Singapur Wohlstand gegen Gehorsam
Kaum ein Land hat so von der Globalisierung profitiert wie Singapur. Um so härter trifft es die Wirtschaftskrise. Doch die strenge Regierung des Stadtstaates könnte am Ende gestärkt aus ihr hervorgehen
Jede Stadt hat ihren Rhythmus. Manche schlafen, andere schlendern, Singapur rennt. Draußen auf dem Meer ziehen Containerschiffe vorbei, ein nicht abreißender Strom, Tag und Nacht. In der Stadt hasten Menschen vorüber, jeder Hautfarbe und Religion, eines aber scheint sie zu verbinden. Keiner, der nachlässig gekleidet wäre, fast keiner, der um ein Almosen betteln würde.
Nichts in dieser Stadt scheint zufällig an seinen Platz geraten zu sein, alles ist geplant, eine steingewordene Designerphantasie. Am einen Ende die Fassaden des Finanzbezirks, dahinter, daneben, darunter unzählige Kaufhäuser, Konsum-Planeten, die einen verschlucken und für Stunden nicht mehr hergeben. Es ist, als wäre der Kreislauf des Geldes beschleunigt, weil in dem Stadtstaat kein Feld und kein Dorf ist, das ihn bremsen könnte. Arbeiten, konsumieren, konsumieren, arbeiten.
So lautete zumindest bis vor kurzem die Erfolgsgeschichte Singapurs. Kein Land gilt laut einer soeben veröffentlichten Studie der Washingtoner Information Technology and Innovation Foundation als innovativer und wettbewerbsfähiger als der Stadtstaat, der sich vor allem auf Finanzdienstleistungen und Hochtechnologie stützt. Nur in der Schweiz gibt es mehr Privatbanken, es sind vor allem Reiche von Peking bis Riad, die ihr Geld in Singapur anlegen. Und mit dem Geld kommen die Menschen. Weniger als die Hälfte der 4,7 Millionen Einwohner Singapurs sind dort geboren und aufgewachsen.
Alle wollten am Aufschwung teilhaben, die Asienkrise der Neunziger hatte Singapur relativ schnell überstanden, noch vor zwei Jahren war die Wirtschaft um 7,8 Prozent gewachsen. Die Nachfrage an Luxusanwesen schien kein Ende zu nehmen. Inzwischen aber bekommen die Makler ihre Villen nicht mehr los. Singapurs Wirtschaft sank im vierten Quartal des vergangenen Jahres um 4,3 Prozent, der Stadtstaat ist eines der Länder der Region, das am stärksten von der Krise betroffen ist. Und das obwohl die meisten der hiesigen Banken mit verseuchten Anlagen wenig zu schaffen gehabt hatten. Doch ist Singapur zu sehr auf den Export angewiesen, zu sehr mit der Weltwirtschaft verstrickt, als dass es von der Krise verschont geblieben wäre.
Was aber wird mit dem perfekt geölten Getriebe geschehen, wenn es länger nicht voran geht? Wenn der Staat das Versprechen nicht mehr einlösen kann, für das er seit der Gründung des modernen Singapur 1965 steht - Wohlstand für alle?
Der Staat in Singapur will den Bürger erziehen, damit er sich ins große Ganze fügt. Das beginnt mit Details. Schulkindern, die zu dick sind, stecken die Lehrer einen Button ans Revers, damit sie in der Schulkantine weder Schokolade noch Fettiges bekommen. Wer nach ein paar Monaten nicht abgenommen hat, wird in Therapie geschickt.
Jedes Wohngebiet wird nach einem bestimmten Schlüssel mit den unterschiedlichen Ethnien besetzt, damit es nicht wieder zu Unruhen kommt, wie damals 1964, als sich Malayen und Chinesen bekämpften, und die malayische Föderation schließlich ein Jahr später das mehrheitlich chinesische Singapur ausschloss, damit sich die Unruhen nicht im ganzen Land ausbreiteten.
