Singapur Wohlstand gegen GehorsamSeite 3/3

Chee will trotzdem nicht aufgeben, er kämpft für einen Staat, in dem es freie Medien, wirkliche Meinungsfreiheit und eine echte Opposition gibt. Derzeit sitzen nur zwei Oppositionspolitiker im Parlament, sie haben sich längst mit der Regierung arrangiert. Chee hat noch Glück gehabt, früher ging der Staat noch härter gegen Oppositionelle vor. "Die Menschen haben Angst, und wenn sie sehen, was mit uns passiert, bekommen sie noch mehr Angst", sagt Chee.

Und das ist das Wundersamste an Singapur. Dass dieser Stadtstaat alle Theorien von Wirtschaftswachstum und zwangsweise daraus folgender Demokratisierung über den Haufen wirft. Dass Menschen, die wohlhabend und gebildet sind, die Stimme senken, wenn sie kritisch über die Regierung sprechen. Dass sie von ihr reden wie Kinder über den Vater. Denn bisher scheint die Strategie der Regierung aufzugehen: Wohlstand gegen Gehorsam. Nur manchmal öffnet die Regierung ein kleines Ventil, um ein wenig Druck abzulassen. Seit kurzem dürfen die Bürger in einer eigens eingerichteten Speakers Corner unangemeldet demonstrieren, solange sie keine heiklen Themen ansprechen.

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Doch es ist nicht nur das Versprechen von Wohlstand, das die Menschen an die Regierung bindet. Denn hinter allem Stolz auf das Erreichte lauert das Gefühl großer Verletzlichkeit. Die Angst, dass dieser kleine Stadtstaat mit seiner potenziell explosiven Bevölkerungsmischung, eingezwängt zwischen dem islamischen Malaysia und Indonesien, implodieren könnte. Immer wieder kam es in den beiden Nachbarländern zwischen Chinesen und Muslimen zu Spannungen.

Nur wir können euch zusammenhalten, ist daher die Botschaft der Regierung an ihr Volk und auch: fragt nicht nach mehr, denn ihr könntet die Stabilität gefährden. Natürlich ist das auch Propaganda, doch die meisten halten sich daran. Und wahrscheinlich werden die Wirtschaftskrise und das daraus entstehende Gefühl der Bedrohung die Legitimität der Regierung am Ende sogar noch stützen.

 
Leser-Kommentare
  1. Ein weiteres Beispiel das etwas im kleinen funktionieren kann was im grossen keine Chance hätte... zumindest nicht ohne den gigantischen Aufwand an Kontrolle und Uerbwachung und Erziehung.

    Zudem, genau wie etliche andere "grosse" Wirtschaftsführer schwimmt Singapur auf der Welle der Globaliserung mit und kann, dank der geringen Grösse (die Zufriedenerhaltende Einwohnerzahl) und zum Teik dank der Geographischen Position, die Sahnehäubchen anderer Oekonomien absahnen... Solange alles rund rum wächst und wächst kann man vom Wachstum anderer Profiteren... viel mehr ist das aber dann eben auch nicht. Singapur fertigt und exportiert zwar viel Technologie doch diese basiert selten auf eigenen Entwicklungen da die Forschunsgabteilungen ausländischen Konzernen gehören...

    Und das mit dem profiteren von anderen mittels spezieller Steuergesetze basiert ebenfalls auf der Tatsache das dies genau solange profitabel ist wie es die grossen Nachbarn zulassen... Mückenstiche halt, aber auch die werden irgendwann mal lästig.

    Indonesien, Thailand, Indien, China, Phillipinen, Malaysia müssen einer wesentlich grösseren Bevölkerung gerecht werden. Da diese, im vergleich zu Singapur, grossen Oekonomien bezogen auf die Anzahl Einwohner die es zu "füttern" gilt nicht einfach die Sahne abschöpfen können ohne die anderen Oekonomien zu gefärden...

