Wahlkampf 2009 Zaghafte Sozialdemokraten

Der amerikanische Wahlkampf-Guru Drew Westen hat die deutschen Sozialdemokraten besucht und ihnen erzählt, was Obama falsch machte. Ob die deutschen Linken davon lernen?

Nachdem er McCain erstmals direkt attackiert hatte, ging es für Obama aufwärts, sagt sein Berater Drew Westen

Nachdem er McCain erstmals direkt attackiert hatte, ging es für Obama aufwärts, sagt sein Berater Drew Westen

Die Sozialdemokraten freuen sich, zumindest ein bisschen. Dass ihnen das Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen Anfang Mai nun schon zum dritten Mal einen Sympathiezuwachs bescheinigt – 30 Prozent in der öffentlichen Stimmung, was immerhin ein Plus von drei Prozent bedeutet, tut der geschundenen Parteiseele gut. Natürlich korrigierten die Meinungsforscher diesen Wert in ihrer Prognose („Projektion“) eines darauf beruhenden Wahlergebnisses sogleich nach unten (auf 27 Prozent), was etwas realistischer anmutet. Egal, die frohe Botschaft für die SPD liegt in der Bewegung, in der Stimmungsverbesserung für sie (und einer geringfügigen Stimmungsverschlechterung für die der CDU/CSU). Willkommen ist alles, was Mut macht.

Willkommen war daher auch der Mutmacher aus den Vereinigten Staaten, Drew Westen, der in der ersten Mai-Woche Berlin besuchte und in einem beispiellosen Konferenzmarathon den Sozialdemokraten auf mehreren Ebenen und in unterschiedlichen Kreisen erzählte, wie Obama es geschafft hat. Denn genau das wollen immer noch alle wissen. Auch wenn jetzt die Frage immer wichtiger wird, ob Obama, der Wahlkämpfer, auch als Präsident ebenfalls erfolgreich sein kann.

Anzeige

Drew Westens Standardwerk The Political Brain hat ihn unter Amerikas Kampagnenstrategen zu einem Guru besonderer Art gemacht. Er ist gelernter Psychologe, war als Psychiater tätig, betrieb Gehirn- und Motivationsforschung, ist inzwischen erfolgreicher Politik- und Kommunikationsberater und beschäftigt sich in seinem Sachbuch-Bestseller hauptsächlich mit der überragenden Bedeutung von Emotionen bei der Meinungsbildung der Wähler und deren Stimmabgabe.

Die Seele und die Herzen der Menschen zu gewinnen, so Westens These, ist nicht identisch mit dem Vorhaben, sie von politischen Ideen oder Projekten zu überzeugen. Wie das Gefühlsleben funktioniert und wie das Gehirn arbeitet, sei zweierlei und wie man mit dieser Erkenntnis umgehe, entscheidet nach Westen wesentlich darüber, ob ein Kandidat – oder eine Partei – gewinnt oder verliert.

Interessante Gesprächsrunden: Die Zuhörer hingen an den Lippen des Strategen, dessen Rat vor allem Kandidaten aus den Reihen der US-Demokraten suchen, auch das Obama-Camp selbst. In Berlin hörte das Fachpublikum von ihm, wie wichtig die richtige Sprache und die Bilder seien, Sprachbilder und Fernsehbilder. Sie hörten, dass es wichtig sei, Inhalte als Geschichten zu verpacken, die einen persönlich berühren und die man sich merken kann. Und wie wichtig es vor allem sei, den Unterschied zur Gegenseite zu definieren. Das ist in gewisser Weise Westens Mantra. Definiere dich selbst – und deinen Gegner! Da dürften die Berliner Sozialdemokraten besonders genau zugehört haben.

Denn von Obama lernen ist mehr, als von den Demokraten die Nutzung des Internets und das Online-Spendensammeln abgucken. Daran lässt auch eine soeben veröffentlichte Sammlung von unterschiedlichen Analysen der Wechselwirkung von Internet und Politik („Lernen von Obama?“) keinen Zweifel, die ebenfalls dieser Tage in Berlin vorgestellt wurde, übrigens von Matthias Machnig, dem Manager des SPD-Wahlsiegs 1998 (heute Staatssekretär und Strategieberater bei Umweltminister Siegmar Gabriel). Von Obama lernen heißt nicht zuletzt genau studieren, worin Obamas Fehler bestanden, die seinen für viele Experten überraschenden Wahlsieg fast verhindert hätten.