Selbst um die Liebe kümmert sich der Staat. Weil die Jungen so viel arbeiten, dass fürs Kennenlernen wenig Zeit bleibt und die Singapurianer deswegen immer weniger Kinder bekommen, hat der Staat nun Datingagenturen damit beauftragt, die gestresste Bevölkerung zu verkuppeln.
Hinter dem allgegenwärtigen Erziehungsgedanken stecken konfuzianische Ideale, vor allem aber die Person des Staatsgründers Lee Kwan Yew, der ihn all die Jahrzehnte lang geprägt hat, ihn nach seinen Vorstellungen geformt hat. Er tut es noch immer, denn er berät den Premier, seinen Sohn Lee Hsien Long, als Minister Mentor. Die Rassenunruhen, aus denen sein Staat hervorging, bestärkten ihn darin, dass sich die Volksgruppen, Chinesen, Malayen und Inder, als auch der Einzelne unbedingt dem Ganzen unterzuordnen habe.
Vor allem aber setzte er alles daran, sein Volk von der Dritten in die Erste Welt zu treiben. Gäbe es ein einziges Wort, das sich der Staat auf sein Wappen zu prägen hätte, dann wäre es Leistung. Das meistgehörte Wort in Singapur ist "upgrading", verbessern. Alles wird verbessert, die Wohnung, die Erziehung, die Gesellschaft, die Menschen selbst. Einen Anspruch auf Sozialversicherung gibt es nicht, der Staat hilft nur, damit sich der Einzelne selber helfen kann. Nur wenige stören sich daran, dass alte Menschen in den Restaurants Tische wischen oder Taxi fahren, warum denn, sie können ja noch?
Auch der Abgeordnete Inderjit Singh der Regierungspartei PAP will nicht, dass die Bedürftigen dem Staat auf der Tasche liegen. "Sie kommen zwei, drei Mal, dann wird das zur Angewohnheit und sie hängen vom Staat ab." Jeden Donnerstag trifft er die Bürger seines Wahlkreises zur "Meet the People Session", ein Ritual zwischen Sozialmanagement, Wahlwerbung und Fürsten-Audienz. Im Vorraum sitzen seine Freiwilligen und bearbeiten Fälle, er selbst thront mit blauem Turban hinter seinem Schreibtisch und hört sich die Probleme seiner Bürger an. Er nickt, ist verständnisvoll und gleichzeitig unerbittlich fordernd. Die meisten berät er, wie sie ihre Probleme selbst lösen könnten.
Jeder Abgeordnete trifft Woche für Woche die Bürger seines Wahlkreises und das ist das eigentlich Erstaunliche einer Partei, die seit der Staatsgründung allein regiert und sich auf ihrer Macht ausruhen könnte. Sie verlangt sich selbst die Leistung ab, die sie von ihren Bürgern fordert. Die Regierung nennt es »good governance« und ist so stolz darauf, dass sie sich auch ein wenig als Modell für die Nachbarländer begreift, eine eigens gegründete Universität, sie heißt natürlich Lee Kwan Yew Universität, hat es sich zur Aufgabe gemacht, good governance in der Region zu verbreiten. Und natürlich schmeichelt es der Regierung, dass selbst das große China von Singapur lernte, auch wenn das so keiner zugeben würde.
Wohlstand, so gut wie keine Kriminalität, die friedliche Koexistenz der Ethnien und Religionen. Könnten die Menschen nicht zufrieden sein? Das Problem beginnt, wenn einer nicht zufrieden ist, sich nicht ins große Ganze pressen lassen will und Freiheiten fordert, die ihm der Staat nicht gewähren will.
Chee Soon Juan, der Führer der Oppositionspartei SDP ist so einer. Chee ist nervös, er spricht schnell, immer wieder klopft er mit den Fingern auf den Tisch. Chee ist ruiniert, weil er sagt, was er denkt, weil er spricht, wie ein Oppositionspolitiker sprechen sollen dürfte in einer Demokratie, die Singapur vorgibt zu sein. 13 Mal stand er vor Gericht, illegale Versammlung, Verleumdung, Missachtung des Gerichts. Mehrmals landete er im Gefängnis, insgesamt wurde er zu 700.000 Euro Strafe verurteilt, er ist pleite und darf daher weder kandidieren noch ausreisen.
