Alltagsgeschichten Unser Vibrationshintergrund

Was Migranten und Vibratoren gemeinsam haben

Vibrierende Migranten. Vibrationshintergrund ist ein gutes Wort

Vibrierende Migranten. Vibrationshintergrund ist ein gutes Wort

Auch ich habe, wie wahrscheinlich alle Kinder, Worte so verstanden, wie sie nicht gesagt wurden. Lange Zeit dachte ich, es heißt Zivilgarage und habe mir immer eine Garage voller Polizisten ohne Uniform vorgestellt.

Meine Tochter Şiir hat in der Schule ein Wort gehört, unter dem sie sich nichts vorstellen konnte. Papa, sagte sie, die Lehrerin meinte, wir haben einen Vibrationshintergrund, was ist das?

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Ich erzählte ihr, dass sie sich verhört hatte, versuchte zu erklären, was die Lehrerin mit dem Wort sagen wollte und da ich schon dabei war, gab es auch noch eine Lektion in Zivilgarage. Als Şiir dann ungeduldig wurde, wegen der vielen Worte, schickte ich sie Hausaufgaben machen und dachte über den Vibrationshintergrund nach.

Es ist ein gutes Wort, viel besser als Zivilgarage.  Migranten und Vibratoren haben mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick meinen könnte.  Vibratoren werden meistens vor den Blicken der Öffentlichkeit versteckt, in Schubladen, in der hinteren Ecke des Schrankes, im Geheimfach des Schminkkoffers. Migranten wohnen auch oft versteckt, in Gegenden mit billigen Mieten, in den Ecken der Großstädte, die normalerweise selten ins Bewusstsein dringen.

Es sei denn, dort passiert etwas. Wenn ein Migrant im Ghetto sichtbar wird, weil er kriminell geworden ist, dann sind gleich diese Worte im Raum: Ehrenmord, Machogesellschaft, Zwangsheirat, mangelnde Integration.

Wenn der Vibrator sichtbar wird, der Zollbeamte ihn auf den Tisch legt, Mutter oder Ehemann ihn entdecken, sind da auch Worte, wenn auch vielleicht nicht ausgesprochen: Perversion, Ausschweifung, Treulosigkeit, Nymphomanie.

Den Vibrator holt man hervor, wenn man eine Lust befriedigen möchte.  Den Migranten holt man hervor, wenn man eine befriedigende Erklärung braucht für Missstände, die man unmöglich selber mitverschuldet haben kann.

Sobald die Befriedigung eingetreten ist, verschwindet beides wieder, in Schublade oder Ghetto, bis zum nächsten Mal.  Moral, Religion oder Sexualfeindlichkeit ändern nichts an den Kräften, die zur Vibration führen.  Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung oder gar Gewalt ändern nichts an den Kräften, die zur Migration führen.

Şiir hat schon richtig gehört, wir haben einen Vibrationshintergrund.

 
Leser-Kommentare
    • BIG_T
    • 14.05.2009 um 10:18 Uhr

    schönen Namen für Ihre Tochter ausgesucht. Der kommt bei mir auf die Liste!

  1. Selim Özdogan sagt uns Deutschen durch die Blume, dass Migration etwas mit Sexualität zu tun hat. Und obwohl wir Deutschen doch schon lange, seit 68, gewohnt sind, frei und ohne Tabus über Sexualität zu reden, gibt er uns durch seinen Vergleich mit dem Vibrator, den wir verstecken, weil er uns peinlich ist, zu verstehen, dass da doch Tabus im Spiel sind, dass wir da lieber etwas in einem dunklen Winkel lassen, weil wir uns dafür schämen.

    Was hat nun Migration mit der Sexualität von uns Deutschen zu tun? Und warum hat es einen für uns peinlichen Aspekt?

    Fragen wir nach den Kräften, den Faktoren, die zu Migration führen. Es sind mehrere. Einer davon ist der Geburtenrückgang der Migranten aufnehmenden Nation. Hätten wir genug Kinder, würden wir kaum Einwanderer ins Land lassen, ja sogar systematisch anwerben. Aber über unsere Armut an Kindern als Ursache reden wir nicht gerne, weil es uns peinlich ist. Die Einwanderer mit ihren vielen Kindern benutzen wir als Ersatz für unsere fehlende Zeugungstüchtigkeit, als Vibrator. Selim Özdogan trifft einen wunden Punkt.