„Wer hat den Strom gesperrt?“ übertitelte Drew Westen am 24. Juni 2007 sein Blog im populären linken Netzmagazin Huffington Post, nachdem er den Eindruck gewonnen hatte, Obamas Vorwahlkampagne ginge nach starkem Beginn plötzlich die Luft aus. Westens These damals: Obama macht dieselben Fehler wie viele Demokraten vor ihm, zuletzt Al Gore im Jahr 2000, dann John Kerry 2004, früher Dukakis und Mondale. Zu seriös, ohne Leidenschaft, farblos, überkorrekt. Lauter Verlierer. Und nun hatte sich sogar Obama, der begnadete Charismatiker und Redner, in den Primaries-Debatten auf das Rezitieren von Prozentzahlen, Tabellen, „12-Punkte-Plänen“ und das Kleingedruckte der Politik abdrängen lassen. Er wollte ernst genommen werden und keine Fehler machen.

Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 12.05.2009 um 19:47 Uhr

    sinnvoller, nachzuforschen, was SIE SELBST falsch macht, beziehungsweise, was Obama richtig macht. Schließlich unterscheidet er sich von ihr doch prinzipiell darin, dass ER Erfolg hat...

    • Mejan
    • 12.05.2009 um 20:01 Uhr

    Gab es etwa in der Vergangenheit keine Situationen, wo man hätte etwas lernen können, und hat die Bundesregierung daraus gelernt.
    Unter Lernen versteht man den absichtlichen (intentionales Lernen) und den beiläufigen (inzidentelles und implizites Lernen), individuellen oder kollektiven Erwerb von geistigen, körperlichen, sozialen Kenntnissen und Fertigkeiten. Aus lernpsychologischer Sicht wird Lernen als ein Prozess der relativ stabilen Veränderung des Verhaltens, Denkens oder Fühlens aufgrund von Erfahrung oder neu gewonnenen Einsichten und des Verständnisses (verarbeiteter Wahrnehmung der Umwelt oder Bewusstwerdung eigener Regungen) aufgefasst.
    Kennt jemand auch nur einen Politiker aus der Bundesregierung, der dazu in der Lage wäre? Wir brauchen ein Politik und Politiker Upgrade.

  1. ... hat Herr Obama letzten November die US-Praesidentschafts-Wahl gewonnen, und zwar ziemlich ueberzeugend, mit Siegen in Staaten die bislang traditionell fuer republikanische Kandidaten stimmten (wie Virginia und Indiana). Er hat Rekord-Spenden gesammelt, eine Menge neuer Helfer mobilisiert, und hat immer noch 65% Zustimmung in der Bevoelkerung. Allzu viel kann er also bislang nicht falsch gemacht haben.

    Dass in jeder Kampagne, und in jeder Praesidentschaft, auch Fehler gemacht werden, ist logisch. Obama's politische and sonstige Fehler sind jedoch bis jetzt eher geringfuegig. Wenn ich die SPD waere, wuerde ich momentan eher darauf schauen, was Obama alles richtig gemacht hat, nicht was er falsch gemacht hat.

    Und bezueglich des Punktes, Obama vermeide die direkte Attacke auf den Gegner: Das tut er keineswegs. Allerdings geht er bei seinen Attacken ueberlegt vor und vermeidet Angriffe, denen die faktische Basis fehlt. So ist vielleicht der "Guru" Herr Westen der Ansicht, dass die Alleinschuld an der Finanzkrise in der "republikanischen Deregulierung seit Reagen" liegt ... bewiesen ist das deshalb aber noch lange nicht. (Und selbst wenn es so waere, was ja moeglich ist, hatte die "republikanische Deregulierung" auch unzaehlige Vorteile, die man fairerweise mit in die Rechnung einbeziehen muss, aber ich will mich da jetzt nicht lange mit aufhalten.) Also vermeidet Obama hier schlauerweise eine unnoetige Attacke, die ihm vielleicht 5 Minuten auf cable news eingebracht haetten, aber kein bisschen zur Loesung der Probleme der USA beigetragen haette. (Es ist zwar richtig, dass Obama sich im Wahlkampf bei zwei, drei Gelegenheute dazu hat hinreisen lassen, unbasierte Attacken zu fahren. Allerdings waren das m.E. genau die Momente, in denen er am wenigsten ueberzeugte.)