Chee will trotzdem nicht aufgeben, er kämpft für einen Staat, in dem es freie Medien, wirkliche Meinungsfreiheit und eine echte Opposition gibt. Derzeit sitzen nur zwei Oppositionspolitiker im Parlament, sie haben sich längst mit der Regierung arrangiert. Chee hat noch Glück gehabt, früher ging der Staat noch härter gegen Oppositionelle vor. "Die Menschen haben Angst, und wenn sie sehen, was mit uns passiert, bekommen sie noch mehr Angst", sagt Chee.
Und das ist das Wundersamste an Singapur. Dass dieser Stadtstaat alle Theorien von Wirtschaftswachstum und zwangsweise daraus folgender Demokratisierung über den Haufen wirft. Dass Menschen, die wohlhabend und gebildet sind, die Stimme senken, wenn sie kritisch über die Regierung sprechen. Dass sie von ihr reden wie Kinder über den Vater. Denn bisher scheint die Strategie der Regierung aufzugehen: Wohlstand gegen Gehorsam. Nur manchmal öffnet die Regierung ein kleines Ventil, um ein wenig Druck abzulassen. Seit kurzem dürfen die Bürger in einer eigens eingerichteten Speakers Corner unangemeldet demonstrieren, solange sie keine heiklen Themen ansprechen.
Doch es ist nicht nur das Versprechen von Wohlstand, das die Menschen an die Regierung bindet. Denn hinter allem Stolz auf das Erreichte lauert das Gefühl großer Verletzlichkeit. Die Angst, dass dieser kleine Stadtstaat mit seiner potenziell explosiven Bevölkerungsmischung, eingezwängt zwischen dem islamischen Malaysia und Indonesien, implodieren könnte. Immer wieder kam es in den beiden Nachbarländern zwischen Chinesen und Muslimen zu Spannungen.
Nur wir können euch zusammenhalten, ist daher die Botschaft der Regierung an ihr Volk und auch: fragt nicht nach mehr, denn ihr könntet die Stabilität gefährden. Natürlich ist das auch Propaganda, doch die meisten halten sich daran. Und wahrscheinlich werden die Wirtschaftskrise und das daraus entstehende Gefühl der Bedrohung die Legitimität der Regierung am Ende sogar noch stützen.
- Datum 22.09.2009 - 13:22 Uhr
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Ein weiteres Beispiel das etwas im kleinen funktionieren kann was im grossen keine Chance hätte... zumindest nicht ohne den gigantischen Aufwand an Kontrolle und Uerbwachung und Erziehung.
Zudem, genau wie etliche andere "grosse" Wirtschaftsführer schwimmt Singapur auf der Welle der Globaliserung mit und kann, dank der geringen Grösse (die Zufriedenerhaltende Einwohnerzahl) und zum Teik dank der Geographischen Position, die Sahnehäubchen anderer Oekonomien absahnen... Solange alles rund rum wächst und wächst kann man vom Wachstum anderer Profiteren... viel mehr ist das aber dann eben auch nicht. Singapur fertigt und exportiert zwar viel Technologie doch diese basiert selten auf eigenen Entwicklungen da die Forschunsgabteilungen ausländischen Konzernen gehören...
Und das mit dem profiteren von anderen mittels spezieller Steuergesetze basiert ebenfalls auf der Tatsache das dies genau solange profitabel ist wie es die grossen Nachbarn zulassen... Mückenstiche halt, aber auch die werden irgendwann mal lästig.
Indonesien, Thailand, Indien, China, Phillipinen, Malaysia müssen einer wesentlich grösseren Bevölkerung gerecht werden. Da diese, im vergleich zu Singapur, grossen Oekonomien bezogen auf die Anzahl Einwohner die es zu "füttern" gilt nicht einfach die Sahne abschöpfen können ohne die anderen Oekonomien zu gefärden...