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    • wfd
    • 15.05.2009 um 12:56 Uhr

    "Kinderarmut" Dieser Begriff ist einer der vielen Kampfbegriffe, die verwendet werden, um die Migration zu rechtfertigen. Er ist ein zwar politisch korrekter aber sachlich falscher Begriff, eine der vielen Nebelkerzen in dieser Debatte. Wenn jemand behauptet, es fehlen Kinder, dann ist eigentlich die Nachfrage gemeint, die die Kinder und späteren Erwachsenen im neoliberalen Wirtschaftssystem ausüben sollen. Es geht also in Wirklichkeit um die Nachfrage. Diese kann auf vielerlei Arten angeregt werden, u.a. durch eine höhere Zahl von inländischen Nachfragern. Andere Methoden wäre zum Beispiel, Nachfrager auf anderen Märkten zu suchen, also Export von Waren und Dienstleistungen. Ein wichtiger Punkt ist aber, dass die Binnennachfrage auch mit wenigen Nachfragern belebt werden kann, wenn diese wenigen Nachfrager in die Lage versetzt werden, mehr Waren und Dienstleistungen nachzufragen, also wenn sie mehr Kaufkraft besitzen. Wie kann dies geschehen? Indem man zum Beispiel den Vermögenden, die all ihr vieles Geld gar nicht sinnvoll ausgeben können, es stattdessen horten und somit der Nachfrage entziehen, Kaufkraft wegnimmt, sprich höhere Steuern für Reiche, und sie auf die Ärmeren verteilt. Diese könnten dann vielleicht mal gute Lebensmittel und Schuhe einkaufen und nicht immer nur zu Lidl, Aldi; Deichmann & Co. gehen. Aber ein Umverteiung stinkt natürlich nach Sozialismus. Dann schon lieber mehr Kinder durch Immigration. Was stört die Wirtschaftbosse die sozialen Spätfolgen? Wenn's bei uns zu unruhig wird, dann ziehen die Heuschrecken mit all ihrem Geld ins nächste Land.

    Die Mär von der Kinderarmut ist mithin nichts weiter als eine neoliberale Volksverblödung. Wer sich dieses Begriffes bewusst bedient, outet sich - wie unser aller Guido - als Apologet von Hayek, Friedmann und Co. und als Speichellecher der Mächtigen und Reichen.

    • wfd
    • 15.05.2009 um 12:56 Uhr

    "Kinderarmut" Dieser Begriff ist einer der vielen Kampfbegriffe, die verwendet werden, um die Migration zu rechtfertigen. Er ist ein zwar politisch korrekter aber sachlich falscher Begriff, eine der vielen Nebelkerzen in dieser Debatte. Wenn jemand behauptet, es fehlen Kinder, dann ist eigentlich die Nachfrage gemeint, die die Kinder und späteren Erwachsenen im neoliberalen Wirtschaftssystem ausüben sollen. Es geht also in Wirklichkeit um die Nachfrage. Diese kann auf vielerlei Arten angeregt werden, u.a. durch eine höhere Zahl von inländischen Nachfragern. Andere Methoden wäre zum Beispiel, Nachfrager auf anderen Märkten zu suchen, also Export von Waren und Dienstleistungen. Ein wichtiger Punkt ist aber, dass die Binnennachfrage auch mit wenigen Nachfragern belebt werden kann, wenn diese wenigen Nachfrager in die Lage versetzt werden, mehr Waren und Dienstleistungen nachzufragen, also wenn sie mehr Kaufkraft besitzen. Wie kann dies geschehen? Indem man zum Beispiel den Vermögenden, die all ihr vieles Geld gar nicht sinnvoll ausgeben können, es stattdessen horten und somit der Nachfrage entziehen, Kaufkraft wegnimmt, sprich höhere Steuern für Reiche, und sie auf die Ärmeren verteilt. Diese könnten dann vielleicht mal gute Lebensmittel und Schuhe einkaufen und nicht immer nur zu Lidl, Aldi; Deichmann & Co. gehen. Aber ein Umverteiung stinkt natürlich nach Sozialismus. Dann schon lieber mehr Kinder durch Immigration. Was stört die Wirtschaftbosse die sozialen Spätfolgen? Wenn's bei uns zu unruhig wird, dann ziehen die Heuschrecken mit all ihrem Geld ins nächste Land.