    ;-)

    “When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara

  2. Mir ist aufgefallen, dass in letzter Zeit recht viele Artikel geschrieben werden, die mit großer Faszination betrachten, wie autoritäre Regime Wohlstand schaffen, ohne dass dabei ein Demokratiebestreben auftritt oder zugelassen wird. An der Faszination selbst ist nichts auszusetzen - wenn ein Phänomen da ist, ist es da und man muss es entsprechend seiner Meinung betrachten dürfen.

    Mir ist trotzdem nicht ganz wohl damit, dass solche Regimes inzwischen geradezu als Vorbild gehandelt werden. Die Verweise auf unterdrückte Opposition in diesem konkreten Artikel wirken am beinahe pflichtschuldig hinzugefügt. Ganz allgemein wirken solche Verweise zunehmend wie ein Jaja-Demokratie-Feigenblatt, das weniger eine Überzeugung darstellt als ein gelangweiltes Zugeständnis. (damit will ich der konkreten Autorin nichts unterstellen; dieser Leseeindruck stammt ebenso aus einer ganzen Reihe Artikel mit ähnlichen Themen)

    Jedenfalls, wenn schon die Presse so milde über autoritäre Regime urteilt und so freudig staunend den Fortschritt ohne Demokratie beklatscht, dann habe ich so langsam eine Ahnung, woher in innenpolitischen Kreisen Deutschlands die Idee kommt, Bürgerrechte immer gezielter und systematischer aushebeln zu wollen. Das finde ich das eigentlich Erschreckende. Demokratie scheint heute für uns eine entbehrliche Gesellschaftsform zu werden - wenn's in Asien klappt, warum nicht in Deutschland? Vor diesem Transfer habe ich eigentlich Angst. Ich will in Deutschland kein autoritäres Regime, das "wie ein Vater" für uns alle sorgt. Und irgendwie will ich auch gar keine Artikel lesen, die das als sexy Alternative darstellen.

    • cirkus
    • 11.05.2009 um 15:33 Uhr

    Das Land ist ein reines Kunstprodukt, ein Schmarozer an der Blutbahn der westlichen Wirtschaftsstroeme. Der gesamte Wohlstand baut sich lediglich auf die Anwesenheit der westlichen Firmen auf der Insel. Es gibt praktisch keinerlei Eigenleistung in Form von Firmen, Ideen, Produkten, erzeugtem Mehrwert. Die Menschen leben nicht in Wohlstand, sonden in HDB's, Plattenbauten die vielleicht mal in der DDR als bewohnbar durchgegangen waeren.

    Kinder werden von klein auf darauf gedrillt, zu funktionieren- zu funktioneren um den westlichen Konzernen als Buero- und Fabrikfutter zu dienen. Das vielgeruehmte Singapurische Schulsystem erzeugt regelmaessig die weltbesten Schulnoten- weil die Schueler nur 'drauf getrimmt werden, Klassenarbeiten zu ueben (die fast ausschliesslich im Multiple Choice Typ sind). 80% der Zeit werden alte Test durchgepaukt (die man in den lokalen Buchlaeden kaufen kann). Gelernt wird dabei nichts.

    Studenten an den beiden grossen Unis NUS und NTU sieht mal um die Examenszeit nur mit Powerpoint-Ausdrucken der Dozenten umherlaufen. In den Tests erscheinen dann sogar die Schreibfehler der Dozenten in den Testantworten, das ist kein Witz.

    Selbststaendiges Denken wird aus den Menschen im wahrsten Sinne herausgepruegelt, denn Caning fuer geringe Verfehlungen ist in der Grund- sowie Secondary-School an der Tagesordnung.

    Das Land ist zwar nach Ethnien schoen gemischt, aber nach Berufen strikestenst getrennt. Das Einkommen kann man auf dem Employment-pass ablesen (P1, P2, P3).

    Auf der hoechste Arbeiterstufe stehen die Ang-Moh's (Rothaarig, Bezeichnung fuer die Westler), also diejenigen, die von den Westlichen Firmen nach Singapur gesendet werden.

