Life Tracking

Feldforschung über sich selbst

Um im Leben Sinn zu finden, kann man seltsame Dinge tun. Oder die Banalitäten aufschreiben, die jeden Tag so geschehen – Life Tracking heißt das dann und hat viele Fans

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Ein Leben in Zahlen - der Feltron Annual Report

Nicholas Feltron, 31 Jahre alt, Grafiker aus New York, hat im vergangenen Jahr 573 alkoholische Getränke getrunken, 333.817 Songs in iTunes gehört und war vier Tage krank. Er hat elf Kleidungsstücke gekauft, sieben Mal seine Wohnung geputzt und 1486 Fotos gemacht. 28 Prozent der Mahlzeiten, die er gemeinsam mit anderen Menschen aß, selbst gekocht. Diese und viele andere Daten über sein Leben hat Nicholas Feltron auf seiner Website veröffentlicht. Dort steht auch sein Feltron Annual Report, der Jahresabschlussbericht der Kleinigkeiten eines einzelnen Lebens.

"Ich begann, meine Aktivitäten zu dokumentieren, als ich mich selbständig gemacht habe und meine Arbeitsstunden für meine Kunden aufschreiben musste, um sie abzurechnen", sagt Feltron. Irgendwann hielt er nicht nur seine Arbeitszeiten fest, sondern auch seine sozialen Aktivitäten und seine Reisen. Anfang 2006 veröffentlichte er den ersten Annual Report. "Als ich bemerkte, dass das Interesse an den Berichten stieg, fing ich an, meine Aktivitäten intensiver und detaillierter festzuhalten, um ihn interessanter zu machen."

Und der Feltron Annual Report weckt Interesse. Was ist das für ein Mensch, der den New Yorker liest, im vergangenen Jahr acht Mal im Museum war und im Jahr 2006 vier Pflanzen (einen Kaktus, zwei Bambusse, eine Erdbeere) erfolgreich vernachlässigt hat? Wie sieht der Durchschnittstag, den er im Bericht von 2007 als Tortendiagramm darstellt, tatsächlich aus? Welche Geschichte verbirgt sich hinter "1 burglar confronted", einem Einbrecher gegenüber gestanden, aus dem Jahr 2007 und wie schmeckt wohl eingelegter Seegurkendarm, die "bizarrste Mahlzeit" des gleichen Jahres?

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"Die Leute, die meine Reports lesen, interessieren sich sowohl für die Daten als auch für das Design", sagt Feltron. Er verpackt seine Lebensstatistik nach allen Regeln der Wirtschaftsberichtekunst: Diagramme, Zeitreihen, Tabellen. "Ich glaube, dass sie ein ähnliches Dokument auch gerne für sich selbst hätten."

Mit seiner Annahme liegt Feltron wohl richtig: sogenannte Life-Tracking-Dienste, in denen es im weitesten Sinn um die Dokumentation kleiner, oft banal anmutender Lebensdetails geht, boomen. Angespornt durch das Microblogging-Angebot Twitter, wo Millionen Nutzer ständig die Frage "Was tust du gerade?" beantworten, sind Status-Meldungen im Netz zum Standard geworden. Mehr als 21 Millionen Menschen beispielsweise erstellen durch das Hören von Musik bei last.fm Profile ihres Musikgeschmacks – Informationen, die wiederum Dienste wie Lastgraph grafisch aufbereiten.

Bei Twitter und last.fm ist die Masse der gesammelten Datenhäppchen noch ein Nebeneffekt. Inzwischen aber gibt es eine Vielzahl neuer Websites, bei denen es ausschließlich darum geht, die Splitter des Lebens zu bunten Puzzles zu sortieren.

Kein Bereich wird ausgelassen. Auf Yawnlog kann die eigene Schlafhygiene kontrolliert werden, Fitday verspricht das Abnehmen durch Mahlzeiten-Tracking, und der Dokumentation von Häufigkeit, Dauer und Qualität sexueller Aktivitäten nimmt sich bedposted an. War die Aktivität erfolgreich, können frisch gebackene Eltern sämtliche Beobachtungen ihres Babys mit TrixieTracker dokumentieren. Memiary bietet fünf Zeilen für Notizen zum Tag. Mycrocosm überlässt es den Usern, welche Daten gesammelt und wie sie dargestellt werden. Das tut auch Daytum, die sowohl technisch als auch visuell beste Life-Tracking-Seite. Mitbegründer von Daytum: Nicholas Feltron.

