ZEIT ONLINE: Herr Dürr, Papst Benedikt XVI. ist vor allem in den Nahen Osten gekommen, um für Frieden zu beten. Setzen Sie Hoffnungen in seinen Besuch?

Georg Dürr: Es gibt keine andere Gegend in der Welt, in der so viel über Frieden geredet wird, und in der es so wenig Frieden gibt. Es wäre schön, wenn sein Gebet helfen würde.

ZEIT ONLINE: Heute Vormittag ist der Papst von Jerusalem nach Bethlehem gefahren und hat die Mauer passiert, die Israel einen Schutzwall gegen Terror nennt. Was bedeutet die Mauer für Sie und Ihre Schüler?

Dürr: Die Mauer zwischen uns und Israel, die nur 50 Meter von unserer Schule entfernt verläuft, ist teils mehr als zehn Meter hoch. Wir versuchen, die Schüler innerlich von der Mauer wegzuholen, damit sie nicht über die Beschränkungen nachdenken, sondern über die Möglichkeiten, die wir selbst entwickeln können. Leider will Israel jegliche Kommunikation unterbinden. Dabei ist es dringend nötig, dass die Menschen auf beiden Seiten der Mauer sich überhaupt mal kennen lernen. Damit sie merken: Das sind ja freundliche Leute. Leider nehmen die Menschen hier hinter der Mauer in Palästina die Israelis nur noch als Soldaten wahr, als Besatzungsmacht. Sie erleben nahezu täglich, dass die Soldaten willkürlich eindringen und Leute verhaften. So lernen sie keine friedliebenden Israelis kennen.

ZEIT ONLINE: Wie wirkt sich die Mauer auf das praktische tägliche Leben hier aus?

Dürr: Die Mauer lässt in vielen Ortschaften keine Ausdehnungsmöglichkeit mehr zu. Die Menschen hier haben das Gefühl, in einem Gefängnis zu leben. Egal, in welche Richtung sie die Stadt verlassen, müssen sie durch Checkpoints. Wenn ich zu einer zweistündigen Sitzung ins 20 Kilometer entfernte Ramallah fahre, muss ich einen ganzen Tag einrechnen. Ich habe schon Stunden an Kontrollpunkten gewartet. Die jungen Männer und Frauen aus der Region Bethlehem haben kaum noch die Chance, junge Leute aus Ramallah zu treffen, obwohl das so nahe liegt.

ZEIT ONLINE: Das heißt, die Palästinenser hier sind praktisch eingesperrt?

Dürr: Wenn ich einen Schüler frage, was es für ihn bedeutet, nach Israel zu gehen, so sagt er, es heiße für ihn, für einen Moment aus dem Gefängnis zu kommen. Israel bedeutet für sie Freiheit, viele wünschten sich eine bessere Ausbildung an einer der israelischen Universitäten, doch sie bekommen dafür von Israel keine Studienerlaubnis. Das ist für viele tragisch. Israel vergibt sich damit eine Chance. Denn nur eine höhere Bildung hilft uns insgesamt in dieser Misere weiter.

ZEIT ONLINE: Europäische Kirchenmänner, die seit langem in der Region leben, sagen, Israel trete die Menschenrechte der Palästinenser mit Füßen. Haben sie Recht?

Dürr: Viele erleben das sicher so. Wenn zum Beispiel ein Schüler die Erlaubnis hat, nach Jerusalem zu fahren, kann es sein, dass er dennoch nicht reinkommt. Die Art und Weise, wie ein Palästinenser die Hose runterlassen muss, weil er auf Sprengstoff untersucht wird, das kann sehr entwürdigend sein.

ZEIT ONLINE: Der Papst hat gefordert, dass alle Juden, Christen und Muslime freien und uneingeschränkten Zugang zu den heiligen Stätten haben sollen. Israels Präsident Schimon Peres unterstützte dieses Anliegen und er sagt, dies sei bereits jetzt gewährleistet.

Dürr: Für unsere Schule in Palästina verschärft sich die Lage täglich. Wir können immer weniger Schulausflüge machen, die Möglichkeiten für Exkursionen werden immer weiter eingeschränkt. Wollten wir etwa vor einem Jahr zu Lern- und Studienzwecken ins nahe Jerusalem, brauchten die Schüler ab 16 Jahren einen Berechtigungsschein von den israelischen Behörden; heute brauchen sie ihn schon ab 13. Und sie oder die Lehrer bekommen ihn nicht immer. Schon oft mussten Fahrten deshalb abgesagt werden.

ZEIT ONLINE: Richtet sich das Militär nicht nach dem, was die Regierung vorgibt?

Dürr: Wir hatten gerade erst Schulausflüge mit einem Großteil unserer gut 800 Kinder nach Israel geplant, um die heiligen Stätten zu besichtigen. Wir hatten sogar von verschiedenen Institutionen Einladungen vorliegen. Letzten Endes aber hat das israelische Militär gesagt: "Pro Tag lassen wir nicht mehr als einen Bus raus." Egal, was Politiker sagen - das Militär hat das letzte Wort.

ZEIT ONLINE: Wie sieht es mit der Durchlässigkeit der Grenze für Israelis aus?

Dürr: Auch die Israelis dürfen nicht durch die Mauer. Sie bräuchten dazu eine Genehmigung, die sie in der Regel nicht bekommen. Israel fürchtet, seine Bürger könnten in den Palästinensergebieten gekidnappt werden. Auch israelische Schulkinder dürfen nicht zu uns kommen. Schulen in Israel dürfen mit Schulen in Palästina nicht kooperieren.

Das Gespräch führte Alexander Schwabe