    Dann gibt es die Bauarbeiter aus Sri-Lanka und Bangladesh, die nirgends gerne gesehen werden, in Containern schlafen, und deren Anwesenheit z.T. polizeilich reguliert wird. Denn schliesslich mindert die Anwesenheit eines solchen Bauarbeiters den Immobilienwert. Auch das ist kein Witz.

    Dann gibt es noch die Maids, die fuer das leibliche Wohl aller und auch die Kindererziehung sorgen, meisst 7 Tage in der Woche, 18 Stunden am Tag und kein (kein, null) Urlaub. Und die dafuer auf dem Kuechenboden schlafen, geschlagen werden, und nicht mit dem selben Geschirr wie "Sir" oder "Madam" speisen duerfen- und die dafuer 380 Singapurdollar monatlich erhalten.

    Und dann gibt es die ganze Schar an Singapurischen Bueroangestellten, die ohne zu fragen Tag fuer Tag ins Buero hetzen, bis zu 12 Stunden am Tag. Die Arbeitszeit richtet sich dabei nicht selten an der des Firmenhauptsitzes in Europa oder USA, d.h. Arbeitszeiten bis 1-3 Uhr morgens sind normal.

    Letztens ging in Singapur der A***h auf Grundeis, weil Obama eine Steuerreform plant, die Amerikanischen Firmen die Steuerverguenstigungen in Laendern eben wie Singapur streichen wuerde. Das wuerde das Schmarozertum ernsthaft in Gefahr bringen

    Die Lebensqualitaet ist lausig. Das Konzept einer "Selbstverwirklichung" oder "persoenlichen Entwicklung", Selbsverstaendlichkeiten in zivilisierten friedlichen Laendern, gibt es nicht. Shopping ist nach Arbeiten die Hauptaktivitaet. Alles andere ist nicht erwuenscht.

    Das ist Singapur. Und dann ist da noch das perfekte Marketing, das dazu fuehrt, dass immer mal wieder Reporter vom Spiegel, Zeit, NY Times, etc kommen, und von der Vorfuehrung der PR-Agenten der Regierung geblendet sind. Da kam doch letztens im ZDF ein Bericht: ALLE Bilder wurden vom Singapore Board of Tourism gestellt oder abgenickt. Was ist nur mit den Jounalisten von Die Zeit los????

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    Da ich gerade in Singapur bin und hier auch bis vor kurzem ein halbes Jahr (bei einer lokalen Firma) gearbeitet habe, möchte ich einige Dinge aus meiner Sicht beschreiben.

    HDBs: Die Gebäude sind nicht immer besonders hübsch, besitzen aber Aufzüge, Klimaanlagen in allen Wohnungen (Bad und Toilette natürlich auch...nicht etwa auf der Etage wie in Plattenbauten) und im Erdgeschoss gibt es meistens Sport- und Spielplätze. Die HDBs werden an Singapuris (und Einwanderer) für 99 Jahre zu günstigen Konditionen verkauft bzw. vom Bruttolohn auf Raten abbezahlt. Das führt dazu, dass sehr viele Singapuris ein Eigenheim haben und hier alle Schichten zusammenwohnen.

    Arbeit: Wie auch in Deutschland unterscheiden sich die Arbeitszeiten von Job zu Job. Meine lagen offiziell bei 42,5 Std/Woche und viel mehr als 45 haben ich und meine Kollegen auch selten gearbeitet. Es gibt keine Sozialversicherungen, aber dafür ist Brutto gleich Nettolohn. Im Folgejahr zahlt man lediglich die Steuern für das Vorjahr, wobei die Sätze zwischen 0 und 15% liegen.

    Gesetze: Manche Regelungen (nicht essen/trinken in der U-Bahn, kein Import von Kaugummis) kommen einem auf Anhieb seltsam vor. Dafür gibt es eben auch keine versifften und verklebten Sitze. Man fühlt sich jederzeit absolut sicher, aber in keinster Weise überwacht. Natürlich ist es auch ungesetzlich sein Dienstmädchen zu schlagen und das wird auch entsprechend (mit langen Gefängnisstrafen) bestraft.

