in Kuba enden wird, ahnt niemand von ihnen, als das Schiff den Hafen verlässt. Die Kapelle am Kai vor dem Schuppen 76 spielt "Muss i denn zum Städtele hinaus", als die Leinen eingezogen werden. Viele an Bord weinen. Sie verlassen ihre Heimat. Aber in der Heimat bestehen bereits sechs Konzentrationslager, weitere werden noch kommen. Über den Dächern der Stadt wehen zahllose Hakenkreuzfahnen.

Kuba. Angesichts der Umstände muss der Ländername in den Ohren der Passagiere einen besonders guten Klang haben. Die Regierung dort hat sich bereit erklärt, den Flüchtlingen aus Deutschland Asyl zu gewähren, bis sie in die USA weiterreisen können. Ein halbes Jahr nach der Pogromnacht erscheint diese Möglichkeit vielen Juden als sichere Rettung. Auch Alfred Heldenmuth müssen die Erinnerungen an den 9. November 1938 noch schmerzen. Er war Viehhändler im sauerländischen Plettenberg – in Folge des Pogroms war der Weltkriegsveteran dann zu Häftling 11460 im Konzentrationslager Sachsenhausen geworden. Erst Anfang Dezember 1938 kommt er wieder frei. Er und Selma beschließen, das Land zu verlassen – auch ihrer Tochter Lilo zuliebe, die erst im Juni 1938 zur Welt gekommen ist. Bereits seit Oktober prangt ein rotes "J" in den Pässen der Familie.

Am 9. Mai 1939 erhält die Familie die Nachricht, dass sich die Hoffnung auf eine Ausreise mit der MS St. Louis erfüllt. Zwei Tage später soll sie sich am Vormittag in Hamburg einfinden. Die Heldenmuths lassen in Plettenberg ihr gesamtes Leben zurück. Das selbst gebaute Haus hat das Ehepaar erst vor wenigen Jahren bezogen. Sie haben Freunde und Bekannte in der Stadt. Eine moderne Waschmaschine und eine elektrische Wringe erleichtern ihren Haushalt. Alfred fährt sogar einen echten "Adler" - das erste Auto mit einer frei tragenden Karosserie. Auf das Schiff dürfen sie nur 20 Reichsmark mitnehmen.

Bis zum Pogrom hatte Alfred Heldenmuth noch geglaubt, die Nazis würden ihn in Ruhe lassen, wenn er seine Arbeit aufgibt. Dabei mussten seine Mutter und die Familie seines Bruders Ludwig bereits 1936 nach Südafrika flüchten. Alfred jedoch hat 1937 die USA besucht und einen schlechten Eindruck gewonnen. Die Armut der jüdischen Flüchtlinge in den Vereinigten Staaten hat ihn abgeschreckt. Er hofft, dass sein Dienst für die kaiserliche Armee, seine schwere Verwundung an der russischen Front ihn und seine Familie schützen. Aber das ist falsch. Nach seiner Internierung sieht er in der MS St. Louis die letzte Chance. Denn fast alle Länder lassen keine jüdischen Flüchtlinge ins Land.