;-)
“When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara
Mir ist aufgefallen, dass in letzter Zeit recht viele Artikel geschrieben werden, die mit großer Faszination betrachten, wie autoritäre Regime Wohlstand schaffen, ohne dass dabei ein Demokratiebestreben auftritt oder zugelassen wird. An der Faszination selbst ist nichts auszusetzen - wenn ein Phänomen da ist, ist es da und man muss es entsprechend seiner Meinung betrachten dürfen.
Mir ist trotzdem nicht ganz wohl damit, dass solche Regimes inzwischen geradezu als Vorbild gehandelt werden. Die Verweise auf unterdrückte Opposition in diesem konkreten Artikel wirken am beinahe pflichtschuldig hinzugefügt. Ganz allgemein wirken solche Verweise zunehmend wie ein Jaja-Demokratie-Feigenblatt, das weniger eine Überzeugung darstellt als ein gelangweiltes Zugeständnis. (damit will ich der konkreten Autorin nichts unterstellen; dieser Leseeindruck stammt ebenso aus einer ganzen Reihe Artikel mit ähnlichen Themen)
Jedenfalls, wenn schon die Presse so milde über autoritäre Regime urteilt und so freudig staunend den Fortschritt ohne Demokratie beklatscht, dann habe ich so langsam eine Ahnung, woher in innenpolitischen Kreisen Deutschlands die Idee kommt, Bürgerrechte immer gezielter und systematischer aushebeln zu wollen. Das finde ich das eigentlich Erschreckende. Demokratie scheint heute für uns eine entbehrliche Gesellschaftsform zu werden - wenn's in Asien klappt, warum nicht in Deutschland? Vor diesem Transfer habe ich eigentlich Angst. Ich will in Deutschland kein autoritäres Regime, das "wie ein Vater" für uns alle sorgt. Und irgendwie will ich auch gar keine Artikel lesen, die das als sexy Alternative darstellen.
Das Land ist ein reines Kunstprodukt, ein Schmarozer an der Blutbahn der westlichen Wirtschaftsstroeme. Der gesamte Wohlstand baut sich lediglich auf die Anwesenheit der westlichen Firmen auf der Insel. Es gibt praktisch keinerlei Eigenleistung in Form von Firmen, Ideen, Produkten, erzeugtem Mehrwert. Die Menschen leben nicht in Wohlstand, sonden in HDB's, Plattenbauten die vielleicht mal in der DDR als bewohnbar durchgegangen waeren.
Kinder werden von klein auf darauf gedrillt, zu funktionieren- zu funktioneren um den westlichen Konzernen als Buero- und Fabrikfutter zu dienen. Das vielgeruehmte Singapurische Schulsystem erzeugt regelmaessig die weltbesten Schulnoten- weil die Schueler nur 'drauf getrimmt werden, Klassenarbeiten zu ueben (die fast ausschliesslich im Multiple Choice Typ sind). 80% der Zeit werden alte Test durchgepaukt (die man in den lokalen Buchlaeden kaufen kann). Gelernt wird dabei nichts.
Studenten an den beiden grossen Unis NUS und NTU sieht mal um die Examenszeit nur mit Powerpoint-Ausdrucken der Dozenten umherlaufen. In den Tests erscheinen dann sogar die Schreibfehler der Dozenten in den Testantworten, das ist kein Witz.
Selbststaendiges Denken wird aus den Menschen im wahrsten Sinne herausgepruegelt, denn Caning fuer geringe Verfehlungen ist in der Grund- sowie Secondary-School an der Tagesordnung.
Das Land ist zwar nach Ethnien schoen gemischt, aber nach Berufen strikestenst getrennt. Das Einkommen kann man auf dem Employment-pass ablesen (P1, P2, P3).
Auf der hoechste Arbeiterstufe stehen die Ang-Moh's (Rothaarig, Bezeichnung fuer die Westler), also diejenigen, die von den Westlichen Firmen nach Singapur gesendet werden.