    Politik: Auch ich kam mit dem Bewusstsein hier her, dass die Singapuris ja nicht mal eine anständige Demokratie haben. Wenn man dann aber gerade in der Wirtschaftskrise sieht, dass statt ewigem Herumgerede und viel Populismus einfach sinnvolle Entscheidungen getroffen werden (z.B. Subvention von Mitarbeiterfortbildung während der Krise statt einer Abwrackprämie), dann kratzt das schon etwas am eigenen Weltbild. Natürlich funktioniert das nur, solange sich die Einheitspartei dem Volk verpflichtet fühlt und somit ist es keine erstrebenswerte Regierungsform für andere Länder, aber hier funktioniert es halt einfach.

    Effizienz: Dass hier jeder "funktionieren" soll/muss, ist schon richtig. Das führt aber eben dazu, dass hier jeder etwas erreichen möchte und diese Aufbruchstimmung anstatt dem ständigen Jammern finde ich durchaus angenehm. Die Singapuris, die ich hier kennengelernt habe, waren auch durchaus zum eigenständigen Denken fähig.
    Vieles funktioniert tatsächlich auch besser. Beispielsweise dauerte es von Antrag bis Genehmigung meiner Arbeitserlaubnis inklusive Aufenthaltsgenehmigung weniger als 24 Stunden. In Deutschland dauert dieser Prozess Monate.

    Lebensqualität: Wie man bei Singapur von einer lausigen Lebensqualität sprechen kann, ist mir schleierhaft. Ich konnte von meinem normalen Angestellten-Gehalt (in einer lokalen Firma!) problemlos in einer Super-Anlage mit mehreren Pools, Palmen, Sauna, Kraftraum usw. wohnen. Essengehen ist günstig und überall jederzeit möglich. Die Innenstadt ist wundervoll grün, sauber und architektonisch prachtvoll. Neben dem tatsächlich sehr beliebten Shopping gibt es genügend andere Freizeitmöglichkeiten (Freizeitparks, Discos, Sport, Nationalparks, ...).
    Natürlich kann ich hier aber nicht zum Bergwandern gehen. Auch Skifahren geht nunmal nicht. Natürlich gibt es ohne Beiträge zu einem Sozialsystem auch keine Auszahlungen und ich habe somit selbst vorzusorgen oder muss halt notfalls auch im Rentenalter Geschirr spülen. Es gibt keine freie Presse und keine anständige Opposition. Wer das für sein Leben braucht, der ist in Singapur am falschen Ort. Es lohnt aber dennoch sich das Land genauer anzusehen. Sei es um festzustellen, wie gut es uns in Deutschland geht oder sei es, um zu sehen, was man auch in Deutschland noch viel viel besser machen kann.

    Da ich gerade in Singapur bin und hier auch bis vor kurzem ein halbes Jahr (bei einer lokalen Firma) gearbeitet habe, möchte ich einige Dinge aus meiner Sicht beschreiben.

    HDBs: Die Gebäude sind nicht immer besonders hübsch, besitzen aber Aufzüge, Klimaanlagen in allen Wohnungen (Bad und Toilette natürlich auch...nicht etwa auf der Etage wie in Plattenbauten) und im Erdgeschoss gibt es meistens Sport- und Spielplätze. Die HDBs werden an Singapuris (und Einwanderer) für 99 Jahre zu günstigen Konditionen verkauft bzw. vom Bruttolohn auf Raten abbezahlt. Das führt dazu, dass sehr viele Singapuris ein Eigenheim haben und hier alle Schichten zusammenwohnen.

    Arbeit: Wie auch in Deutschland unterscheiden sich die Arbeitszeiten von Job zu Job. Meine lagen offiziell bei 42,5 Std/Woche und viel mehr als 45 haben ich und meine Kollegen auch selten gearbeitet. Es gibt keine Sozialversicherungen, aber dafür ist Brutto gleich Nettolohn. Im Folgejahr zahlt man lediglich die Steuern für das Vorjahr, wobei die Sätze zwischen 0 und 15% liegen.

