Erst versicherten sie, alles sei nach den Regeln gegangen. Dann kamen die Entschuldigungen. Nun werden Schecks geschrieben. Mit einem Wettlauf der Tugendhaftigkeit versuchen vom Spesenskandal angeschlagene britische Politiker etwas von ihrem Ansehen und der Würde des Parlaments zu retten – und hoffen, dass die Rehabilitierung noch vor der Europawahl greift.

Den größten Scheck schrieb am Mittwoch der Labour-Parlamentarier Phil Hope: Mit einer Rückzahlung von 41.709 Pfund (46.296 Euro) will er die Gunst seiner von der Schließung des Stahlwerks Corby bedrohten Wahlkreiswähler zurückgewinnen. "Es geht nicht um Stimmen. So bin ich eben", sagte er im Fernsehen.

Seit einer Woche tobt der Skandal, der "die parlamentarische Demokratie in Misskredit bringt". Die Zeitungen lesen sich wie Buchprüfungsberichte, nur amüsanter. Vom Badewannenstöpsel der Innenministerin bis zu den großen Grundstückstransaktionen – der Daily Telegraph hat sich 1,5 Millionen Spesenabrechnungen beschafft und Auflagen fördernd ausgewertet. Angefangen mit dem Kabinett werden alle Details systematisch ausgebreitet.

Am Mittwoch waren die Liberaldemokraten an der Reihe. 82 Prozent der Briten glauben nach einer Times-Umfrage, dass keine Partei ausgenommen ist. Volkshelden wie Guy Fawkes, der 1605 das Parlament in die Luft sprengen wollte, oder Oliver Cromwell, der das Parlament 1653 einfach nach Hause schickte, stehen hoch im Kurs. Weniger radikale Kommentatoren fordern sofortige Neuwahlen.

Die Parlamentarier können nach ihren eigenen Regeln abrechnen, was sie "vollständig, ausschließlich und notwendig" zur Erfüllung ihrer parlamentarischen Pflichten in Verbindung mit einem zweiten Wohnsitz benötigen – bis zu einem jährlichen Maximalbetrag von 23.083 Pfund. Jetzt fragen sich die Briten, warum dazu der Kinderwagen des Außenministers oder die Tampons der Frau des Einwanderungsminister gehören sollen. Sie wundern sich über die Rechnung des konservativen Abgeordneten für die Säuberung des Grabens seines Wasserschlösschen oder warum der "Schattenminister für Fortbildung", David Willetts, 115 Pfund für das Auswechseln von 25 Glühbirnen abrechnete.

Anderen Politikern könnte die Polizei ins Haus stehen. Bei Scotland Yard gingen Anzeigen ein, auch gegen Schatzkanzler Alistair Darling, der die geplünderte Staatskasse der Briten verwaltet, mit dem Sparen aber erst nach der nächsten Wahl anfangen will. Darling gehört zu denen, die immer wieder andere Häuser als zuschussberechtigte, für den Dienst Zweitwohnsitze deklarierten, sie mit Zuschüssen renovieren ließen und weiterverkauften – ohne für den Gewinn Steuer zu bezahlen. Darling wechselte den Zweitwohnsitz viermal in fünf Jahren und kassierte 111.000 Pfund, analysiert der Daily Telegraph.

Cameron verspricht angesichts der leeren Haushaltskassen eiserne Sparsamkeit. "Das muss auch für konservative Parlamentarier gelten", erklärte er nun. Ab sofort müssen alle Konservativen ihre Spesenrechnung "in Echtzeit" im Internet veröffentlichen. Warum der Premier nicht mitmachen wolle, fragte Cameron dann im Unterhaus und warf Gordon Brown, als dieser ausweichend auf die zuständige Parlamentskommission verwies, Führungsschwäche vor. "Brauchen wir auch noch eine Kommission, um zu entscheiden, ob wir morgens Tee oder Kaffee trinken?"