Die Gastgeber sind enttäuscht. In Israel ist die Rede des Papstes in Jad Vashem auf scharfe Kritik gestoßen. Avner Shalev, Direktor der Holocoaust-Gedenkstätte, wunderte sich: Der Papst sei doch ein menschliches Wesen, da müsse er doch über seine persönlichen Erfahrungen im Dritten Reich reden und "Nazis und Deutsche" viel "stärker verurteilen". Überlebende des Holocausts waren verärgert: Sie nannten Benedikts Rede "lauwarm".

Juden in aller Welt hatten sehr konkrete Vorstellungen davon, worüber der Papst während seines Besuchs reden sollte. Gewünscht waren erstens Worte über den Holocaust-Negierer Richard Williamson, einer von vier Bischöfen der abtrünnigen Pius-Bruderschaft, die der Papst zurück in die Kirche holen wollte. Zweitens erhofften sie sich eine Erklärung zur Zulassung einer Karfreitagsliturgie, in der gebetet wird, die Juden sollen Jesus Christus als ihren Heiland erkennen, damit sie gerettet werden. Und drittens verlangten sie einen Hinweis zur möglichen Seligsprechung von Pius XII., des Papstes, der nach Ansicht seiner Kritiker zu wenig gegen den Massenmord an den Juden getan hat.

Nichts davon erwähnte Benedikt in seiner Rede, die von Meinungsmachern, aber auch Angehörigen des Vatikans bereits im Vorfeld als diejenige ausgemacht wurde, die über Wohl und Wehe von Benedikts Pontifikat entscheiden würde. Die Kritiker des päpstlichen Auftritts in Jad Vashem – und seiner Person insgesamt – sehen sich nun zusätzlich bestätigt, legte Benedikt in der "Halle der Erinnerung" in Jad Vashem in der Tat keinen großen Auftritt hin. Er nahm sich nur eine halbe Stunde Zeit, um der Schoah zu gedenken. Der Begegnung mit sechs Überlebenden haftete Alibihaftes an. Sein Vortrag in Englisch war – wieder einmal – so, dass die Qualität des Inhalts die Adressaten nur mangelhaft erreichte. Auch wirkte Benedikt angespannt und nervös. Starr und etwas verloren stand er da, wie eingeigelt, wohl um die Wucht der Geschichte von sich abzuhalten. So wirkte die Feier wie abgespult.

Und trotz aller Einwände und offensichtlicher Mängel: Es war eine exzellente Rede, Benedikt at it's best: als Theologe und Philosoph. Nicht als Politiker, nicht als Darsteller. Man muss hinzufügen: nicht als Deutscher, sondern als Papst.

Statt Worte zu machen, lieferte er Reflexionen über den Begriff des Namens, gemäß der Benennung des Mahnmals (Jad: Erinnerung, Shem: Name). Unweit der "Halle der Erinnerung" ist das "Denkmal für die Kinder". In dem unterirdischen Raum, in dem totale Finsternis herrscht, wird an die 1,5 Millionen jüdischen Kinder gedacht, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. In der Dunkelheit werden Kerzen so reflektiert, dass ein Sternenhimmel entsteht. Wie aus dem Nichts werden die Namen der Kinder gerufen, ihr Alter und der Geburtsort, sie hallen durchs All - unendlich.

Das meint der Papst, wenn er über die sechs Millionen Opfer der Schoah sagt: "Sie haben ihr Leben verloren, doch sie werden nie ihre Namen verlieren." Der Name hat unendliche Bedeutung, weil er für die Person steht und das Individuum allererst konstituiert. Er allein hat Bestand, weil er für das Unverwechselbare, das Einmalige steht, für die Würde jedes Einzelnen.