    Gesetze: Manche Regelungen (nicht essen/trinken in der U-Bahn, kein Import von Kaugummis) kommen einem auf Anhieb seltsam vor. Dafür gibt es eben auch keine versifften und verklebten Sitze. Man fühlt sich jederzeit absolut sicher, aber in keinster Weise überwacht. Natürlich ist es auch ungesetzlich sein Dienstmädchen zu schlagen und das wird auch entsprechend (mit langen Gefängnisstrafen) bestraft.

    Politik: Auch ich kam mit dem Bewusstsein hier her, dass die Singapuris ja nicht mal eine anständige Demokratie haben. Wenn man dann aber gerade in der Wirtschaftskrise sieht, dass statt ewigem Herumgerede und viel Populismus einfach sinnvolle Entscheidungen getroffen werden (z.B. Subvention von Mitarbeiterfortbildung während der Krise statt einer Abwrackprämie), dann kratzt das schon etwas am eigenen Weltbild. Natürlich funktioniert das nur, solange sich die Einheitspartei dem Volk verpflichtet fühlt und somit ist es keine erstrebenswerte Regierungsform für andere Länder, aber hier funktioniert es halt einfach.

    Effizienz: Dass hier jeder "funktionieren" soll/muss, ist schon richtig. Das führt aber eben dazu, dass hier jeder etwas erreichen möchte und diese Aufbruchstimmung anstatt dem ständigen Jammern finde ich durchaus angenehm. Die Singapuris, die ich hier kennengelernt habe, waren auch durchaus zum eigenständigen Denken fähig.
    Vieles funktioniert tatsächlich auch besser. Beispielsweise dauerte es von Antrag bis Genehmigung meiner Arbeitserlaubnis inklusive Aufenthaltsgenehmigung weniger als 24 Stunden. In Deutschland dauert dieser Prozess Monate.

    Lebensqualität: Wie man bei Singapur von einer lausigen Lebensqualität sprechen kann, ist mir schleierhaft. Ich konnte von meinem normalen Angestellten-Gehalt (in einer lokalen Firma!) problemlos in einer Super-Anlage mit mehreren Pools, Palmen, Sauna, Kraftraum usw. wohnen. Essengehen ist günstig und überall jederzeit möglich. Die Innenstadt ist wundervoll grün, sauber und architektonisch prachtvoll. Neben dem tatsächlich sehr beliebten Shopping gibt es genügend andere Freizeitmöglichkeiten (Freizeitparks, Discos, Sport, Nationalparks, ...).
    Natürlich kann ich hier aber nicht zum Bergwandern gehen. Auch Skifahren geht nunmal nicht. Natürlich gibt es ohne Beiträge zu einem Sozialsystem auch keine Auszahlungen und ich habe somit selbst vorzusorgen oder muss halt notfalls auch im Rentenalter Geschirr spülen. Es gibt keine freie Presse und keine anständige Opposition. Wer das für sein Leben braucht, der ist in Singapur am falschen Ort. Es lohnt aber dennoch sich das Land genauer anzusehen. Sei es um festzustellen, wie gut es uns in Deutschland geht oder sei es, um zu sehen, was man auch in Deutschland noch viel viel besser machen kann.

  3. Da ich gerade in Singapur bin und hier auch bis vor kurzem ein halbes Jahr (bei einer lokalen Firma) gearbeitet habe, möchte ich einige Dinge aus meiner Sicht beschreiben.

    HDBs: Die Gebäude sind nicht immer besonders hübsch, besitzen aber Aufzüge, Klimaanlagen in allen Wohnungen (Bad und Toilette natürlich auch...nicht etwa auf der Etage wie in Plattenbauten) und im Erdgeschoss gibt es meistens Sport- und Spielplätze. Die HDBs werden an Singapuris (und Einwanderer) für 99 Jahre zu günstigen Konditionen verkauft bzw. vom Bruttolohn auf Raten abbezahlt. Das führt dazu, dass sehr viele Singapuris ein Eigenheim haben und hier alle Schichten zusammenwohnen.

