ZEIT ONLINE: Herr Becker, Ihnen wird in Berlin der Schiller-Ring verliehen. Was verbindet Sie mit Friedrich Schiller?

Jürgen Becker: Das zu erfahren, war für mich überraschend, und es hat mich natürlich verlegen gemacht. Denn mein Verhältnis zu Schiller ist sehr distanziert. Ich habe ihn eigentlich nach den Schuljahren nicht mehr gelesen. Aber nun wird der Preis ja nicht wegen eines besonderen Verhältnisses verliehen, das man zu Schiller hat...

ZEIT ONLINE: Viele Ihrer Gedichte sind polyphon und wirken spontan geschrieben, man könnte deshalb vermuten, dass Ihre Texte sozusagen mitten im pulsierenden Alltag entstehen…

Becker: Ich brauche zum Schreiben einen ruhigen Ort. All das, was Sie Polyphonie nennen oder dieser riesige Assoziationsraum, in dem man sich befindet, dafür muss man sich nicht von der Stelle bewegen. Das findet alles in der Bewusstseinslandschaft im Kopf statt.

ZEIT ONLINE: An Stoff fehlt es Ihnen in unserem Informationszeitalter sicherlich nicht.

Becker: Ich kann nicht aus der Fülle dessen, was ich täglich höre und sehe, sofort etwas herausnehmen und schaffen. Ich muss meine Sucht, Informationen zu bekommen, erst vergessen. Wenn die Informationen weg sind, bleibt erst mal eine große innere Leere. Das ist der Moment, in dem ich anfangen kann zu schreiben.

ZEIT ONLINE: In einem Ihrer Gedichte findet sich der Satz "Nie hört die Nachkriegszeit auf." Sind Sie ein Schreiber der deutschen Nachkriegsgeschichte?

Becker: Nein, ich bin sicher kein systematischer Chronist dieser Zeit. Ich bin schlicht ein Zeitgenosse, der von all den Erfahrungen lebt, die das Kind in und nach dem Krieg gemacht hat. Diese Erfahrungen sind alle in ein großes Gedächtnisrepertoire eingegangen.

ZEIT ONLINE: In welcher literarischen Tradition sehen Sie sich?

Becker: Ich bin relativ traditionslos, habe mir am Anfang meine eigenen Traditionen gebildet. Meine beiden Antipoden waren hier Rilke, dort Benn, von denen ich gleichermaßen beeinflusst war. Ich bin ein Kind der Moderne, dessen Anfänge auch darin liegen. Das sind surrealistische oder dadaistische Tendenzen, die mich erreicht haben. Die Prosa von Kurt Schwitters fand ich ganz faszinierend.