Dann gibt es die Bauarbeiter aus Sri-Lanka und Bangladesh, die nirgends gerne gesehen werden, in Containern schlafen, und deren Anwesenheit z.T. polizeilich reguliert wird. Denn schliesslich mindert die Anwesenheit eines solchen Bauarbeiters den Immobilienwert. Auch das ist kein Witz.
Dann gibt es noch die Maids, die fuer das leibliche Wohl aller und auch die Kindererziehung sorgen, meisst 7 Tage in der Woche, 18 Stunden am Tag und kein (kein, null) Urlaub. Und die dafuer auf dem Kuechenboden schlafen, geschlagen werden, und nicht mit dem selben Geschirr wie "Sir" oder "Madam" speisen duerfen- und die dafuer 380 Singapurdollar monatlich erhalten.
Und dann gibt es die ganze Schar an Singapurischen Bueroangestellten, die ohne zu fragen Tag fuer Tag ins Buero hetzen, bis zu 12 Stunden am Tag. Die Arbeitszeit richtet sich dabei nicht selten an der des Firmenhauptsitzes in Europa oder USA, d.h. Arbeitszeiten bis 1-3 Uhr morgens sind normal.
Letztens ging in Singapur der A***h auf Grundeis, weil Obama eine Steuerreform plant, die Amerikanischen Firmen die Steuerverguenstigungen in Laendern eben wie Singapur streichen wuerde. Das wuerde das Schmarozertum ernsthaft in Gefahr bringen
Die Lebensqualitaet ist lausig. Das Konzept einer "Selbstverwirklichung" oder "persoenlichen Entwicklung", Selbsverstaendlichkeiten in zivilisierten friedlichen Laendern, gibt es nicht. Shopping ist nach Arbeiten die Hauptaktivitaet. Alles andere ist nicht erwuenscht.
Das ist Singapur. Und dann ist da noch das perfekte Marketing, das dazu fuehrt, dass immer mal wieder Reporter vom Spiegel, Zeit, NY Times, etc kommen, und von der Vorfuehrung der PR-Agenten der Regierung geblendet sind. Da kam doch letztens im ZDF ein Bericht: ALLE Bilder wurden vom Singapore Board of Tourism gestellt oder abgenickt. Was ist nur mit den Jounalisten von Die Zeit los????
Da ich gerade in Singapur bin und hier auch bis vor kurzem ein halbes Jahr (bei einer lokalen Firma) gearbeitet habe, möchte ich einige Dinge aus meiner Sicht beschreiben.
HDBs: Die Gebäude sind nicht immer besonders hübsch, besitzen aber Aufzüge, Klimaanlagen in allen Wohnungen (Bad und Toilette natürlich auch...nicht etwa auf der Etage wie in Plattenbauten) und im Erdgeschoss gibt es meistens Sport- und Spielplätze. Die HDBs werden an Singapuris (und Einwanderer) für 99 Jahre zu günstigen Konditionen verkauft bzw. vom Bruttolohn auf Raten abbezahlt. Das führt dazu, dass sehr viele Singapuris ein Eigenheim haben und hier alle Schichten zusammenwohnen.
Arbeit: Wie auch in Deutschland unterscheiden sich die Arbeitszeiten von Job zu Job. Meine lagen offiziell bei 42,5 Std/Woche und viel mehr als 45 haben ich und meine Kollegen auch selten gearbeitet. Es gibt keine Sozialversicherungen, aber dafür ist Brutto gleich Nettolohn. Im Folgejahr zahlt man lediglich die Steuern für das Vorjahr, wobei die Sätze zwischen 0 und 15% liegen.
Gesetze: Manche Regelungen (nicht essen/trinken in der U-Bahn, kein Import von Kaugummis) kommen einem auf Anhieb seltsam vor. Dafür gibt es eben auch keine versifften und verklebten Sitze. Man fühlt sich jederzeit absolut sicher, aber in keinster Weise überwacht. Natürlich ist es auch ungesetzlich sein Dienstmädchen zu schlagen und das wird auch entsprechend (mit langen Gefängnisstrafen) bestraft.