    Arbeit: Wie auch in Deutschland unterscheiden sich die Arbeitszeiten von Job zu Job. Meine lagen offiziell bei 42,5 Std/Woche und viel mehr als 45 haben ich und meine Kollegen auch selten gearbeitet. Es gibt keine Sozialversicherungen, aber dafür ist Brutto gleich Nettolohn. Im Folgejahr zahlt man lediglich die Steuern für das Vorjahr, wobei die Sätze zwischen 0 und 15% liegen.

    Gesetze: Manche Regelungen (nicht essen/trinken in der U-Bahn, kein Import von Kaugummis) kommen einem auf Anhieb seltsam vor. Dafür gibt es eben auch keine versifften und verklebten Sitze. Man fühlt sich jederzeit absolut sicher, aber in keinster Weise überwacht. Natürlich ist es auch ungesetzlich sein Dienstmädchen zu schlagen und das wird auch entsprechend (mit langen Gefängnisstrafen) bestraft.

    Politik: Auch ich kam mit dem Bewusstsein hier her, dass die Singapuris ja nicht mal eine anständige Demokratie haben. Wenn man dann aber gerade in der Wirtschaftskrise sieht, dass statt ewigem Herumgerede und viel Populismus einfach sinnvolle Entscheidungen getroffen werden (z.B. Subvention von Mitarbeiterfortbildung während der Krise statt einer Abwrackprämie), dann kratzt das schon etwas am eigenen Weltbild. Natürlich funktioniert das nur, solange sich die Einheitspartei dem Volk verpflichtet fühlt und somit ist es keine erstrebenswerte Regierungsform für andere Länder, aber hier funktioniert es halt einfach.

    Effizienz: Dass hier jeder "funktionieren" soll/muss, ist schon richtig. Das führt aber eben dazu, dass hier jeder etwas erreichen möchte und diese Aufbruchstimmung anstatt dem ständigen Jammern finde ich durchaus angenehm. Die Singapuris, die ich hier kennengelernt habe, waren auch durchaus zum eigenständigen Denken fähig.
    Vieles funktioniert tatsächlich auch besser. Beispielsweise dauerte es von Antrag bis Genehmigung meiner Arbeitserlaubnis inklusive Aufenthaltsgenehmigung weniger als 24 Stunden. In Deutschland dauert dieser Prozess Monate.

    Lebensqualität: Wie man bei Singapur von einer lausigen Lebensqualität sprechen kann, ist mir schleierhaft. Ich konnte von meinem normalen Angestellten-Gehalt (in einer lokalen Firma!) problemlos in einer Super-Anlage mit mehreren Pools, Palmen, Sauna, Kraftraum usw. wohnen. Essengehen ist günstig und überall jederzeit möglich. Die Innenstadt ist wundervoll grün, sauber und architektonisch prachtvoll. Neben dem tatsächlich sehr beliebten Shopping gibt es genügend andere Freizeitmöglichkeiten (Freizeitparks, Discos, Sport, Nationalparks, ...).
    Natürlich kann ich hier aber nicht zum Bergwandern gehen. Auch Skifahren geht nunmal nicht. Natürlich gibt es ohne Beiträge zu einem Sozialsystem auch keine Auszahlungen und ich habe somit selbst vorzusorgen oder muss halt notfalls auch im Rentenalter Geschirr spülen. Es gibt keine freie Presse und keine anständige Opposition. Wer das für sein Leben braucht, der ist in Singapur am falschen Ort. Es lohnt aber dennoch sich das Land genauer anzusehen. Sei es um festzustellen, wie gut es uns in Deutschland geht oder sei es, um zu sehen, was man auch in Deutschland noch viel viel besser machen kann.

    • Yadgar
    • 06.02.2010 um 15:23 Uhr

    ...ein glitzerndes Luxus-Zuchthaus mit Krawattenzwang in der Öffentlichkeit, Verbot von "widernatürlicher Unzucht", ohne auch nur einen Hauch von Sozialstaat, dafür Prügelstrafe und Umerziehungslager für Langhaarige! Wer weiß, vielleicht sähe Deutschland jetzt auch so aus, wenn Franz-Josef Strauß 1980 Kanzler geworden wäre...

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