    Die Mär von der Kinderarmut ist mithin nichts weiter als eine neoliberale Volksverblödung. Wer sich dieses Begriffes bewusst bedient, outet sich - wie unser aller Guido - als Apologet von Hayek, Friedmann und Co. und als Speichellecher der Mächtigen und Reichen.

  2. Tja, was fällt mir da ein?

    1) Dem Vibrator ist egal, wie mit ihm umgegangen wird. Wollte ich hier so richtig für Stimmung sorgen, würde ich ergänzen, dass dem Vibratorhersteller allerdings an einem hohen Verschleiß gelegen ist. Andererseits natürlich auch an der Akzeptanz.

    2) Der Vibrator will nicht nur, sondern kann auch nichts für die Änderung seiner Situation tun. Die 68er, die Problemlöser, waren nicht die Problemverursacher. Die haben nicht dezent den Finger gehoben, und die Problemverursacher gefragt, ob sie vielleicht was an der Situation ändern wollen. Das wäre ja auch unsinnig gewesen.

    • keox
    • 14.05.2009 um 17:46 Uhr

    unaufgeregt, erhellend, mit einem kreativen Blick auf den Alltag.

    cok güzel

  3. 5. Ebenso

    Prima, Selim.

    Mehr davon, ZEIT

    aj

    • mina.p
    • 15.05.2009 um 10:59 Uhr

    herrlicher artikel - die intergrationsbeauftragte sucht ja auch nach einem neuen begriff in sachen migrationshintergrund...das wäre doch ein vorschlag mit viel humor!

    • wfd
    • 15.05.2009 um 12:56 Uhr

    "Kinderarmut" Dieser Begriff ist einer der vielen Kampfbegriffe, die verwendet werden, um die Migration zu rechtfertigen. Er ist ein zwar politisch korrekter aber sachlich falscher Begriff, eine der vielen Nebelkerzen in dieser Debatte. Wenn jemand behauptet, es fehlen Kinder, dann ist eigentlich die Nachfrage gemeint, die die Kinder und späteren Erwachsenen im neoliberalen Wirtschaftssystem ausüben sollen. Es geht also in Wirklichkeit um die Nachfrage. Diese kann auf vielerlei Arten angeregt werden, u.a. durch eine höhere Zahl von inländischen Nachfragern. Andere Methoden wäre zum Beispiel, Nachfrager auf anderen Märkten zu suchen, also Export von Waren und Dienstleistungen. Ein wichtiger Punkt ist aber, dass die Binnennachfrage auch mit wenigen Nachfragern belebt werden kann, wenn diese wenigen Nachfrager in die Lage versetzt werden, mehr Waren und Dienstleistungen nachzufragen, also wenn sie mehr Kaufkraft besitzen. Wie kann dies geschehen? Indem man zum Beispiel den Vermögenden, die all ihr vieles Geld gar nicht sinnvoll ausgeben können, es stattdessen horten und somit der Nachfrage entziehen, Kaufkraft wegnimmt, sprich höhere Steuern für Reiche, und sie auf die Ärmeren verteilt. Diese könnten dann vielleicht mal gute Lebensmittel und Schuhe einkaufen und nicht immer nur zu Lidl, Aldi; Deichmann & Co. gehen. Aber ein Umverteiung stinkt natürlich nach Sozialismus. Dann schon lieber mehr Kinder durch Immigration. Was stört die Wirtschaftbosse die sozialen Spätfolgen? Wenn's bei uns zu unruhig wird, dann ziehen die Heuschrecken mit all ihrem Geld ins nächste Land.

    Die Mär von der Kinderarmut ist mithin nichts weiter als eine neoliberale Volksverblödung. Wer sich dieses Begriffes bewusst bedient, outet sich - wie unser aller Guido - als Apologet von Hayek, Friedmann und Co. und als Speichellecher der Mächtigen und Reichen.

    Antwort auf "Migration und Sex"
  4. 8. genial

    Super, gibt man Vibrationshintergrund ein, so erscheint an erster Stelle in der Suchmaschine dieser Artikel von Selim. ...und gestern hat er noch davon bericht! Ein sehr netter Kerl übrigens;)

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  • Quelle ZEIT ONLINE
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