Im Mai 1944 versuchten die Obergefreiten Friedrich Rath und Friedrich Winking, drei jüdische Familien in einem Wehrmachts-Lkw von Ungarn nach Rumänien zu schmuggeln. Doch die Aktion ging schief. Rath und Winking wurden denunziert, als Kriegsverräter verurteilt und erschossen. Kriegsverrat war ihr Verhalten in den Augen der NS-Militärrichter, weil jeder geflohene Jude einen "willkommenen Zuwachs der feindlichen Macht" bilde, wie es in dem Urteil hieß.

Auch der Stabsarzt der Reserve, Adalbert von Springer, ein österreichischer Sozialdemokrat, wurde als Kriegsverräter verurteilt und hingerichtet. Sein Vergehen: Er hatte pazifistische Flugschriften verfasst. Dem 24-jährigen Josef Baumann wurde zum Verhängnis, dass er die Gründung eines illegale Soldatenrates in seiner Truppe nicht zur Anzeige brachte. Auch er starb unter dem Fallbeil.

"Die Urteile, die wegen Kriegsverrats gefällt wurden, sind ganz heterogen", sagt der Historiker Wolfram Wette, der diese Fälle recherchiert hat. Alle möglichen Unbotmäßigkeiten seien darunter gefasst worden. Laut der NS-Fassung des Paragrafen 57 im Militärstrafgesetz wurde zum Tode verurteilt, wer als Soldat dem Land Schaden zufügte oder dem Feind einen Vorteil verschaffte. Das ließ den Richtern viel Spielraum.

Wette hat alle noch erhaltenen und bekannten 63 Urteile gelesen. Auf einen schweren Fall von Landesverrat ist er dabei nicht ein einziges Mal gestoßen. Die Konsequenz steht für ihn deshalb fest: "Diese Urteile müssen pauschal aufgehoben werden." Das sei der Rechtsstaat den Opfern von einst schuldig. Und nicht zuletzt gehe es um die Angehörigen, die vielfach noch immer mit dem Gefühl lebten, einen Verbrecher in der Familie gehabt zu haben.

Mit seiner Ansicht ist Wette nicht allein. Eine breite Mehrheit im Bundestags sieht dies ganz ähnlich. Schon 2006 hat die Linksfraktion einen Gesetzentwurf in das Parlament eingebracht, mittlerweile wird das Anliegen einer Rehabilitierung nicht nur von den Grünen, sondern auch von der SPD unterstützt. Nur in der Union dominieren noch immer die Vorbehalte.

Am Mittwoch wurde das Thema erneut von der Tagesordnung des Rechtsausschusses abgesetzt. Zuvor waren Gespräche zwischen Union und SPD gescheitert, sich auf ein gemeinsames Vorgehen festzulegen. Dies erstaunt umso mehr, als ausgerechnet CDU-Verteidigungsminister Franz Josef Jung vor wenigen Tagen Einlenken signalisierte.

Von seiner Seite aus gebe es keine Vorbehalte gegen die Rehabilitierung der Kriegsverräter, schrieb er an Justizministerin Brigitte Zypries (SPD). Diese hatte ein neues Gutachten in Auftrag gegeben. In diesem stellte der ehemalige Verfassungsrichter und CDU-Mann Hans Hugo Klein fest, dass der Paragraf zum Kriegsverrat, so wie ihn die Nationalsozialisten formuliert hatten, mit rechtsstaatlichen Grundsätzen nicht zu vereinbaren sei.