Politik: Auch ich kam mit dem Bewusstsein hier her, dass die Singapuris ja nicht mal eine anständige Demokratie haben. Wenn man dann aber gerade in der Wirtschaftskrise sieht, dass statt ewigem Herumgerede und viel Populismus einfach sinnvolle Entscheidungen getroffen werden (z.B. Subvention von Mitarbeiterfortbildung während der Krise statt einer Abwrackprämie), dann kratzt das schon etwas am eigenen Weltbild. Natürlich funktioniert das nur, solange sich die Einheitspartei dem Volk verpflichtet fühlt und somit ist es keine erstrebenswerte Regierungsform für andere Länder, aber hier funktioniert es halt einfach.
Effizienz: Dass hier jeder "funktionieren" soll/muss, ist schon richtig. Das führt aber eben dazu, dass hier jeder etwas erreichen möchte und diese Aufbruchstimmung anstatt dem ständigen Jammern finde ich durchaus angenehm. Die Singapuris, die ich hier kennengelernt habe, waren auch durchaus zum eigenständigen Denken fähig.
Vieles funktioniert tatsächlich auch besser. Beispielsweise dauerte es von Antrag bis Genehmigung meiner Arbeitserlaubnis inklusive Aufenthaltsgenehmigung weniger als 24 Stunden. In Deutschland dauert dieser Prozess Monate.
Lebensqualität: Wie man bei Singapur von einer lausigen Lebensqualität sprechen kann, ist mir schleierhaft. Ich konnte von meinem normalen Angestellten-Gehalt (in einer lokalen Firma!) problemlos in einer Super-Anlage mit mehreren Pools, Palmen, Sauna, Kraftraum usw. wohnen. Essengehen ist günstig und überall jederzeit möglich. Die Innenstadt ist wundervoll grün, sauber und architektonisch prachtvoll. Neben dem tatsächlich sehr beliebten Shopping gibt es genügend andere Freizeitmöglichkeiten (Freizeitparks, Discos, Sport, Nationalparks, ...).
Natürlich kann ich hier aber nicht zum Bergwandern gehen. Auch Skifahren geht nunmal nicht. Natürlich gibt es ohne Beiträge zu einem Sozialsystem auch keine Auszahlungen und ich habe somit selbst vorzusorgen oder muss halt notfalls auch im Rentenalter Geschirr spülen. Es gibt keine freie Presse und keine anständige Opposition. Wer das für sein Leben braucht, der ist in Singapur am falschen Ort. Es lohnt aber dennoch sich das Land genauer anzusehen. Sei es um festzustellen, wie gut es uns in Deutschland geht oder sei es, um zu sehen, was man auch in Deutschland noch viel viel besser machen kann.
Da ich gerade in Singapur bin und hier auch bis vor kurzem ein halbes Jahr (bei einer lokalen Firma) gearbeitet habe, möchte ich einige Dinge aus meiner Sicht beschreiben.
HDBs: Die Gebäude sind nicht immer besonders hübsch, besitzen aber Aufzüge, Klimaanlagen in allen Wohnungen (Bad und Toilette natürlich auch...nicht etwa auf der Etage wie in Plattenbauten) und im Erdgeschoss gibt es meistens Sport- und Spielplätze. Die HDBs werden an Singapuris (und Einwanderer) für 99 Jahre zu günstigen Konditionen verkauft bzw. vom Bruttolohn auf Raten abbezahlt. Das führt dazu, dass sehr viele Singapuris ein Eigenheim haben und hier alle Schichten zusammenwohnen.
Arbeit: Wie auch in Deutschland unterscheiden sich die Arbeitszeiten von Job zu Job. Meine lagen offiziell bei 42,5 Std/Woche und viel mehr als 45 haben ich und meine Kollegen auch selten gearbeitet. Es gibt keine Sozialversicherungen, aber dafür ist Brutto gleich Nettolohn. Im Folgejahr zahlt man lediglich die Steuern für das Vorjahr, wobei die Sätze zwischen 0 und 15% liegen.
