Irrwitz der Woche Hilfe, mein Kaffee schmeckt nach Pappe!

Unser Kolumnist liest einen Test und erlebt furchtbare Geschmacksverwirrungen

Die Wahl des richtigen Kaffees ist eine Kunst für sich

Die Wahl des richtigen Kaffees ist eine Kunst für sich

»Es geht um unseren Kaffee«, sagte meine Liebste atemlos, als sie mich auf dem Handy anrief. »Es ist etwas passiert...!«
»Um Himmels willen was?«, rief ich.
»Er ist getestet worden...«, begann sie.
»Na und?«, sagte ich.
»Hier steht, er schmeckt nach feuchter Pappe!«, sagte meine Liebste.
»Was für ein Unsinn«, rief ich fassungslos. »Die lügen!«

Wir haben Jahre benötigt, um den richtigen Kaffee zu finden. Er sollte nicht zu teuer sein, fair gehandelt, ökologisch angebaut. Er sollte sich im größten Morgenstress unkompliziert in der Drückkanne zubereiten lassen. Und natürlich sollte er gut schmecken. An manchen Tagen goss ich morgens drei oder vier Kaffeekannen parallel auf, um die optimale Marke und die optimale Mahlung im direkten Vergleich zu ermitteln. In manchen Nächten waren wir so zugedröhnt mit Koffein, dass an Schlaf nicht zu denken war.

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Am Ende, gerade als wir völlig erschöpft darüber nachdachten, auf grünen Tee umzusteigen, fanden wir den idealen Kaffee. Fair, Bio, in einer grünen Packung und im Drogeriemarkt in der Querstraße, was den Extra-Vorteil hatte, dass er beim Kauf von Windeln ganz nebenbei zu besorgen war.
Und ausgerechnet er, – er! –, sollte, stand tatsächlich in der Zeitschrift, die mir meine Liebste am Abend zeigte, »nach feuchter Pappe« schmecken!

»Das ist wirklich lächerlich«, sagte ich. »Wir sind doch zwei ziemlich anspruchsvolle Menschen. Hattest du jemals, auch nur ein einziges Mal beim Trinken den Eindruck...«
»Nein«, rief meine Liebste, »absolut nein! Und du?«
»Natürlich nicht, keinesfalls!«, sagte ich. »Das muss ja ein merkwürdiges Test-Institut sein!«

Wie sich herausstellte, handelte es sich um ein hoch angesehenes Institut, das diverse Kaffeesorten in unterschiedlichen Zubereitungsarten von menschlichen Testern hatte verkosten lassen.

»Trotzdem«, sagte ich später, als wir im Bett lagen. »Woher wollen diese Tester überhaupt wissen, wie feuchte Pappe schmeckt? Oder kannst du dir vorstellen, dass sie vorher zum Vergleich in alle möglichen Materialien gebissen haben: In feuchte Pappe, in trockenes Papier, in altes Gummi, in ranziges Leder, in alten Pferdemist...?«
Es war wirklich lächerlich. Höhnisch kichernd schliefen wir ein.

Und unser Kaffee schmeckte am nächsten Morgen so hervorragend wie immer. Keine Spur von Pappe, schon gar nicht von feuchter. Wortlos warf ich das Heft mit dem Test auf den Altpapierstapel und brühte noch eine Extrakanne auf.

Leser-Kommentare
  1. ... hatte ich eine kleine Satire auf den Coffee-to-go-Trend erwartet.

    • giobio
    • 08.05.2009 um 22:23 Uhr

    Wie wird Pappe zubereitet, dass sie schmeckt? Oder geht es in dem Test wirklich um Kaffee? Ich könnte mir noch vorstellen, ein Stück meines edlen Briefpapiers zu probieren (und dann mit einem Schluck Prodomo herunterzuspülen), aber einen herzhaften Biss in meine Klopapierrolle...???

  2. So, der Kaffee schmeckt wie Pappe, warum auch nicht, besonders wenn Selters wie "Eingeschlafene Fuesse schmeckt" ?

  3. Solche Geschmacksvergleiche finde ich prinzipiell nicht schlecht und meist recht nachvollziehbar. Gerüche lösen doch oft bestimmste Geschmacksassoziationen aus, selbst wenn man von dem bestimmten Gegenstand noch nie genascht hat.

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  • Serie Irrwitz der Woche
  • Quelle ZEIT ONLINE, 8.5.2009
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