"Wir müssen nun dahin wirken, dass die Gleichberechtigung in der Praxis bis zur letzten Konsequenz durchgeführt wird", schreibt eine junge Frau 1920. Die 24-Jährige will die Stellung der Frau in der Gesellschaft verbessern. Sie vertritt Ideen, die heute selbstverständlich sind, damals aber vor allem den Männern noch revolutionär erschienen. Erst mehr als ein Vierteljahrhundert später, als 1948 und 1949 das Grundgesetz formuliert wurde, sorgte Elisabeth Selbert dafür, dass die Gleichstellung zumindest dem Grundrecht nach verwirklicht wurde.

Sie selber erkämpfte zunächst für sich selbst die Gleichberechtigung – dann für alle Frauen in Deutschland. Selbert wird am 22. September 1896 in Kassel in einfachen Verhältnissen geboren. Sie besucht die Volks- und die Handelsschule. Ihren Traum, Lehrerin zu werden, kann ihr der Vater, ein Justizbeamter, nicht erfüllen. Für eine akademische Ausbildung hat ihre Familie kein Geld.

Elisabeth Selbert arbeitet daher als Korrespondentin für eine ausländische Firma, verliert die Anstellung und wird in verschiedenen Unternehmen im Büro tätig. Zum Ende des Ersten Weltkrieges lernt sie den Sozialdemokraten Adam Selbert kennen. Er bringt sie der SPD näher, Elisabeth Selberts politische Karriere beginnt.

1920 heiratet sie den Buchbinder, der Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrats ist. Zunächst schlug sie den Weg der meisten Frauen in der Weimarer Republik ein: Sie führt den Haushalt, bringt zwei Kinder zur Welt und unterstützt ihren Mann.

Doch Elisabeth Selbert will mehr. Sie macht das Abitur und studiert anschließend in Göttingen und Marburg Jura. Unter den rund 300 Studenten gibt es nur fünf Frauen. 1930 schließt sie ihr Studium mit der Promotion ab, der Titel ihrer Doktorarbeit lautet: "Ehezerrüttung als Scheidungsgrund". Ihre Vorschläge zur Gleichstellung der Frau im Scheidungsfall finden erst 40 Jahre später Gehör.

Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergreifen, ergeht es der sozialdemokratischen Familie schlecht. Adam Selbert wird von den Nazis eingesperrt. Nach der Haft findet er keine Arbeit mehr, Elisabeth Selbert ernährt nun die Familie. Sie arbeitet seit 1934 in Kassel als Rechtsanwältin – sie bekommt ihre Zulassung kurz bevor die Nazis den Berufszugang für Frauen verbieten.

Nach dem Krieg macht Selbert in der Politik Karriere. Sie wird in den hessischen Landtag gewählt und vertritt ihre Partei 1948 im Parlamentarischen Rat, der im Auftrag der westlichen Besatzungsmächte eine Verfassung für Westdeutschland ausarbeiten soll. In dem Gremium sitzen 61 Männer und 4 Frauen. Die SPD in Hessen will die unbequeme Frau zunächst nicht entsenden, doch Selbert setzt sich mit Unterstützung von Parteichef Kurt Schuhmacher durch.

Als sie mit den anderen Mitgliedern des Parlamentarischen Rates die Arbeit beginnt, gibt es die Gleichberechtigung lediglich auf dem Papier. Noch immer bestimmt der Ehemann die Erziehung der Kinder, die Frau darf ein Bankkonto nur mit Genehmigung des Gatten eröffnen und nur mit seiner Erlaubnis arbeiten gehen.

Im Parlamentarischen Rat kämpft sie für die Gleichberechtigung der Frau und steht einer scheinbar unbezwingbaren Front gegenüber. Für manchen Konservativen ist die Vorherrschaft des Mannes gottgewollt. Aber auch mancher Sozialdemokrat fürchtet, dass die totale Gleichberechtigung im Chaos enden könnte.

Dabei sind es die Trümmerfrauen, die die zerbombten Städte wieder aufbauen. Doch eine Gleichstellung lehnen viele Männer ab.