Mehr als 70.000 Menschen haben inzwischen die Onlinepetition gegen Internetsperren unterzeichnet. Im Vergleich zu anderen Petitionen des Bundestages ist das eine Flut des Protestes. Woher kommt sie? Allein von politischer Verdrossenheit?

"Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren" – mit diesem Slogan kämpften die heute sogenannten 68er gegen die Borniertheit ihrer Väter und Großväter, gegen überkommene Einstellungen und starre Haltungen. Die Welt, in der sie damals lebten, hatte sich fundamental gewandelt und unterschied sich radikal von der ihrer Eltern. Die nachkommende Generation forderte, dass sich nun auch das Weltbild der Regierenden wandele.

Wer den Lesern von ZEIT ONLINE zuhört, die hier diskutieren und ihre Meinungen äußern, kann das Gefühl bekommen, dass ein solcher Wandel gerade wieder stattfindet. Wieder ist es die nachkommende Generation, die sich nicht mehr ausreichend vertreten fühlt, die fordert, auch ihre Haltungen und Interessen müssten sich in der Politik widerspiegeln. Wobei Generation sich nicht über Alter definiert, sondern über eben dieses Interesse an dem technischen Instrument Internet.

"Nein, ich fühle mich von unserer Politik nicht repräsentiert", schreibt das Community-Mitglied Jess87. "Die Themen, die uns interessieren, die gibt es nicht (in der Politik, Anm. d. R.). Und wenn doch, dann nimmt man unsere Meinung nicht Ernst. Ich finde es schade, dass ich immer wieder das Gefühl habe, dass wir aus der Politik ausgeschlossen werden."

Das Gefühl scheinen viele zu haben. Immer wieder ist es Thema. Und der Kondensationspunkt, an dem aus diesem Gefühl für die meisten Gewissheit wird, ist die politische Debatte um Internetsperren und die Versuche, das Medium Internet zu kontrollieren.

Es gehe nicht allein um die Sperrung von Inhalten, schreibt ein Nutzer mit dem Pseudonym o_O. Es gehe darum, "dass die bezweckten Maßnahmen ein absolutes Armutszeugnis für das technische Verständnis der regierenden Politiker darstellen". Es gehe darum, dass damit jeder Internetnutzer "als potentieller Kinderporno-Konsument unter Generalverdacht gestellt werden darf". Darum, dass sich viele kriminalisiert fühlen, wie Abu Zoff beispielsweise, der meint: "Herzliche Grüße von einem zukünftigen Berufsverbrecher (da Internetnutzer)."

Es geht vor allem, so scheint es, um einen Konflikt zwischen denen, die das Internet als "ihr" Kommunikationsmedium betrachten, ja als ihren Lebensraum – und jenen, die es vor allem für eine Bedrohung der bisherigen Ordnung oder für ein Machtinstrument halten.