Berliner Theatertreffen "Kreative sind allein"
Das Theatertreffen zeigt nicht nur große Produktionen, sondern bietet auch jungen Dramatikern ein Forum. Wie Oliver Kluck, dessen "Prinzip Meese" auf dem Stückemarkt gelesen wurde

© Jan Zappner
"Mich befriedigt die klassische Form nicht", sagt der Autor Oliver Kluck (*1980)
Herr Kluck, Das Prinzip Meese beginnt mit dem Vorschlag an, Helmut Schmidt als einzigen Sprecher des Stücks einzuladen. Haben Sie ihn gefragt, ob er das tun würde?
Nein. Als das Stück entstanden ist, gab es eine Helmut-Schmidt-Kampagne. Überall Plakate, auf denen man ihn rauchen sah. Beim Warten auf die S-Bahn fielen sie mir auf, und ich habe gedacht, er kommt jetzt in den Text rein.
Warum?
Helmut Schmidt ist als jemand bekannt, der immer für die strikte Einhaltung von Normen und Gesetzen gesorgt hat. Jetzt im Alter setzt er sich über eine Konvention hinweg, die überall einen gesellschaftlichen Konsens hat. Wenn Helmut Schmidt alle vollraucht, finden die Leute das kurioserweise sympathisch. Es ist ein Phänomen, das mich sehr interessiert und das ich im Stück nicht erschöpfend behandelt habe. Ich habe es als Skizze vermerkt und komme später darauf zurück.
Neben Helmut Schmidt taucht noch ein berühmter Name in Ihrem Stück auf. Allerdings nur im Titel: Jonathan Meese. Ihn kann ich mir übrigens nicht rauchend vorstellen.
Der raucht auch nicht, glaube ich. Ich habe mal einen Kurzfilm gedreht, in dem alle rauchen mussten. Auch die Kinder. Beim Prinzip Meese fand ich erstrebenswert, dass man nicht physisch raucht, sondern die Konventionen überdenkt. Das ist das Interessante an Jonathan Meese. Er sagt: "Das Buch musst du lesen und genau machen, was drin steht. Aber alles andersrum. Wenn die einen 1 oder 2 sagen, dann sagst du a oder c, und dann geht die Reise los." Das ist mir durch den Kopf gegangen und hat mich nicht mehr losgelassen. So ein Meese-Gedanke.
Ihr Stück besteht aus Aussagen, Behauptungen und essayistischen Exkursen, teilweise auch aus Beschreibungen alltäglicher Handlungen. Das Ganze wirkt wie ein reiner Gedankenfluss.
Mich befriedigt die klassische Form nicht. Ich möchte den Regisseuren die Freiheit geben, ein Maximum aus dem Text, der Aussage, der Stimmung herausholen zu können. Eine Stimmung, ein Gefühl ist viel besser als eine Regieanweisung.
Wie kam es zu diesem Textverständnis?
Das Prinzip Meese ist mein drittes Theaterstück. Bei den beiden anderen stand ich mir oft im Weg, weil ich mir zu viele Gedanken über das Theater gemacht habe. Ich habe wochenlang überlegt, wie die Figuren überhaupt heißen sollen. So ein Unfug. Schauspieler haben eine Sprache, ein Gesicht! Was sie sagen, ist wichtig, nicht ihre Namen.
- Datum 11.05.2009 - 16:58 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Theatertreffen-Blog
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Also Jonathan Meese ist der Künstler in uns. Einsam kreativ, er diktiert uns das Diktum unserr Zeit : sei kreativ, sei ungleich, beherrsche das Andere mit Deiner Sprache. Aber man selber hat eben einfach nicht den Mut dazu. Deswegen die Prinzipien, denn die sind wenigsten eine Möglichkeit sich von Wort zu Wort zu hangeln. Bequeme Sicherheit, anstatt sich brüllend nach vorne zu trauen wie es ein Meese macht, der in seinen Verbalauftritten oft mehr zu bieten hat als in seiner Atelierkunst, vor allem aber mehr, als was die Feldherren der Deutschen Sprachackerlandschaften so derzeit in der Lage sind zu bestellen.
Schade eigentlich.
Umso weniger verwunderlich dann, dass ganz und gar übersehen wurde dass das Prinzip Meese eben nicht nur die genialische Art des Selbstenwurfes ist, also selber zu entscheiden wen man penetrieren will, sondern vor allem auch eine Erfindung von CONTEMPORARY FINE ARTS ist. Eine der potentesten Galerien der Deutschen Berliner Kunstrepublik.
Interessant wäre es gewesen ein Stück zu schreiben über Jonathan Meese, der Angstverzerrt in seinem Bett liegt, weil er dermassen die Hoden/Hosen voll hat von/vor der finanziellen Courage seines Galeristen, der noch viel vor hat mit seinem Wunderkind. Alles passt: Meese sieht wild aus, redet wirr und macht in jederlei Hinsicht einen exzessiven Eindruck. Und wie er redet: in Aussagesätzen!!! Das traut sich heute keiner mehr, weil wir alle weichgespülte Tinte im Kuli haben. Und: Das wichtigste : Er kann mit Trinkbold Sammler Falckenberg Gans essen und literweise Rotwein saufen.
Der Künstler als Spiegelbild der Angst vor unserem eigenen Exzess. Wir sind immer noch nicht weiter
Setzen !!!
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