Gesetze: Manche Regelungen (nicht essen/trinken in der U-Bahn, kein Import von Kaugummis) kommen einem auf Anhieb seltsam vor. Dafür gibt es eben auch keine versifften und verklebten Sitze. Man fühlt sich jederzeit absolut sicher, aber in keinster Weise überwacht. Natürlich ist es auch ungesetzlich sein Dienstmädchen zu schlagen und das wird auch entsprechend (mit langen Gefängnisstrafen) bestraft.
Politik: Auch ich kam mit dem Bewusstsein hier her, dass die Singapuris ja nicht mal eine anständige Demokratie haben. Wenn man dann aber gerade in der Wirtschaftskrise sieht, dass statt ewigem Herumgerede und viel Populismus einfach sinnvolle Entscheidungen getroffen werden (z.B. Subvention von Mitarbeiterfortbildung während der Krise statt einer Abwrackprämie), dann kratzt das schon etwas am eigenen Weltbild. Natürlich funktioniert das nur, solange sich die Einheitspartei dem Volk verpflichtet fühlt und somit ist es keine erstrebenswerte Regierungsform für andere Länder, aber hier funktioniert es halt einfach.
Effizienz: Dass hier jeder "funktionieren" soll/muss, ist schon richtig. Das führt aber eben dazu, dass hier jeder etwas erreichen möchte und diese Aufbruchstimmung anstatt dem ständigen Jammern finde ich durchaus angenehm. Die Singapuris, die ich hier kennengelernt habe, waren auch durchaus zum eigenständigen Denken fähig.
Vieles funktioniert tatsächlich auch besser. Beispielsweise dauerte es von Antrag bis Genehmigung meiner Arbeitserlaubnis inklusive Aufenthaltsgenehmigung weniger als 24 Stunden. In Deutschland dauert dieser Prozess Monate.
Lebensqualität: Wie man bei Singapur von einer lausigen Lebensqualität sprechen kann, ist mir schleierhaft. Ich konnte von meinem normalen Angestellten-Gehalt (in einer lokalen Firma!) problemlos in einer Super-Anlage mit mehreren Pools, Palmen, Sauna, Kraftraum usw. wohnen. Essengehen ist günstig und überall jederzeit möglich. Die Innenstadt ist wundervoll grün, sauber und architektonisch prachtvoll. Neben dem tatsächlich sehr beliebten Shopping gibt es genügend andere Freizeitmöglichkeiten (Freizeitparks, Discos, Sport, Nationalparks, ...).
Natürlich kann ich hier aber nicht zum Bergwandern gehen. Auch Skifahren geht nunmal nicht. Natürlich gibt es ohne Beiträge zu einem Sozialsystem auch keine Auszahlungen und ich habe somit selbst vorzusorgen oder muss halt notfalls auch im Rentenalter Geschirr spülen. Es gibt keine freie Presse und keine anständige Opposition. Wer das für sein Leben braucht, der ist in Singapur am falschen Ort. Es lohnt aber dennoch sich das Land genauer anzusehen. Sei es um festzustellen, wie gut es uns in Deutschland geht oder sei es, um zu sehen, was man auch in Deutschland noch viel viel besser machen kann.
Da ich gerade in Singapur bin und hier auch bis vor kurzem ein halbes Jahr (bei einer lokalen Firma) gearbeitet habe, möchte ich einige Dinge aus meiner Sicht beschreiben.
HDBs: Die Gebäude sind nicht immer besonders hübsch, besitzen aber Aufzüge, Klimaanlagen in allen Wohnungen (Bad und Toilette natürlich auch...nicht etwa auf der Etage wie in Plattenbauten) und im Erdgeschoss gibt es meistens Sport- und Spielplätze. Die HDBs werden an Singapuris (und Einwanderer) für 99 Jahre zu günstigen Konditionen verkauft bzw. vom Bruttolohn auf Raten abbezahlt. Das führt dazu, dass sehr viele Singapuris ein Eigenheim haben und hier alle Schichten zusammenwohnen.