Woher kommt das Bedürfnis, Lebensdaten im Netz zu dokumentieren? Ist es eine Ausprägung der menschlichen Sammelleidenschaft? Für Christine Nowak, Kuratorin der Ausstellung "@bsolut privat!? Vom Tagebuch zum Weblog", die zur Zeit im Museum für Kommunikation in Berlin zu sehen ist, sind Life Tracker klassische Tagebuchautoren. "Es kommt darauf an, wie man Tagebuch definiert", sagt sie. "Ein Tagebuch kann natürlich eine therapeutische Ich-Erzählung sein, die sehr lang und sehr tiefgehend ist. Ein Tagebuch  kann aber auch aus scheinbar banalen Fakten bestehen. Solche Tagebücher finden wir nicht nur im Netz, sondern auch auf Papier."

Ein Beispiel ist Exponat der Ausstellung: zwei Dutzend Sparkassen-Terminkalender, in denen ein unbekannter Autor nur eine Art von Daten aufgeschrieben hat – das Mittagessen des jeweiligen Tages. "An einem solchen kargen Datengerüst kann man zusätzliche Erinnerungen anknüpfen, die man nicht aufschreiben muss", sagt Nowak.

Nicholas Feltron sieht noch einen weiteren Nutzen. "Diese Online-Tools ermöglichen Nutzern Selbstfindung, ohne mehr als ein paar Minuten Zeit am Tag in Anspruch zu nehmen." Er selbst sei zum Beispiel immer wieder schockiert, wenn er bemerke, dass er in jedem Jahr weniger Konzerte besuche. Für ihn mache jedoch vor allem die Gesamtheit der Daten den Reiz des Projekts aus. "Es ist eine kunstvolle Darstellung von Banalitäten."

Als Tagebuch im klassischen Sinn sieht Feltron seinen Annual Report nicht. "Für mich ist es eher ein Versuch, aus meinem eigenen Leben Inhalte zu generieren, und daher am ehesten mit einem Reisebericht zu vergleichen." Feldforschung über sich selbst.

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Leser-Kommentare

  1. Wen juckts, was irgendein Typ gestern zu Mittag hatte?

    Salus Publica Suprema Lex

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Na wen wohl?   Cienfuegos

    Die Frage hat eine einfache Antwort. Der Typ selber. Ich halte ein elektronisches Tagebuch für mindestens interessant, zumal ich eh schneller und leserlicher tippe als ich schreiben kann. Dazu kommt, dass es sich übersichtlicher gestalten lässt.
    Das schöne ist daran ja gerade, dass man sich nicht nur darüber informieren kann, was man gestern gegessen hat, sondern wie oft man über das Jahr was gegessen hat. Man muss sich natürlich auf einer gewissen Ebene für sich selbst interessieren, aber das kann ja durchaus der Fall sein.

    Die Frage, wen´s außer dem Schreibenden juckt kann ich aber auch nicht beantworten. Aber es gibt anscheinend Leute die sogarfür eine solche Lektüre ihre Freizeit verwenden.

  2. Die Frage hat eine einfache Antwort. Der Typ selber. Ich halte ein elektronisches Tagebuch für mindestens interessant, zumal ich eh schneller und leserlicher tippe als ich schreiben kann. Dazu kommt, dass es sich übersichtlicher gestalten lässt.
    Das schöne ist daran ja gerade, dass man sich nicht nur darüber informieren kann, was man gestern gegessen hat, sondern wie oft man über das Jahr was gegessen hat. Man muss sich natürlich auf einer gewissen Ebene für sich selbst interessieren, aber das kann ja durchaus der Fall sein.

    Die Frage, wen´s außer dem Schreibenden juckt kann ich aber auch nicht beantworten. Aber es gibt anscheinend Leute die sogarfür eine solche Lektüre ihre Freizeit verwenden.

    Antwort auf "Ich spreche es aus"
  3. Man kann Alltagsdinge auch mit einem Handy zählen. Dazu habe ich eine kostenlose Software entwickelt: den Handylearn Counter.
    Es überrascht mich immer wieder, wofür die Leute es verwenden:
    Farben der Ratten, Anzahl der "Ähms" in einem Seminar, yogische Mantras, Anrufer und Störungen im Büro...
    Viele der Nutzer kommen aus Russland und in China.

    Das ist manchmal sogar echte Lebenshilfe:
    Einige nutzen es, um persönliche Probleme wie Depressionsanfälle aufzuzeichnen. So etwas aufzuzeichen ist ein erster Schritt, die Kontrolle darüber zu erhalten.

    Die Software gibt es, wie gesagt kostenlos, unter http://handylearn-project...

    Viele Grüße

    Karsten Meier

  4. Einen Vorteil sehe ich darin um sich die Details des Lebens vielleicht ein wenig bewusster zu machen. Das zugänglich für andere zu machen ist nicht schlecht und macht vielleicht auch mal klar, das wir eben alle mit kleinen Dingen zu tun haben. Wie oft fragt man sich denn auch was andere so tun? Diese Form lässt dann vieleicht auch mal ein spektakulär anmutendes Leben ganz normal erscheinen. Vorausgesetzt der Autor schmückt die Daten nicht der Aufmerksamkeit halber aus.

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