Parteien Freie Wahl des Schussfelds durch das Volk!

Die Europawahl naht, der Bürger muss sich entscheiden. Vielfalt ist angesagt in Europa, und bei der nächsten Wahl gibt es vielleicht sogar eine Paintball-Partei! Eine Glosse

Gäbe es politische Parteien nicht längst, müssten wir sie dringend erfinden, denn damit lassen sich die tollsten Sachen machen. Klar: Das Modell der Einheitspartei hat sich aus bekannten Gründen längst erledigt, dafür liegt die – wie soll man sagen? – Vielheitspartei enorm im Trend. Allein die Belange der älteren Generation werden bei der Europawahl gleich von drei Parteien vertreten; es treten Esoteriker, Trotzkisten und einfache Quatschköpfe an, deren Ziel es ist, Europa noch esoterischer, trotzkistischer bzw. dusseliger zu machen, als es ohnehin schon ist.

Die nächste neue Partei kommt für Europa zu spät, aber sie kommt angeblich bald und eröffnet dem Parteienwesen neue Perspektiven: die Paintball-Partei. Ihr alleiniges Ziel ist es, dem seltsamen Sport des Herumschießens mit Farbpatronen im Wald gewissermaßen grundgesetzlichen Rang zu geben und damit das drohende Verbot zu unterlaufen. Kommt es doch, ist der weitere Weg der Paintballer vorgezeichnet: Verfassungsgericht, Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, intergalaktische Föderation, Bezirksamt Reinickendorf, wer weiß.

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Nun ist es eine Sache, eine Partei zu gründen, und eine andere, ihr ein programmatisches Gesicht zu geben. Die Armen reich machen und die Reichen arm – das hat die Linkspartei schon besetzt. Für Fahrräder mit Windantrieb setzen sich die Grünen stark, für und gegen Gentechnik ist die CDU, da bleibt wenig für die Neuen.

Vielleicht das hier? Freie Wahl des Schussfelds durch das Volk! Farbpatronenzuschuss zusätzlich zu Hartz IV! Paintballbeauftragte im Rathaus! Für die Erhöhung des Frauenanteils unter den Farbschützen müssen sich die Gender-Beauftragten stark machen, am nächsten 1. Mai werden die Kreuzberger Autonomen mit schwarzen Patronen in die Schlacht ziehen, ja, man wird generell sagen können, dass uns ein Paintball-Jahrzehnt heraufdämmert, und das nur, weil diese Beschäftigung so leichtfertig verboten werden sollte.

Dies wird den Stil des Parlamentarismus verändern. „Herr Präsident, gestatten sie einen Zwischenschuss des Paintball-Abgeordneten Müller?“ Gesetze werden nicht mehr durch Abstimmung beschlossen, sondern durch Feuergefechte mit anschließender Auszählung der Farbkleckse, Bundeskanzler wird, wer als Letzter ungetroffen bleibt.

Der Parlamentarismus wird dadurch spontaner, zeitgemäßer. Und Paintball an der Macht ist immer noch besser als eine trotzkistische Regierung.

 
Leser-Kommentare
    • Daaje
    • 12.05.2009 um 14:51 Uhr
    1. Nett

    Der Artikel war hübsch zu lesen und kurzweilig: Den Finger in der Wunde, wie Ernst Jandel, den Blick gnadenlos auf die Realität verhaftet wie Franz Kafka, Max Goldts analytische Präzision gemischt mit Brechts Liebe zur Subtilität, dennoch in der spielerischen Leichtfüßigkeit eines Wolfgang Borcherts gefasst. Ein gewagter prosaischer Entwurf, den ich so im Kontext des Journalismus nicht erwartet hätte.

    Der Artikel ist - gewollt oder nicht gewollt - ein perfektes Portrait der politischen und gesellschaftlichen Zusammenhangs- und Ziellosigkeit. Er hat mich - ohne Ironie - berührt und betrübt.

  1. Wenn wirklich eine Paintball-Partei kommt, werde ich die sicherlich wählen, angesichts des Paintball-Verbotes. Das halte ich für einen "politischen Amoklauf".

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