Arbeit: Wie auch in Deutschland unterscheiden sich die Arbeitszeiten von Job zu Job. Meine lagen offiziell bei 42,5 Std/Woche und viel mehr als 45 haben ich und meine Kollegen auch selten gearbeitet. Es gibt keine Sozialversicherungen, aber dafür ist Brutto gleich Nettolohn. Im Folgejahr zahlt man lediglich die Steuern für das Vorjahr, wobei die Sätze zwischen 0 und 15% liegen.
Gesetze: Manche Regelungen (nicht essen/trinken in der U-Bahn, kein Import von Kaugummis) kommen einem auf Anhieb seltsam vor. Dafür gibt es eben auch keine versifften und verklebten Sitze. Man fühlt sich jederzeit absolut sicher, aber in keinster Weise überwacht. Natürlich ist es auch ungesetzlich sein Dienstmädchen zu schlagen und das wird auch entsprechend (mit langen Gefängnisstrafen) bestraft.
Politik: Auch ich kam mit dem Bewusstsein hier her, dass die Singapuris ja nicht mal eine anständige Demokratie haben. Wenn man dann aber gerade in der Wirtschaftskrise sieht, dass statt ewigem Herumgerede und viel Populismus einfach sinnvolle Entscheidungen getroffen werden (z.B. Subvention von Mitarbeiterfortbildung während der Krise statt einer Abwrackprämie), dann kratzt das schon etwas am eigenen Weltbild. Natürlich funktioniert das nur, solange sich die Einheitspartei dem Volk verpflichtet fühlt und somit ist es keine erstrebenswerte Regierungsform für andere Länder, aber hier funktioniert es halt einfach.
Effizienz: Dass hier jeder "funktionieren" soll/muss, ist schon richtig. Das führt aber eben dazu, dass hier jeder etwas erreichen möchte und diese Aufbruchstimmung anstatt dem ständigen Jammern finde ich durchaus angenehm. Die Singapuris, die ich hier kennengelernt habe, waren auch durchaus zum eigenständigen Denken fähig.
Vieles funktioniert tatsächlich auch besser. Beispielsweise dauerte es von Antrag bis Genehmigung meiner Arbeitserlaubnis inklusive Aufenthaltsgenehmigung weniger als 24 Stunden. In Deutschland dauert dieser Prozess Monate.
Lebensqualität: Wie man bei Singapur von einer lausigen Lebensqualität sprechen kann, ist mir schleierhaft. Ich konnte von meinem normalen Angestellten-Gehalt (in einer lokalen Firma!) problemlos in einer Super-Anlage mit mehreren Pools, Palmen, Sauna, Kraftraum usw. wohnen. Essengehen ist günstig und überall jederzeit möglich. Die Innenstadt ist wundervoll grün, sauber und architektonisch prachtvoll. Neben dem tatsächlich sehr beliebten Shopping gibt es genügend andere Freizeitmöglichkeiten (Freizeitparks, Discos, Sport, Nationalparks, ...).
Natürlich kann ich hier aber nicht zum Bergwandern gehen. Auch Skifahren geht nunmal nicht. Natürlich gibt es ohne Beiträge zu einem Sozialsystem auch keine Auszahlungen und ich habe somit selbst vorzusorgen oder muss halt notfalls auch im Rentenalter Geschirr spülen. Es gibt keine freie Presse und keine anständige Opposition. Wer das für sein Leben braucht, der ist in Singapur am falschen Ort. Es lohnt aber dennoch sich das Land genauer anzusehen. Sei es um festzustellen, wie gut es uns in Deutschland geht oder sei es, um zu sehen, was man auch in Deutschland noch viel viel besser machen kann.
...ein glitzerndes Luxus-Zuchthaus mit Krawattenzwang in der Öffentlichkeit, Verbot von "widernatürlicher Unzucht", ohne auch nur einen Hauch von Sozialstaat, dafür Prügelstrafe und Umerziehungslager für Langhaarige! Wer weiß, vielleicht sähe Deutschland jetzt auch so aus, wenn Franz-Josef Strauß 1980 Kanzler geworden wäre...
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