    Bei der Bevoelkerung kommt sein Verzicht auf plumbe Attacken jedenfalls sehr gut an. Die Amerikaner sind naemlich nicht alle so bescheuert, wie viele immer denken. Wenn Obama weiterhin besonnen regiert, und weiterhin wohlueberlegte Aussagen macht (die durchaus eine emotionale Ebene ansprechen koennen) anstatt einfach nur "soundbites" abzusondern (wie es 3/4 des SPD-Personals tut), wird ihm die Bevoelkerung auch bei der naechsten Wahl die Stange halten.

  2. ...wir brauchen erst einmal einen deutschen george w bush, um einen deutschen obama wertschätzen zu können...

  3. die spd resp. franky steinmeier hätte den new yorker lesen sollen, schon vor längerem, bzw. um das nachzumachen auch schon viel früher anfangen müssen...
    http://www.newyorker.com/...

    • tom310
    • 12.05.2009 um 21:16 Uhr

    Obama hat gewonnen weil er frischen Wind ins Land gebracht hat, ansonsten hätte Clinton die Primaries und auch die Wahl gewonnen. Und er hat Charisma. Und er hatte fast keine Altlasten (Rev. Wright ist nichts im Vergleich zur Agenda 2010). Kann sich irgendjemand da draußen Steinmeier als Visonär vorstellen, als eloquenten, mitreißenden Redner. Bei der deutschen Sozialdemokratie klingt ein "Jesch wie gänn" gerdezu lächerlich, zumal die SPD an der Regierung beteiligt ist. Doch Obamas größter Trumpf war G.W. Bush, der fehlt der SPD gewaltig. Und Obama profitierte von der Wirtschaftspolitik Bushs, Steinmeier müsste sich von seiner eigenen Arbeit distanzieren.
    Man könnte wahrscheinlich noch Stunden damit verbringen, die Unterschiede zwischen Obama und Steinmeier aufzuzählen. Eines lässt sich aber mit Bestimmheit sagen, wenn die SPD glaubt so gewinnen zu können, dann tut sie das, was sie in letzter Zeit am besten konnte: sich selbst etwas vormachen und dabei die Realität immer mehr aus den Augen zu verlieren...

  4. Kann man in der deutschen Politik nicht einmal etwas machen, ohne irgendwo abzukupfern? Die CDU schreit Jes wie Kän, die SPD holt sich irgendeinen Berater für viel Geld ins Haus.

    Leute von der Union und der SPD! Merkt Ihr nicht, dass Ihr immer bloß am Abkupfern seit? Ein Politiker vom Schlage Obamas wäre in Euren Parteien undenkbar. Man hätte ihn längst kaltgestellt oder aus der Partei der Parteiräson wegen hinausgeekelt.

    Macht endlich Eure eigenen Kampagnen - und lasst sie nicht immer von anderen aus Amerika machen. Bloß weil etwas aus Amerika kommt, bedeutet noch lange nicht, dass es auch gut für uns und bei uns praktikabel ist.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • keox
    • 13.05.2009 um 17:40 Uhr

    es ginge darum, seine Wähler endlich einmal ernst zu nehmen und ihren Auftrag zu erfüllen.

    • keox
    • 13.05.2009 um 17:40 Uhr

    es ginge darum, seine Wähler endlich einmal ernst zu nehmen und ihren Auftrag zu erfüllen.

  5. Der amerikanische Wahlkampf-Guru Drew Westen hat die deutschen Sozialdemokraten besucht und ihnen erzählt, was Obama falsch machte. Ob die deutschen Linken davon lernen?
    ...Bis dahin habe ich gelesen...weiter konnte ich nicht, der Lachkrampf hat mich davon abgehalten...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service